Ein Meer von Plastik

Millionen Tonnen Mikroplastik belasten die Ökosysteme in den Ozeanen. Am Ende der Nahrungskette landen die Partikel wieder beim Menschen. Die Folgen sind noch unerforscht.

© Lisa Rienermann

© Lisa Rienermann

Jahrhundertelang ängstigten Mythen von Seeungeheuern die Menschheit. Heute lauert in den Ozeanen eine ganz reale Gefahr – mit bloßem Auge kaum sichtbar und menschengemacht. Geschätzte 236 Millionen Tonnen Plastikabfälle treiben durch die Weltmeere. Das meiste ist kleingemahlener, durch UV-Licht und Meerwasser zersetzter Zivilisationsmüll, von der Plastiktüte bis zum Fischernetz. Hinzu kommt industriell gefertigtes Mikroplastik, etwa aus Duschgel oder Peelings. Von 1950 bis heute hat sich die jährlich weltweit produzierte Kunststoffmenge um mehr als das Zweihundertfache auf 311 Millionen Tonnen erhöht. Etwa sechs Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr zusätzlich im Meer – die Ladung eines Müllfahrzeugs pro Minute.

Längst sind die Partikel, deren Größe vom Milli- bis hinunter in den Nanometer-Bereich reicht, in die Ökosysteme der Ozeane eingedrungen. Entlang der gesamten maritimen Nahrunsgskette steht Mikroplastik auf dem Speisezettel. Dass am Ende die Überreste des eigenen Plastikmülls wieder beim Menschen landen, haben Forscher weltweit in Untersuchungen belegt. Unklar ist, was die Aufnahme der Partikel im menschlichen Körper bewirkt. Sorgen bereitet Wisssenschaftlern dabei nicht zuletzt, dass sie gefährliche Fracht wie Insektizide und potenzielle Krankheitserreger transportieren. Bis zu 120 Arten finden sich auf Plastikteilchen im Meer. Erst kürzlich hat Mikrobiologe Gunnar Gerdts vom Alfred-Wegener-Institut Vibrionen auf Mikroplastik in Nord- und Ostsee nachgewiesen. Die Bakterien, die Durchfall und Entzündungen auslösen können, brauchen Wassertemperaturen über 22 Grad. Sie profitieren also gleich von zwei Effekten: der Plastikschwemme und dem Klimawandel.

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Meerestierarten sind vom Plastikmüll in den Ozeanen nach Angaben des Umweltbundesamtes betroffen – von Kleinstlebewesen, dem Zooplankton, über Krusten- und Schalentiere bis zu Speisefischen. Je höher Organismen in der Fressordnung stehen, desto mehr Schadstoffe, die an den Partikeln haften, nehmen sie so auch auf.

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Mikrofasern verliert eine Fleecejacke bei jedem Waschgang. Kläranlagen lassen die Partikel auf ihrem Weg durch Flüsse und weiter ins Meer ungehindert passieren. Das gilt auch für primäres Mikroplastik, also winzige Kügelchen aus Kosmetik- und Reinigungsprodukten. Die Industrie will sie durch abbaubare Stoffe ersetzen.

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Jahre dauert es, bis Salzwasser, Wellen und UV-Strahlung durch mechanische und chemische Prozesse eine PET-Flasche zu sekundärem Mikroplastik – Teilchen mit weniger als fünf Millimeter Größe – zerkleinert haben.

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Eine Tonne Plastik auf drei Tonnen Fisch: Dieses dramatische Verhältnis in den Meeren erwarten die Umweltorganisation Ocean Conservancy und die Unternehmensberatung McKinsey schon 2025. Ändert sich nichts an der laufenden Vermüllung, könnte die Plastikmenge bis 2050 das Gewicht des weltweiten Fischbestands übersteigen.

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Mikroplastik-Teilchen verzehren Garnelen-Fans laut Meeresbiologen jährlich mit, wenn sie 500 Gramm der Meeresfrüchte essen. Bei Muscheln kommen Belgier pro Jahr dank ihres hohen Konsums nach einer Studie der Universität Gent auf bis zu 11.000 Partikel.

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der Fische im offenen Meerwasser von Nord- und Ostsee hatten Mikroplastik im Verdauungstrakt, wie ein Team des Alfred-Wegener-Instituts herausfand. Bei Makrelen waren es 13 bis 30 Prozent.

Oliver de Weert

 

Weltweit sind Forscherteams dem Phänomen des Plastikmülls in den Ozeanen auf der Spur. Ihre Erkenntnisse sind beunruhigend.

 

Mikroplastik im Meer: Unsichtbar, aber auch ungefährlich?
Wissenschaftsdoku
Samstag, 17.9. | 21.45

„Meer entdecken!“ heißt es auch online auf ARTE Future. Die Web-Doku „Plastik – Das große Fressen“ informiert dort zum Thema Mikroplastik in maritimen Ökosystemen.

arte.tv/meerentdecken

 

Eine Kooperation mit dem Wissenschaftsjahr 2016/2017 – Meere und Ozean

Kategorien: September 2016