Jeder Ton ein Bekenntnis

Die „Naturgöttin, die mit den Wölfen tanzt“ wurde die gefeierte Konzertpianistin Hélène Grimaud genannt. Die Leidenschaft für die Tiere machte sie weltberühmt. Dann zog sie sich abrupt zurück. Und fasziniert heute aufs Neue – als Musikerin, Tierschützerin und Schriftstellerin.

© Mat Hennek

© Mat Hennek

 

Es ist der Blick in dem schönen, klaren Gesicht von Hélène Grimaud, dem man sich nicht entziehen kann, wenn man ihr begegnet: marineblau. Beseelt. Unverstellt. „Ich glaube, also spiele ich“, schrieb einst „Der Tagesspiegel“ über sie. Wohl wahr, wenn man ihre CD-Aufnahmen hört, die sie „Credo“, „Reflection“ oder „Water“ nennt. Wenn sie auf die Bühne tritt, elfenhaft, im dunklen, lockeren Gewand, ungeschminkt, mit ungeordnetem Haar, ahnt man, dass jeder Auftritt für sie existenziell ist. Nichts soll ablenken von der Kunst, schon gar nicht, wenn sie Beethovens 4. Klavierkonzert spielt – für sie mit „das Außergewöhnlichste“, was je für Klavier komponiert wurde. „Das Klavier eröffnet das Konzert! Das gab es vorher nicht!“ Spektakulär die Momente, wenn sie ihre berühmt-berüchtigte „Pranke“ ausfährt und es dabei brillant rauschen und krachen lässt. „Beethoven bestialisch“ schrieb „Der Spiegel“ über einen Auftritt. Wirklich berührend sind die Momente der inneren Versenkung, etwa im dunklen Andante, dem mittleren Satz, wo sie, von Klangwellen getragen, mit verklärtem Blick ganz bei sich scheint. „Es ist so viel von jenem Streben darin, so viel von jenem Glauben, dass etwas möglich wird, wenn man nur daran glaubt“, sagt sie über Beethovens Musik. Und: „Man darf seine Musik nicht nur schön oder leicht und locker wie Popcorn spielen. Dann zerstört man sie“ („Süddeutsche Zeitung Magazin“). Jeder Ton ein absolutes Bekenntnis also, jeder Harmoniewechsel eine andere Farbe. Schließlich sagt man der Pianistin nach, sie sei Synästhetikerin, könne „Farben hören“. „G-Dur ist für mich immer grün“, erklärt sie. Aber auch: „In Wirklichkeit ist das weniger interessant, als es sich anhört.“

„Der wahre
Künstler muss
obsessiv sein“

Sie sei schon als Kind anders gewesen, fand ihre Mutter. „Schwer zu erziehen“, sagt die heute 46-Jährige über sich selbst und lacht. „Ich war hyperaktiv, besessen, fixierte mich auf Dinge, die ich dann nicht loslassen wollte – wie ein Pitbull.“ Ein Kind, das nie mit anderen spielte, das schwierige Fragen stellte und einen manischen Drang nach Ordnung an den Tag legte. Mit bizarren Konsequenzen: Wenn sie sich das eine Knie aufschlug, musste auch das andere daran glauben. „Ich hatte das obsessive Bedürfnis nach Symmetrie“, erzählt sie.

Verzweifelt suchten die Eltern, beide Altphilologen an der Universität in Aix-en-Provence, eine Beschäftigung für ihr Kind, schickten sie zum Ballett, zum Tennis, zum Kampfsport. Nichts half. Eines Tages hörte die Achtjährige in der Schule ihre Lehrerin am Klavier. Da wusste sie es. „Das war meine Rettung!“ Sie fing an zu üben, vergaß darüber Essen und Schlaf. „Der wahre Künstler muss obsessiv sein!“ Mit zwölf schaffte sie die Aufnahme am Pariser Konservatorium, als jüngste Studentin aller Zeiten. Mit achtzehn den internationalen Durchbruch an der Seite von Daniel Barenboim, begeistert gefeiert wegen ihres „ungestümen und ausdrucksstarken Spiels“ („International Herald Tribune“). Bald trat sie mit allen Großen der Musik auf und hatte über 100 Konzerte pro Jahr.

Früh schon spürte sie, dass Ruhm und Geld nicht das wahre Glück sein konnten. „Eigentlich bin ich heimatlos“, sagt Grimaud, in deren Adern kaum französisches Blut fließt. Ihre korsische Mutter stammt von nordafrikanischen Juden ab, ihr Vater hat deutsche Vorfahren. Bei einem Nachtspaziergang in Florida, wohin sie mit ihrem damaligen Freund gezogen war, begegnete sie einer Wölfin, zu der sie plötzlich eine seltsame Nähe fühlte, eine tiefe Verbindung. Heimat vielleicht? Sie begann die Spezies zu erforschen, erarbeitete sich die Wolfshalterlizenz und ließ 1999 ein Gehege errichten, in South Salem, nordöstlich von New York, das heutige „Wolf Conservation Center“. Die Hälfte des Jahres verbringt sie hier, im Engagement für eine vom Aussterben bedrohte Tierart. Die andere auf Konzertreisen.

