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Vaters Land

Seit 50 Jahren fliegt die USS Enterprise durchs All. Rod Roddenberry, Sohn ihres Erfinders, erinnert an die Anfänge – und wie er „Star Trek“ als Kind erlebte.

© Stanley Chow für Arte Magazin

© Stanley Chow

Für Millionen Menschen ist „Star Trek“ nicht nur die beste TV-Serie aller Zeiten, sondern noch heute eine Zuversicht stiftende Vision, die Idee vom Leben mit modernster Technik und in Einklang mit den verschiedenen Spezies. Ihr Schöpfer Gene Roddenberry gilt als Vordenker, dessen Vorstellungen inspirieren und es noch immer wert sind, Beachtung zu finden. Für mich war Gene Roddenberry mein Vater, einfach Dad. Und bis ich 17 Jahre alt war, hatte ich nicht eine Episode von „Star Trek“ gesehen. „Knight Rider“ oder „Starsky and Hutch“ begeisterten mich mehr. Es war der typische Reflex eines Kindes, gegen seine Eltern zu rebellieren. Zu Hause spielte mein Vater mit mir in seinem Arbeitszimmer die Abenteuer der Enterprise nach. Da sahen Kirk, Spock und Co. nicht immer gut aus. So turbulent ging es mitunter zu, dass die Figuren wild durch die Gegend flogen. Erst als mein Vater starb und ich die Reaktion seiner Fans auf der ganzen Welt erlebte, empfand ich Stolz für das, was er geschaffen hatte.

Friedliche Aliens

Mein Vater war Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg, er überlebte einen Absturz. Anfang der 1960er Jahre hatte er begonnen, Drehbücher für TV-Serien zu schreiben. Zuerst waren es Krimigeschichten – in die er die Erlebnisse aus seiner Zeit als Polizist in Los Angeles einarbeitete. Die Geschichten kamen gut an, und nachdem seine erste Serie „The Lieutenant“ abgelaufen war, wollte MGM bald weitere Stoffe haben.

1963 brachte er erstmals eine Science-Fiction-Serie ins Gespräch, aber die Studio-Bosse winkten ab. Seine Idee eines auf humanistischen Prinzipien basierenden Universums, in dem Aliens nicht automatisch Monster waren, widersprach den damals verbreiteten Hollywood-Klischees zu sehr.

Dass die USS Enterprise dann doch noch abhob, ist den Desilu-Studios zu verdanken, die 1964 den Pilotfilm „The Cage“ drehten. Der Rest ist Geschichte, eine mitunter wechselvolle, stets spannende in bislang mehr als 700 Episoden, einem Dutzend Kinofilmen und einer weltweiten Anhängerschaft. „Live long and prosper“, würde Spock dazu sagen.

1991 sah ich zum ersten Mal eine „Star Trek“-Folge: In „Horta rettet ihre Kinder“ ermordet ein unbekanntes Silizium-Wesen die Bergarbeiter einer Mine und sabotiert einen Reaktor. Als Kirk und Spock es stoppen wollen, finden sie heraus, dass es das Letzte seiner Art ist und den Auftrag hat, die Eier und damit seine Spezies zu schützen.

Bis heute ist dies eine meiner liebsten Folgen. Keine einfachen Antworten, keine absolute Trennlinie zwischen Gut und Böse – mit derartigen Geschichten wollte mein Vater die Menschen zum Denken anregen.

Extreme Positionen

Er selbst war derart reflektiert, ein Denker, der stets viel las. Ich erinnere mich besonders an Bücher über Personen: Mahatma Gandhi und Dschingis Khan, Josef Stalin und Adolf Hitler. Er wollte die unterschiedlichen Perspektiven und Wesenszüge der Menschen kennenlernen und verstehen. In Diskussionen nahm er immer die extremste Position ein, die man sich vorstellen konnte. Nicht etwa weil er davon überzeugt war, sondern um seine Gesprächspartner zu animieren. „Man muss sich nicht einig sein“, sagte er. Er war seiner Zeit meist 50 Jahre voraus.

„Star Trek“ ist Science-Fiction, aber die darin gezeigten und gelebten Überzeugungen waren für meinen Vater nicht fiktiv. In seinen Geschichten nahm er quasi vorweg, an welch große Zukunft er für die Menschheit glaubte, und beschrieb diese detailliert. Es ist für mich die Kernaussage seines Werks und das Leitmotiv – nicht nur für mein eigenes Projekt, die „Star Trek Discovery“. Auch mein persönliches Leben steht im Zeichen dieser Philosophie. Und so sehr mich seine Ideen heute auch inspirieren und ich daraus beruflich schöpfen kann: Als Autor oder Produzent Erfolg zu haben, empfinde ich nicht als das, was mein Vater mir mitgegeben hat. Sondern – so banal es auch klingen mag – vor allem zu versuchen, ein guter Mensch zu sein.

 

Rod Roddenberry

Rod Roddenberry, 42, ist der Sohn des „Star Trek“-Erfinders Gene Roddenberry (1921–1991). In den 1990er Jahren arbeitete er als Produktionsassistent im Art Department für „Star Trek: The Next Generation“ und „Star Trek: Deep Space Nine“. Für die im Frühjahr 2017 erscheinende Serie „Star Trek: Discovery“ ist er als Autor und Produzent tätig.

 

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Kategorien: September 2016