Gewagter Einsatz

Im ARTE-Drama „Zwischen Welten“ verkörpert Schauspieler Ronald Zehrfeld einen deutschen Soldaten in Afghanistan. Ein Gespräch über den Dreh in einem zerrütteten Land.

© Christoph Neumann

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Mit einer Sporttasche über der Schulter kommt Ronald Zehrfeld ins Fotostudio in Berlin–Neukölln. Fürs Shooting hat er ein paar seiner T-Shirts mitgebracht. Er zieht sich um und setzt sich vor die Kamera. Als würde der 39-Jährige einen Schalter umlegen, verändert sich sein Gesichtsausdruck von lässig zu ernst. Thema des Shootings ist der Film „Zwischen Welten“ von Feo Aladag. Darin spielt der 1,90 Meter große Schauspieler einen gezeichneten Bundeswehr-Hauptmann bei seinem zweiten Einsatz in Afghanistan. Mit dem ARTE Magazin spricht er über die Dreharbeiten in Mazar-i-Sharif, die Hoffnungen der Afghanen und die Bewältigung von Angst.

Arte: Herr Zehrfeld, Sie waren nicht bei der Bundeswehr. Warum haben Sie sich für den Zivildienst entschieden?

Ronald Zehrfeld: Ich bin in Ostberlin aufgewachsen und wollte nach der Wende erst einmal alles aufsaugen, was Berlin zu bieten hatte. 1996 war die Stadt ein wahrer Schmelztiegel – und ich in einem Alter, in dem kein Fluss zu breit und kein Berg zu hoch war! Die Disziplinierungsmaschine der Bundeswehr erschien mir da völlig fremd. Ich will jetzt nicht die Pazifistenschiene fahren, aber der Dienst an Menschen war mir einfach wichtiger.

Arte: Und trotzdem haben Sie die Rolle des Hauptmanns Jesper im Film „Zwischen Welten“ angenommen. Was hat Sie daran gereizt?

Ronald Zehrfeld: Zum einen, dass der Film wirklich vor Ort in Afghanistan gedreht wurde. Ich wusste bis dato sehr wenig über das Land und hatte so die Möglichkeit, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Wer sind die deutschen Soldaten dort? Wer sind die Afghanen? Der Film beleuchtet nämlich beide Seiten. Zum anderen fand ich es spannend, mich in einen Menschen hineinzuversetzen, der in einer Befehlskette funktionieren muss, der sein menschliches Auge abschalten und sich strikt an geopolitische Entscheidungen halten muss. Das ist auch die Zerrissenheit des Hauptmanns im Film.

Arte: Stimmt es, dass Sie sich mit Spielzeug-panzern vorbereitet haben?

Ronald Zehrfeld: Wir durften einige Tage in einem Ausbildungszentrum der Bundeswehr verbringen. Dort haben wir Soldaten kennengelernt, die schon in Afghanistan stationiert waren, und welche, die darauf vorbereitet wurden. Wir haben jeden Tag Uniformen getragen und wurden körperlich an unsere Grenzen gebracht. Mit Modellpanzern mussten wir Gefechtsszenen nachstellen und üben, wie man in einer Angriffssituation zu reagieren hat. Da merkt man erst, wie viel Verantwortung dahintersteckt.

Arte: Die Dreharbeiten in Afghanistan dauerten sieben Wochen. Wie haben Sie dort gewohnt?

Ronald Zehrfeld: Unser Team bestand ja zur einen Hälfte aus deutschen, zur anderen aus afghanischen Schauspielern – Afghanistan hat im Untergrund nämlich eine tolle Filmszene. Wir Deutschen waren im größten Lager der internationalen Schutztruppen in Mazar-i-Sharif untergebracht. Das ist wie eine kleine Stadt aus riesigen Zelten. Wir mussten uns strikt an Regeln halten, wie etwa jeden Tag vor Einbruch der Dunkelheit zurück zu sein. Beim Dreh selbst kamen noch jede Menge andere Herausforderungen dazu.

Arte: Welche zum Beispiel?

Ronald Zehrfeld: Wir haben in Originaluniform gedreht – also mit festem Schuhwerk, Helm, schwerer Kleidung und Waffen –, und das bei einer Affenhitze. Wir haben literweise Wasser getrunken und waren trotzdem kurz vor dem Dehydrieren. Die Afghanen in ihren Flipflops und ihren Kalaschnikows über der Schulter konnten das gar nicht nachvollziehen.

Arte: Gab es Momente, in denen Sie Angst hatten?

Ronald Zehrfeld: Angst schon, aber nur aus Unwissenheit. Was ich vorher über Afghanistan gehört hatte – die Anschläge, die Zahl der gefallenen Soldaten – hat natürlich Angst ausgelöst. Und Angst kann lähmen. Man kann sie aber auch nutzen und fragen: Ist es wirklich so, wie man es sich vorgestellt hat?

Arte: Und wie ist es wirklich?

Ronald Zehrfeld: Die Afghanen sind unglaublich gastfreundlich und waren sehr interessiert an unserem Projekt. Was ich spannend fand, war der Grad an Wachheit, mit dem alle dort leben. Wie eine Rundumleuchte nimmt man seine Umgebung wahr. Spielen auf einer Dorfstraße plötzlich keine Kinder mehr, sollte man zum Beispiel aufpassen. Wenn einem aber Kinder fröhlich entgegenlaufen, ist das ein gutes Zeichen.

Arte: Hat sich Ihre Familie keine Sorgen gemacht?

Ronald Zehrfeld: Doch. Aber sie hat auch verstanden, dass es keine naive Entscheidung von mir war, dort einen Film zu drehen. Sondern dass ich in meinem Beruf die Verantwortung sehe, bestimmte Geschichten zu erzählen. Und das können nicht nur Märchen sein – also nichts gegen Märchen!

