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Rio de Janeiro

Erst Fußball-Weltmeisterschaft, jetzt Olympische Spiele. Und Rio begeistert und schockiert. Autorin Adriana Lisboa widmet ihrer Heimat ein flammendes Porträt.

Magnum Photos / Agentur Focus © David Alan Harvey

Magnum Photos / Agentur Focus © David Alan Harvey

Die Stadt des heißen Blutes“ – so wurde Rio de Janeiro in einer Funk-Hymne genannt. Im meist chaotischen Straßenverkehr, in der Sonne von Copacabana oder bei einem Fußballspiel im Maracanã. Im Auspuffqualm eines Busses, am Berghang einer Favela, in der Ausgelassenheit einer Karnevalsformation. Das Blut kocht. Es kocht in den Adern der Beamten der Militärpolizei – schwarze Handschuhe umklammern Maschinengewehre.

Rio ist eine Stadt aus Körper und Seele. Die Seelen segnet ein ökumenischer Cristo Redentor, der seine Arme über Katholiken, Protestanten und Atheisten ausbreitet, ein Vater für die Anhänger von Umbanda und Candomblé, für Buddhisten und Juden. Die Idee eines transzendenten Friedens: Gäbe es ihn nur! So träumen wir weiter. Das war schon immer eine unserer größten Gaben.

Die Körper sind zwölf Millionen, wenn man die gesamte Metropolenregion von Rio mitzählt. Verschwitzte, müde, fröhliche, sexy aussehende, verwundete Körper. Mit Pfeilen durchbohrt wie ihr Schutzpatron, der Heilige Sebastian. Schwarze, Weiße, Indios – all das sind wir. Seit dem Portugiesen, der an der heute unter dem Namen Rodrigo de Freitas bekannten Lagune mit Pocken infizierte Kleidungsstücke verteilte, um die eingeborenen Stämme loszuwerden, die seiner Zuckermühle im Weg waren.

Seit der halben Million afrikanischer Sklaven, die im 19. Jahrhundert am Valongo-Kai eintrafen. Bis zu dem Gringo, der als Feriengast kommt und, von dem Mädchen (oder dem Jungen) von Ipanema betört, vom leichten Lachen und der leichten Umarmung der Cariocas entzückt, nicht wieder fort will. Die offizielle Geschichte der Stadt begann vor viereinhalb Jahrhunderten, als sie von den Portugiesen gegründet wurde. Damals hatte sie die Anmutung eines in die Tropen verpflanzten mittelalterlichen Marktfleckens. 6.000 Indios, von Sklaverei und fortschreitender Vernichtung dezimiert. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sie sich zum Sitz der Vizekönige Brasiliens und zur Hauptstadt der Kolonie. Nach der Unabhängigkeit blieb sie bis zur Gründung Brasílias im Jahr 1960 Hauptstadt. Wer König war, verliert nie seine Würde? Gilberto Gil hat gesungen, dass Rio de Janeiro immer noch schön sei. Doch schon lange ist Rio nicht mehr nur eine Stadt. Und auch keine Stadt mit nur einer Regierung.

Getty Images © Sebastiano Tomada

Getty Images © Sebastiano Tomada

Eine schwere Gegenwart

Die ersten Favelas entstanden, als die ehemaligen Sklaven, die nicht wussten, wo sie leben sollten, die sogenannten „afrikanischen Viertel“ gründeten. Sie zogen die Hügel hinauf und bauten „ärmliche Hütten aus Kistenbrettern und dazu Umzäunungen, damit sie Gärten haben“ – in den Worten von João do Rio, unserem bedeutendsten Chronisten. Im Laufe der Jahrzehnte vollzog sich eine Spaltung zwischen den Hügeln und der eigentlichen Stadt. Die Favelas wurden zum Sitz der Parallelmacht des Drogenhandels. Die Gewalt von Rio füllte die Zeitungen der ganzen Welt. Doch die Favelas waren stets auch ein Ort des alltäglichen Widerstandes vieler ernsthafter, tapferer und arbeitsamer Menschen, die unter der sozialen Ungleichheit litten. Und schließlich kamen sie regelrecht in Mode, weshalb es heute in ihnen Pensionen und Hotels für Ausländer gibt.

In Rio lernt man durch die Praxis: den Sambaschritt, der von den Hügeln stieg. Die Ausweichbewegung beim Fußball, schon mehr Kunst als Krafteinsatz, mit dem Strumpfball der Kinder, die kein Geld für einen richtigen Ball haben. Der Engel mit den krummen Beinen, Mané Garrincha, für viele der größte Spieler der Geschichte, versetzte die Stadt in Freudentaumel. Arm geboren, 15 Geschwister, starb er, zu jung, an den Folgen des Alkoholmissbrauchs.

