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Wie von Geisterhand

1977 sorgte der dokumentierte Fall eines Poltergeists in England für Aufsehen. In der Serie
The Enfield Haunting folgt ARTE dem Phänomen.

ARTE France © Nick Briggs

ARTE France © Nick Briggs

Können diese Augen lügen? Nur Janet Hodgson weiß, ob die Geschichten rund um ihr Elternhaus im Londoner Stadtbezirk Enfield wahr oder erfunden sind. Das Mädchen ist elf Jahre alt, als sich in seinem Zimmer am 31. August 1977 eine Kommode wie von selbst durch den Raum bewegt. Ein Kinderstreich? Oder aber ein Poltergeist, der sich bei den Hodgsons niedergelassen hat?

Die Geschichte rund um Janet, ihre drei Geschwister und Mutter Peggy in der 284 Green Street in Enfield sorgte Ende der 1970er Jahre für Schlagzeilen. Nachdem Legosteine und Murmeln durch das Haus geflogen waren und die junge Janet mit tiefer Stimme Botschaften wie von einer anderen, männlichen Person weitergegeben hatte, wusste Mutter Peggy nicht weiter, ging zur Polizei und an die Presse.

Als „the house of strange happenings“, das Haus der seltsamen Vorfälle, ging es in die Pressegeschichte der britischen Tageszeitung „Daily Mirror“ ein – und wurde damit nicht nur der am besten dokumentierte, sondern auch einer der umstrittensten Fälle paranormaler Geschehnisse. Regisseur Kristoffer Nyholm („The Killing“) sah in dem kontroversen Stoff Material für seine Miniserie „The Enfield Haunting“, die auf ARTE ausgestrahlt wird.

Von Angst gepackt

Vorlage für die Serie war das Buch „This House is Haunted“ (1980) von Guy Lyon Playfair. Seit 1974 gehörte der Brite zur Society for Psychical Research (SPR), einem Verein zur Erforschung paranormaler Phänomene. Gemeinsam mit seinem Kollegen Maurice Grosse untersuchte er die Vorkommnisse in der Green Street und dokumentierte alles, was er dort erlebte.

In „The Enfield Haunting“ spielt Matthew Macfadyen den Autor. Bekannt wurde der britische Schauspieler vor allem durch seine Rolle des unnahbaren Mister Darcy im Film „Stolz und Vorurteil“ aus dem Jahr 2005. In der neuen Miniserie mimt er nun den Charakter des erfahrenen Geisterjägers: „Guy Playfair ist eine faszinierende Persönlichkeit“, sagt Macfadyen dem „Enfield Independent“ über seine Begegnung mit dem Experten. „Auch wenn es mir nicht darum ging, ihn komplett nachzuahmen, ist es doch immer einschüchternd, eine Person zu spielen, die es wirklich gibt.“

Als Macfadyen für die Rolle engagiert wurde, hatte er das Buch von Playfair noch nicht gelesen. „Ich habe nur das Drehbuch gesehen, das gut geschrieben war, spannend und auch ein wenig gruselig. Deshalb habe ich sofort zugesagt“, so der 41-Jährige.

Auch sein Serien-Kollege Timothy Spall, bekannt aus Filmen wie „Harry Potter“ oder „Sweeney Todd“, ließ sich vom Drehbuch packen: „Beim Lesen bekam ich Angst, weil alles so glaubhaft geschrieben war“, sagte er zur britischen Zeitung „The Telegraph“. Ob er selbst an die Geschichte rund um das Haus glaubt, in dem sich Gegenstände wie von Geisterhand bewegt haben? „Ich bin mir nicht sicher. Bisher habe ich noch keinen Poltergeist gesehen, aber ich denke, dass es mehr gibt als das, was wir bewusst wahrnehmen und sehen können.“ Und auch Macfadyen sagt: „In diesem Haus ist etwas passiert, das niemand erklären kann. Es wäre zu kurzsichtig zu sagen, dass all das Unsinn sei.“

Nicht nur Playfair, auch Grosse, die Nachbarn der Hodgsons und sogar die Polizei bestätigten die paranormalen Vorkommnisse. Die unheimliche Stimme, die von Janet ausging und von der es Tonaufnahmen gibt, war selbst dann zu hören, als sie den Mund voller Wasser hatte. Können die Kinder diesen Spuk tatsächlich inszeniert haben?

„Die Familie war unglaublich verängstigt, wie sollte man das vortäuschen? Und warum? Sie sind nicht allein zur Toilette oder in die Küche gegangen und haben mit Licht geschlafen“, erinnert sich der heute 81-jährige Playfair in einem Interview.

14 Monate waren er und Grosse vor Ort, um den Poltergeist zu verstehen. „Maurice hat gute Arbeit geleistet“, so Playfair. „Er hat es geschafft, dass die Familie ihre Angst langsam verloren hat, und er hat ihr Interesse für das Übernatürliche geweckt.“

Trotz der realen Grundlage ist „The Enfield Haunting“ nicht dokumentarisch, sondern eine Nacherzählung mit fiktiven Elementen. „Die Serie hätte auch schlecht sein können – doch zum Glück ist sie sensibel erzählt und dadurch so überzeugend“, sagt Macfadyen.

Janet Hodgson gibt heute noch wenige Interviews. Wer in ihre Augen sieht, kann nicht sicher sein, ob die Geschichte wahr ist. Doch man erkennt in ihrem Blick noch immer eines: einen Hauch von Angst.

Karoline Nuckel

 

Arte Highlight

Im Haus der Familie Hodgson im Londoner Stadtbezirk Enfield treibt im Jahr 1977 ein Poltergeist sein Unwesen. Geisterjäger Maurice Grosse und Guy Lyon Playfair sollen dem Spuk ein Ende bereiten – doch das gestaltet sich schwieriger als erwartet.

 

The Enfield Haunting
Miniserie
Donnerstag, 27.10. | ab 20.15

Kategorien: Oktober 2016