Der reformierte Mensch

In einer Zeit zwischen Stagnation und Aufbruch legte Martin Luther den Grundstein für die Moderne. 500 Jahre später ist die Reformation aktueller denn je.

© Michael Arnold

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Das moderne Europa – ohne die Entdeckung des Individuums, das Aufkommen von Wissenschaft und Technologie würde es nicht existieren. Das versteht erst, wer seine Klischees über das späte Mittelalter ablegt. Jene Zeit, in die Martin Luther und vor ihm Johannes Gutenberg, Leonardo da Vinci, Michelangelo und Albrecht Dürer hineingeboren wurden. Diese scheinbar ferne Epoche ist unserer Gegenwart in ihrer Dynamik ähnlicher, als auf den ersten Blick erkennbar. Es war ein Jahrhundert der Unsicherheit, des Übergangs und der großen Veränderung. Herausforderungen, vor denen auch heutige Generationen stehen.

Vor 500 Jahren lebten die Menschen in einer für uns unverständlich tiefen Frömmigkeit, die die Grenzen des Aberglaubens zuweilen weit überschritt. Damals erreichte die Hälfte aller Kinder das dritte Lebensjahr nicht. Der Tod, den wir aus unserer Wahrnehmung verdrängt haben, beherrschte im Mittelalter den Alltag. Ebenso wie die Angst vor dem Jüngsten Gericht, das darüber entschied, ob jemand in die Seligkeit des Himmels aufgenommen oder für alle Ewigkeit in die Hölle verdammt wurde. Das Fegefeuer bot Gläubigen die letzte Möglichkeit, sich von ihren Sünden zu befreien und sich sozusagen nachträglich für das Paradies zu qualifizieren. Die Qualen verkürzen konnte vor allem der Ablass, also Reue, Beichte und Buße oder auch Almosen an die Kirche, der sogenannte Ablasshandel.

Diese Umstände machten die Läuterung zeitlicher Sünden allgegenwärtig und führten paradoxerweise zu einer ungezügelten Lebensgier. Hohe Kleriker ließen sich ihre Wände mit obszönen Motiven ausstatten. Prälaten, Bischöfe und Kardinäle lebten öffentlich mit Frauen zusammen und verwiesen mit Stolz auf ihre Kinder. Die Verunsicherung der Menschen war jedoch groß, weil niemand darüber Gewissheit besaß, ob und wann der harte Weltenrichter Jesus Christus mildernde Umstände gelten ließ. Den liebenden Christus sollten erst Luthers Mentor und Ordensoberer Johann von Staupitz und Martin Luther selbst entdecken.

Die Menschen der Epoche fühlten einen unstillbaren Drang nach Wissen, nach wirtschaftlichen Unternehmungen von größter Kühnheit, nach einem fast an Gott heranreichenden Schöpfertum. Nach 1400 schossen die – wie wir heute sagen würden – Start-ups wie Pilze aus dem Boden. Die kreativen Finanzierungen dieser Zeit könnten mit unseren durchaus wetteifern. Männer wie Filippo Brunelleschi, der Schöpfer der Kuppel des Florentiner Doms, und Johannes Gutenberg, der Erfinder des Buchdrucks mit beweglichen Lettern, ersannen neue Maschinen und Technologien.

Kleriker sahen ihre Macht schwinden und warnten die Menschen vor der Anmaßung, mehr wissen zu wollen, als ihnen zustand. Anstatt die Bibel zu lesen, sollten sich die Gläubigen mit den Erläuterungen der kirchlichen Autoritäten zufriedengeben. Doch die Zeiten standen auf Wandel: Während Jan Hus 1415 noch auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, weil er die Macht der Kirche infrage stellte, empfanden viele Luthers Ideen als Befreiung. Von Anfang an stellten sich mächtige Städte wie Nürnberg oder Fürsten wie Kursachsens Friedrich der Weise auf seine Seite. Die Einschüchterungsversuche der Kirche griffen zunehmend ins Leere. Stellvertretend für viele entgegnete der Maler Albrecht Dürer den kirchlichen Autoritäten zu jener Zeit: „Etwas können ist gut. Denn dadurch entsprechen wir umso mehr dem Bild Gottes, der alles kann.“

Das Individuum im Glauben

Martin Luther studierte – anfangs getrieben von Selbstzweifeln und einer tiefen Angst vor dem strafenden Gott – die Bibel eifrig. In der Heiligen Schrift fand der junge Theologe jedoch nichts vom Fegefeuer, nichts davon, dass der Mensch sein Hab und Gut veräußern musste, um sein Seelenheil zu erretten und Vergebung zu erwirken. Im Gegenteil: Der Mensch war vor Gott durch seinen Glauben allein gerechtfertigt. Luther erkannte, dass Bürokratie, Ämterhäufung, Korruption, Bigotterie und Heuchelei überhand genommen hatten. Und so schritt er – auch wenn dies manch Historiker für eine Legende hält – am 21. Oktober 1517 zur Schlosskirche zu Wittenberg und schlug dort seine Thesen zum Ablass an, mit denen die Reformation ihren Anfang nahm.