Nach so vielen Jahrzehnten ohne staatsbürgerliche Rechte erlernt man in Rio auch die Demokratie durch die Praxis. In der Stadt waren die Keller der Militärdiktatur; eine nahe und schmerzhafte Vergangenheit, von Folter und Mord an politischen Gefangenen gekennzeichnet. Seltsamerweise erinnern sich viele nicht daran. Es gibt heute eine Oberschicht, die den Verlust ihrer Privilegien beklagt. Die sich beschwert, dass mit dem realen Anstieg des Mindestlohns die Hausangestellten, dieses Relikt der Sklaverei, zu teuer geworden seien. Manche Leute wünschen sich die Diktatur zurück. Ein trauriger Moment.

Trotzdem ist Rio auch eine Stadt der Feste. Der Musik, die alle Bereiche des Lebens durchdringt: vom für den Export bestimmten Samba der aktuellen Karnevalsumzüge bis zum Funk, von den Konzerten und Opernaufführungen im Teatro Municipal bis zur Choro-Band auf dem Wochenmarkt. Unser Jazz, unser Rap, unser Rock. Das liegt im Blut. Ist Bedürfnis und Berufung. Das Leben des Cariocas ist nach außen gerichtet. Sein Körper existiert erst auf der Straße. Bei Bier oder Cachaça auf der Terrasse eines Lokals, mit Kokoswasser an jedem Ort. Beim Fußball mit Freunden am Sonntag oder mitten im Fanblock im Stadion. Vor dem letzten Umbau des Maracanã versammelten sich dort bei entscheidenden Spielen fast 200.000 Menschen.

© Vincent Rosenblatt

© Vincent Rosenblatt

Meister der Improvisation

Der Körper schwitzt beim Footvolley am Strand, beim Laufen am Ufer der Bucht, am Ufer des Atlantiks, in der Umgebung des Maracanã, im Wald an der Via das Paineiras. Der Körper kommt zur Ruhe, wenn er im Mondschein Tai-Chi übt oder sich beim Surfen den Meereswellen hingibt. Der Körper praktiziert den Kampf der Widerständigen, die Capoeira, das Erbe der afrikanischen Sklaven.

Rio öffnet seine Lungen und atmet einen Rest Atlantischen Regenwaldes – das am meisten bedrohte Biom in Brasilien. Noch gibt es Affen, Tukane, Kaimane. Eine Unzahl von Vögeln und eine Symphonie der Zikaden, die den Sommer ankündigt. Es gibt die Kaiserpalmen im Botanischen Garten, Abkömmlinge des vom Prinzregenten im 19. Jahrhundert gepflanzten Exemplars. Und ein Licht, das nicht von dieser Welt ist. In Rio gibt es Rentner, die am Strand Indiaca oder auf einem öffentlichen Platz Dame spielen, in T-Shirt und Bermuda, während die Zeit stillzustehen scheint. Es gibt feine Damen, die im Shoppingcenter einkaufen gehen, wo ein Kleid einen Mindestlohn kostet (oder zwei oder zehn). Es gibt Arbeiter, die im Laufe der Jahrzehnte aus den ärmsten Gegenden Brasiliens zugewandert sind, um ihr Glück zu versuchen, stets auf der Flucht vor der Trockenheit und der Agrarkrise – der Mythos von der Rückständigkeit des Landes im Gegensatz zur Modernität der Stadt. Es gibt Kinder, die auf der Straße leben, so viele Kinder, so viele Straßen, während Importautos vorüberbrausen.

Rio hat die ruhigen Vorstädte und die Hektik des 21. Jahrhunderts. Und es hat einen enormen Glauben an sich selbst, trotz allem. Ein Vertrauen in seine Fähigkeit, wieder aufzustehen und sich neu zu erfinden. Wie in der Hafenzone, die heute Museen zu Ehren unserer Kunst und unserer Geschichte beherbergt. „Cariocas mögen keine bewölkten Tage“, singt Adriana Calcanhotto. Die Zeiten sind trüb, in der Stadt wie im übrigen Land. Doch man muss den revolutionären Glauben an die Freude und die Liebe aufrechterhalten. Man muss am Glauben um des Glaubens willen festhalten und darauf vertrauen, dass sich die Wege oft erst beim Improvisieren zeigen. Und die Brasilianer waren immer gut im Improvisieren.

Adriana Lisboa für das ARTE Magazin

 

Zur Person: Adriana Lisboa

Die Schriftstellerin wurde 1970 in Rio de Janeiro geboren. Neben ihren Romanen schreibt sie Bücher für Kinder und ist als Übersetzerin tätig. 2013 erschien die Familiensaga „Der Sommer der Schmetterlinge“ auf Deutsch. Ihre Werke wurden mehrfach preisgekrönt.

 

 

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Kategorien: August 2016