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Die Bühne als Laufsteg

Selbst für einen der größten französischen Designer gibt es noch ein erstes Mal: Mit seinen Kreationen für den Friedrichstadt-Palast hat sich Jean Paul Gaultier einen Kindheitstraum erfüllt.

© Alexandre Guirkinger/ Rose Agency

© Alexandre Guirkinger/ Rose Agency

Er machte den Seemannspullover laufstegtauglich, den Rock für Männer populär und schuf mit Madonnas Spitzbusenkorsett ein Design für die Ewigkeit: Jean Paul Gaultier. Mit seinen unkonventionellen Kreationen und exzentrischen Modeschauen ist er bis heute das Enfant terrible der französischen Modeszene, ein Freigeist, eine Ikone – und hat dabei selbst nie eine Modeschule besucht.

In diesem Jahr erfüllte sich für Gaultier „ein Kindheitstraum“. Zum ersten Mal hat der Couturier, der die Grenzen des Gängigen und Gewohnten immer wieder überschreitet, Kostüme für eine Revue entworfen. Für „The One Grand Show“, die am 6. Oktober Premiere feiert, hat der Berliner Friedrichstadt-Palast den Franzosen als Chefdesigner engagiert. Gaultier tritt damit in die Fußstapfen der Modemacher Christian Lacroix und Thierry Mugler.

Bei den Kreativen der Modebranche ist das Genre „Revuetheater“ beliebt, nehmen doch neben Akrobaten und Tänzern auch die Kostüme eine Hauptrolle ein. Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich entstanden, erlebte es zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Blüte. Als opulente Nummernshow wurde das Format in die ganze Welt exportiert. In New York waren die „Ziegfeld Follies“ bald die erfolgreichste Show am Broadway, das Große Schauspielhaus, der heutige Friedrichstadt-Palast, brachte ab 1918 die Musikshow „Im weißen Rößl“ und Erwin Piscators politische Revue „Trotz alledem“ auf die Bühne, während Marlene Dietrich des Öfteren im Berliner Admiralspalast gastierte. In Paris, der Wiege des Genres, zeigten Tänzerinnen wie Colette, Mata Hari und Josephine Baker ebenso provokant wie dekorativ ihr Können, ihre Beine und vor allem sehr, sehr viel Haut. Die französische Hauptstadt war es auch, die Jean Paul Gaultiers Begeisterung für die Revue weckte.

Im Alter von neun Jahren besuchte er eine Premiere im Revuetheater „Lido“. „Am nächsten Tag in der Schule“, so erzählt er, „habe ich die Tänzerinnen mit ihren Federn und ihren Netzstrumpfhosen gezeichnet.“ Seine Lehrerin war davon wenig begeistert. Zur Strafe heftete sie ihrem Schüler die Zeichnung an den Rücken und zwang ihn zu einem beschämenden Schaulauf durch die Klassen. Statt Hohn, Spott und Gelächter stellte sich jedoch der gegenteilige Effekt ein: Der eher unbeliebte Junge, der nicht einmal gut Fußball spielen konnte, wurde plötzlich zum gefragten Auftragszeichner.

Für den kleinen Jean Paul war dieser Besuch eine Art Initiationserlebnis. Jetzt, viele Jahre später, schließt sich für ihn der Kreis. Durch sein Engagement am Friedrichstadt-Palast werde sogar, so der 64-Jährige, „mehr als ein Traum wahr“. Berlin sei für ihn die Stadt, die das Kabarett der 1920er Jahre definiert habe, und der Friedrichstadt-Palast ein Ort, der sich mehr als einmal neu erfunden habe. Von der Zusammenarbeit zeigt sich Gaultier begeistert: Für seine Kreationen habe er „absolute Gestaltungsfreiheit“ gehabt und die Arbeit mit dem Team sei ein „wahres Vergnügen“ gewesen – ob mit dem Intendanten Berndt Schmidt, dem Regisseur Roland Welke oder der Kostümdirektorin Sylvia Zuhr. „Ich mag ihre Strenge und ihre Kreativität“, sagt Gaultier. Die Produktionskosten der neuen Show belaufen sich auf zehn Millionen Euro. Wie viel davon in die 500 Kostüme floss, ist ein wohlgehütetes Geheimnis.

Stilistisch bleibt sich Gaultier, der seit seiner ersten Kollektion im Jahr 1976 kontinuierlich in der Modebranche mitmischt, treu: Markenzeichen wie Breton-Streifen und stark überzeichnete Silhouetten, ausladende Röcke, Punkfrisuren und überspitze Bustiers werden auch auf der Bühne des Friedrichstadt-Palasts zu sehen sein. Für die Tänzer stellen die extravaganten Entwürfe eine Herausforderung dar. Wie bewegt man sich in und mit Roben, die eher avantgardistischen Installationen ähneln als einem klassischen Tutu? Wie gelingt der schnelle Kostümwechsel? Wie eine perfekte Pirouette? Wie eine komplizierte Hebefigur oder eine – für das Genre typische – exakte Kickline?

„Es erinnert mich
an das Berlin
der 1920er Jahre, an
die grosse Freiheit
der Epoche“

Jedes Kostüm der Show ist ein Unikat. Für die Mitarbeiter in den Werkstätten stellt sich vor allem die Frage, ob sie den Praxistest bestehen werden, das heißt die in den kommenden zwei Jahren tagtägliche Beanspruchung durch die Tänzer, durch Bewegung und Schweiß. Hinter den Kulissen werden sie, so viel steht fest, alles dafür tun, dass Jean Paul Gaultiers Traum schön wird.

Katrin Ullmann

 

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Kategorien: Oktober 2016