Der Mönch aus Wittenberg begründete aber noch etwas viel Wichtigeres, nämlich die Grundlage des modernen Europas, die theologische, philosophische und rechtliche Basis für die Bürger- und Menschenrechte. Er sagte: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan.“ Luther hatte mit dem Ich im Glauben das Individuum gefunden. Vor den Mächtigen auf dem Reichstag zu Worms weigerte er sich 1521, seine Lehre von der Freiheit des Individuums zu widerrufen, und begründete es mit den Worten: „Wenn ich nicht überwunden werde durch die Zeugnisse der Schrift oder durch die evidenten Vernunftgründe – denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil feststeht, dass sie sich oft geirrt und selbst widersprochen haben –, bin ich durch die von mir hinzugezogenen Schriftstellen besiegt, und das Gewissen ist im Wort Gottes gefangen, und ich kann und ich will nicht irgendwas widerrufen, weil es weder gefahrlos noch heilsam ist, gegen das Gewissen zu handeln.“ Hier steht das einfache auf sein schutzloses Menschsein geworfene Individuum gegen das Establishment und beruft sich auf sein Gewissen.

Das Fundament Europas

Martin Luther tarierte die Freiheit mit dem Gewissen und der Verantwortung aus, schuf so den bis heute modernsten Freiheitsbegriff. Seine Definition von der Selbstständigkeit des Individuums in seinen unveräußerlichen Rechten wurde ein Jahrhundert später wieder aufgenommen. Der französische Philosoph René Descartes, der mit seinem Rationalismus die Tür zur modernen Wissenschaft aufschlug, begründete Luthers Definition mit der Fähigkeit des Menschen zum (Selbst-)Denken, bevor sie der Aufklärer Immanuel Kant mit der Forderung verknüpfte, der Einzelne solle sich aus der Unmündigkeit befreien. Luthers Entdeckung des Ichs, die Erforschung des Individuums, seiner Möglichkeiten, seiner Rechte und Pflichten durch die Philosophen der Aufklärung – all das führte zu den Bürger- und Menschenrechten, auf denen unsere Gesellschaft heute beruht.

In der Gegenwart ist die Reformation an einen Punkt gelangt, an dem es lohnt, den Reformator erneut zu befragen. Im Vergleich zum Ansehen der Theologie im Mittelalter und der frühen Neuzeit als Universalwissenschaft wäre Luther heute Sozialreformer und Gesellschaftswissenschaftler. Seine Forderung, die Stellung des Menschen in der Gesellschaft radikal zu überdenken und dabei von der Freiheit des Einzelnen auszugehen, sich nichts von seiner Individualität abhandeln zu lassen, liest sich, als hätte Martin Luther zu den heutigen Generationen gesprochen. Sie tragen dafür Verantwortung, dass das von Luther entdeckte Individuum nicht eines Tages in der virtuellen Realität verpufft und ein Überwachungskapitalismus anbricht, der den Menschen nur noch als Datenrohstoff betrachtet.

Klaus-Rüdiger Mai

Klaus-Rüdiger Mai ist Autor, Dramaturg und Regisseur. Sein Spezialgebiet sind die religiösen Kulturen Europas gestern und heute. In diesem Jahr erschien sein neuestes Buch: „Gehört Luther zu Deutschland?“. Der 53-Jährige lebt mit seiner Familie im Berliner Umland.

Arte Schwerpunkt

Die Gegenwart ist geprägt von Überzeugungen wie Weltoffenheit und Meinungsstärke sowie einer Sehnsucht nach globaler Gerechtigkeit und Frieden. Doch sind diese Werte wirklich neu? Vor fünf Jahrhunderten stand Martin Luther bereits für sie ein. Mit seinen 95 Thesen wurde er zum Revolutionär. Wo finden sich seine Ideale heute, 500 Jahre später, wieder? Steht eine Reformation 3.0 bevor? Der ARTE-Schwerpunkt zum Auftakt des Reformationsjubliäums 2016/17.

 

 

500 Jahre Reformation

Luther gegen den Papst
Dokudrama
Samstag, 29.10. | 20.15

Der Luther-Code (1–6)
Dokureihe
ab Samstag, 29.10. | 21.50

Kategorien: Oktober 2016