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Der Luther der Zukunft

Hätte es Martin Luther ohne Johannes Gutenberg gegeben? Und wer nutzt die Technologien heute, um die Gesellschaft neu zu erfinden, fragt Jeff Jarvis. 

© Michael Arnold

© Michael Arnold

Gutenbergs Druckerpresse ist es zu verdanken, dass Martin Luther der erste Bestsellerautor der Weltgeschichte wurde und damit der Begründer der Reformation. Vom Anschlag seiner Thesen in Wittenberg über die Exkommunizierung bis zur Gründung der protestantischen Kirche verging weniger als ein Jahrzehnt. Soziale Umbrüche erscheinen oft abrupt.

Zwischen Erfindung des Buchdrucks und der Veröffentlichung seiner Thesen liegen jedoch 70 Jahre – ein Menschenleben also. Weitere 85 Jahre vergingen, bis die erste Zeitung erschien. Massenmedien waren das noch nicht; erst im 19. Jahrhundert trieb die Dampfmaschine die industrielle Revolution voran. Gesellschaftliche Veränderungen vollziehen sich eben langsam.

Souveränes Volk

Heute stehen wir vor der nächsten Zeitenwende: Bald verbindet das Internet jeden einzelnen Menschen weltweit. Wir nehmen diesen Wandel als schnell wahr. Doch weder wir wissen, was das Internet tatsächlich ist, noch können wir sein volles Ausmaß abschätzen. Dafür brauchen wir Zeit.

Gutenberg und Luther setzten eine Bewegung in Gang, die herrschende Hierarchien im Laufe der Jahrhunderte abbaute. Vor Luther gab es ein rein vertikales Machtgefüge: vom Himmel zum Papst, zum Priester, zum Volk. Seit Luther und der Reformation dürfen auch einfache Menschen Gottes gedrucktes Wort lesen und sich direkt an ihn wenden. Durch die Übertragung von Souveränität an das Volk entstanden neue Institutionen – Kirchen, Nationen, Regierungen, Gerichte, Universitäten, Medien –, auch wenn Macht weiterhin von oben nach unten wirkte.

Tom Pettitt und Lars Ole Sauerberg von der University of Southern Denmark zufolge lassen wir derzeit eine Ausnahmezeit zur natürlichen Gesellschaftsordnung hinter uns, die sogenannte Gutenberg-Klammer. Vor ihr wanderte das Wissen von einem Mund zum nächsten, niemand hinterfragte Herkunft und Eigentum von Gedanken oder Informationen. Das Modell: ein Buch, ein Schriftgelehrter, ein Jahr, ein Absender – nämlich die Kirche. Der Zweck war stets, das Wissen der Vorfahren für die Nachwelt zu erhalten. Nach Gutenberg fingen Bücher das Wissen auf und konservierten es, mit Luther kam es gar von zeitgenössischen Experten. Das Konzept des geistigen Eigentums entstand, gemeinsam mit Gesetzesdoktrinen und Schutzmechanismen – dem Urheberrecht. Das Internet bewirke, so Pettitt und Sauerberg, dass wir diese Weltanschauung nach Gutenberg nun verlassen. Denn heute wird Wissen wieder von Mensch zu Mensch weitergegeben – ohne Referenz an Urheber oder Autorenschaft. Der New Yorker Philosoph David Weinberger ergänzt: „Der Klügste im Raum ist der Raum“, die Plattform oder das Netzwerk also, das Wissen teilbar macht.

Mit dem Internet und der eigenen Druckerpresse in jedermanns Hosentasche gestaltet sich der Abbau der Hierarchien tiefgreifender denn je. Heute kann jeder mit jedem kommunizieren. Als kleine „Luthers in spe“ organisieren sich Gleichgesinnte und stellen solche Institutionen infrage, die als unverrückbar galten – seien es die Regime in der Zeit des Arabischen Frühlings oder Parteien im aktuellen US-amerikanischen Wahlkampf.

Soziale Baumeister

Der große Unterschied zwischen den Umwälzungen im Zuge des Internets und denen nach Luther ist, dass die heutigen überwiegend Chaos hinterlassen. Johannes Gutenberg war der Erfinder des Werkzeugs genau wie Sir Tim Berners-Lee, der das Web ersann. Martin Luther hat nicht nur die alte Ordnung zerstört, sondern auch eine neue erschaffen, indem er eine reformierte Kirche gründete. Wer ist nun der Luther unserer Zeit, der die Technologien nutzt, unsere Gesellschaft aufs Neue zu erbauen? Er oder sie ist noch nicht da. Es ist auch zu früh: Der Zeitrechnung Gutenbergs nach befinden wir uns heute im Jahr 1475, Luther kam 1483 auf die Welt. Unser Luther ist also vermutlich noch nicht geboren.

Jeff Jarvis

Journalist Jeff Jarvis, 62, ist als Journalist, Buchautor und Dozent tätig. Bekannt wurde er durch seine Veröffentlichungen rund um neue Technologien und digitale Trends. Sein Buch „What would Google do?“ verkaufte sich weltweit millionenfach und machte ihn zum gefragten Redner. Jarvis ist Mitbegründer der Zeitschrift „Entertainment Weekly“.

 

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Kategorien: Oktober 2016