Dieses Doppelleben zwischen globalem Kultur-Jetset und der Urszene aller Kultur rief die PR-Strategen auf den Plan. Was für Bilder! „Die Seelenverwandte der wilden Tiere“, „Die Retterin der verfolgten Kreatur“, schwärmten die Medien. Bereitwillig spielte Hélène Grimaud zunächst mit; ließ sich mit dreckigen Gummistiefeln in ihrem Privatissimum, dem Wolfsgehege, fotografieren, beherrschte aber ebenso die Pose des Püppchens in Taft und Tüll, das sich vor einem Steinway räkelt, obwohl ihr Schminke und Schmuck zuwider waren. Irgendwann kam jedoch der Moment, in dem die PR-Lawine sie zu überrollen schien. Sie fühlte sich gefangen, war genervt von „dem Kitsch“, dem „ewigen Gerede von der Pianistin und den Wölfen“, das kaum Raum für ihre politische Arbeit, den Artenschutz, ließ. „Schluss!“, sagte sie sich: „Jetzt kommt etwas Neues.“ Und folgte ihrem Lebensgefährten, dem Fotografen Mat Hennek, 2005 in die Schweiz.

„Wahrscheinlich haben
mich die Wölfe davor
bewahrt, menschen-
feindlich zu werden“

Bereits als Kind hatte sie das Spiel mit den Worten, ihr poetischer Klang fasziniert. Wie in der Musik ließ die Fantasie sie auch hier nicht im Stich. „Wolfssonate“ nannte sie ihre wortgewaltige Biografie, in der sie in seltener Offenheit von ihren Zweifeln und Zwangsstörungen erzählte – angereichert mit philosophisch-poetischen Reflexionen über die Kultur- und Verhaltensgeschichte von Wölfen. Es folgte „Lektionen des Lebens“, in denen sie sich auf die Reise zum verlorenen Ich begab. 2010 erkrankte sie schwer und verschwand mehrere Monate lang aus der Öffentlichkeit. Doch ihre Kraft kehrte zurück, auch „dank der Wölfe“. Seit 2014 lebt sie schließlich wieder in den USA. „Ich gehöre dorthin. Wahrscheinlich haben mich nur die Wölfe davor bewahrt, ganz menschenfeindlich zu werden.“

Ob sie weiß, dass eine ihrer größten Verehrerinnen Madame Ciocco ist, die Pariser Wunderkosmetikerin, zu der „tout Paris“ geht, darunter auch die einstige First Lady Carla Bruni-Sarkozy? Madame empfiehlt nämlich Grimauds letzten Roman „Das Lied der Natur“: „Ich lese ihn jeden Morgen. Wirkt besser als jede Creme. Und spart Geld.“

Teresa Pieschacón Raphael

 

Hélène Grimaud

Diskografie

„Reflection“ (2005), „Beethoven“ (2007), „Resonances“ (2010), „Mozart“ (2011), „Duo“ (2012), „Brahms Concertos“ (2013), „Dichterliebe“ (2013), „Water“ (2016)

Bibliografie

„Wolfssonate“ (2006), „Lektionen des Lebens: Ein Reisetagebuch“ (2007), „Das Lied der Natur: Romantische Fantasien“ (2014)

 

 

Arte Schwerpunkt
Ludwig van Beethoven

Hélène Grimaud interpretiert das 4. Klavierkonzert von Beethoven
Konzert
Sonntag, 2.10. | 18.25

Die Akte Beethoven
Dokudrama
Sonntag, 2.10. | 23.20

Lucerne Festival – Beethoven: Symphonie Nr. 5 c-Moll, op. 67
Konzert
Sonntag, 2.10. | 00.15

Martha Argerich interpretiert das 1. Klavierkonzert von Beethoven
Konzert
Sonntag, 2.10. | 00.50

L. v. Beethoven: Symphonie Nr. 9 – P. Jordan
Konzert
Sonntag, 9.10. | 18.00

Mondscheinsonate – Die Volkspianistin Elly Ney
Porträt
Sonntag, 9.10. | 01.05

Philippe Jordan dirigiert Beethoven
Konzert
Sonntag, 9.10. | 02.00

L. v. Beethoven: Klavierkonzert Nr. 3 – L. Vondracek
Konzert
Sonntag, 16.10 | 18.30

Rheingau Musik Festival: „Missa Solemnis“
Konzert
Sonntag, 16.10 | 01.05

N. Znaider spielt Beethovens Violinkonzert
Konzert
Sonntag, 23.10. | 18.25

L. v. Beethoven: „Pastorale“, FRSO, Hannu Lintu
Konzert
Sonntag, 30.10. | 18.30

Max Reger: Klavierkonzert f-Moll op. 114:
Konzert
Sonntag, 30.10 | 00.45

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Kategorien: Oktober 2016