Typisch Frankreich: Kitzel für den Gaumen

Sie sind unsere Nachbarn, aber wie gut kennen wir sie wirklich? Im September pflegt das ARTE-Magazin eine typisch französische Tradition: den Aperitif.

Die Tage werden wieder kürzer und der Urlaub ist schon viel zu lange vorbei. Trotzdem sind im September „en terrasse“ – auf den Außenflächen der Cafés und Restaurants in Frankreichs Metropolen und Kleinstädten – bereits ab 18 Uhr alle Plätze besetzt.

Warum? Weil die letzten Sonnenstrahlen unbedingt genutzt werden müssen, um noch einmal im Freien einen Aperitif zu nehmen. Dabei handelt es sich um einen scheinbar eigens für die Franzosen erfundenen zusätzlichen Gang noch vor dem Entrée. Beliebt ist er freilich das ganze Jahr über und wird, zumindest bei Einladungen, vor keinem Essen ausgelassen, stimmt er doch alle auf geschmackvolle Weise ein.

Auch wenn die Tradition, mit einem alkoholischen Getränk den Magen für ein späteres Mahl zu öffnen, wie es heißt von den Italienern oder gar den Römern stammen soll, haben doch die Franzosen sie verfeinert und perfektioniert. Denn hier darf man zum „Apéro“ nicht nur, wie etwa die Römer, mit Honig gesüßten Wein, sondern einfach alles trinken, was das Herz begehrt und die Leber aushält: in Südfrankreich bevorzugt Pastis, in der Bretagne Cidre, im Elsass auch mal Bier und ansonsten Champagner, Portwein, Whiskey oder Kir – Hauptsache, es schmeckt und fördert die Geselligkeit.

Denn diese ist Sinn und Zweck des Aperitifs. Man kann neue Bekanntschaften machen oder alte pflegen, und das, was man nebenbei konsumiert, soll bitteschön exquisit schmecken und in eine angenehme Stimmung versetzen.

Und da es sich auf leeren Magen schlecht trinkt und wir in Frankreich sind, werden zum Aperitif mindestens „gateaux d’apéritif“ gereicht: Cracker, Salzstangen, Erdnüsse und Chips. Die nächste Stufe auf der Apéro-Skala ist ein Buffet mit Vorspeisen, „saucisson sec“ (Hartwurst) oder kleinen Käsekreationen wie die würzigen Ecken aus Schmelzkäse. Bei einem offiziellen Aperitif, zum Beispiel nach einer Trauung, legen sich die Gastgeber dann meist richtig ins Zeug und kredenzen „le top du top“: Amuse-Bouches und Horsd’oeuvres, bei denen dem Erfindungsreichtum der Gastgeber keine Grenzen gesetzt sind: ob Foie gras auf Feigenbrot, pikanter Kuchen mit Oliven und Speck oder gerollter Crêpe mit Lachs – Hauptsache der Gaumen wird angenehm gekitzelt und zusammen mit dem Magen auf das vorbereitet, was noch kommen mag.

Der Aperitif ist ein ungezwungenes Zusammensein, ganz ohne Konventionen. Und hat doch seine Tradition. Wichtig ist nur, dass man sich amüsiert. Und natürlich das Anstoßen. Dabei sagt man fröhlich „tchin tchin“, „à la vôtre“ (zum Wohl) oder einfach „Santé!“ (Gesundheit). Und dann – ganz wie in Deutschland – in die Augen schauen.

Sabine Klüber

ARTE Programmhinweis

Karambolage
Sonntags, um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen

unter arte.tv/edition

Kategorien: September 2016