Arte: Hat es Ihr Schauspiel beeinflusst, dass der Film in Afghanistan und nicht beispielsweise im als sicher geltenden Marokko gedreht wurde?

Ronald Zehrfeld: Absolut. Das fängt schon bei den Gerüchen an. Und damit, die Einheimischen kennenzulernen, ihre Lebensgeschichten zu erfahren; Soldaten in Kundus zu treffen, die Kollegen verloren haben oder verletzt wurden. Das geht unter die Haut und macht etwas mit deinem Körper, mit dir selbst. Man begreift, dass es um weit mehr als nur eine Rolle geht, die man in einem Film spielt.

Arte: Inwiefern?

Ronald Zehrfeld: Wenn ich an die Afghanen denke, wie sie strahlen, obwohl sie eigentlich nichts haben, und endlich wieder eine Perspektive haben wollen. Oder die Tausenden von Polizisten, von Bundesgrenzschützern und Soldaten, die dort unten nach wie vor ihren Dienst leisten. Es gibt hier großen Aufklärungsbedarf. Wir dürfen diese Leute nicht vergessen. Und wenn der Film diese Botschaft in die Welt bringt, dann haben wir schon einen wichtigen Schritt getan.

Arte: Im Film freundet sich Hauptmann Jesper mit dem afghanischen Dolmetscher Tarik an. Dieser steht buchstäblich zwischen den Fronten.

Ronald Zehrfeld: Er arbeitet für die Deutschen, also die internationalen Schutztruppen, und wird deshalb von den Taliban bedroht. Viele Einheimische haben tatsächlich so ihr Leben verloren. Und dennoch sind sie das Risiko eingegangen, weil sie an die internationalen Missionen zur Stabilisierung ihres Landes glauben.

Arte: Ist eine solche Stabilisierung überhaupt möglich, wenn Kulturen mit völlig unterschiedlichen Werten und Interessen aufeinandertreffen?

Ronald Zehrfeld: Die Lage ist unglaublich komplex. Man muss diese Unterschiede erst einmal benennen. Wie funktioniert Afghanistan? Es gibt viele verschiedene Ethnien mit unterschiedlichen Interessen, die nicht einmal in geografischen Landesgrenzen denken wie wir.

Arte: Wie kann man dann helfen?

Ronald Zehrfeld: Wir können natürlich nicht einfach unser demokratisches Denken nach Afghanistan übertragen. Die Werte haben wir uns über Jahrhunderte erkämpft. Es geht darum, den Leuten langfristig wieder eine Perspektive zu geben. Sie möchten ihr Feld bestellen, ihre Kinder ernähren und sie zur Schule schicken. Viel verlangt ist das nicht. Wenn dann aber, wie die Geschichte gezeigt hat, die Russen, die Amerikaner oder die Deutschen wieder abziehen, weil sie andere Interessen verfolgen, dann schwindet die Hoffnung und damit das Vertrauen. Die Afghanen sagen: „Wir haben die Zeit, ihr habt die Uhr.“ Auch wir müssen dem Ganzen mehr Zeit geben.

Arte: Was wünschen Sie sich für das Land?

Ronald Zehrfeld: Früher war Afghanistan mit seiner wunderschönen Natur und seinen herzlichen Einheimischen ein beliebtes Reiseziel unter Backpackern. Ein Land, in dem es normal war, dass Frauen und Männer studieren. Und das muss sich unbedingt wieder ändern. Es darf keine politische Macht der Welt geben, die Frauen nicht studieren oder wählen lässt oder derentwegen es keine Presse- und Meinungsfreiheit gibt.

Arte: Verfolgen Sie die Lage heute noch?

Ronald Zehrfeld: Ja. Ich merke aber auch, dass die Krisenherde auf der Welt mehr geworden sind. Man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll: Syrien, Ukraine, die Flüchtlingskrise. Die Welt brodelt. Ich glaube, dass die Zeit des Friedens, wie wir ihn lange genießen konnten, vorbei ist – so schlimm das klingt.

Arte: Macht Ihnen das keine Angst?

Ronald Zehrfeld: Das ist wie mit der Angst in Afghanistan. Die Vorstellung verunsichert mich, weil ich nicht weiß, was kommt. Aber ich hatte schon Erlebnisse, vor denen ich zunächst Angst hatte. Und durch Zuhören und miteinander Reden hat sich diese Angst irgendwann in Luft aufgelöst, Freundschaften und Perspektiven haben sich ergeben. Das gibt mir heute Kraft, solchen Situationen besser entgegentreten zu können.

Lydia Evers

Zur Person

Ronald Zehrfeld

Der Schauspieler wurde 1977 in Ostberlin geboren und studierte zunächst Politik und Germanistik, bevor er die Schauspielschule Ernst Busch in Berlin besuchte. Er wurde unter anderem mit dem Jupiter-Filmpreis, dem Grimme-Preis und zuletzt mit dem Deutschen Filmpreis für seine Darstellung in „Der Staat gegen Fritz Bauer“ ausgezeichnet.

Filmografie (Auswahl)

„Der rote Kakadu“ (2006), „Barbara“ (2012), „Wir wollten aufs Meer“ (2012), „Finsterworld“ (2013), „Im Angesicht des Verbrechens“ (2010), „Zwischen Welten“ (2014), „Die geliebten Schwestern“ (2014), „Der Staat gegen Fritz Bauer“ (2015)

 

Zwischen Welten
Drama
Mittwoch, 28.9. | 20.15

Kategorien: September 2016