Olympia schafft sichere Räume

Zu große, zu teure Stadien sorgen in Gastgeberländern immer wieder für heftige Kritik. Dabei birgt die Ausrichtung von Sportereignissen auch große Chancen, meint Nachhaltigkeitsexpertin Natalie Eßig.

© NICOLAI

© NICOLAI

Gebaut mit Milliarden Steuergeldern, doch hinterher stehen die großen Stadien der Olympischen Spiele leer und verkommen. Ein Gespräch mit der Münchner Architektin und Expertin für nachhaltige Sportstätten Natalie Eßig.

ARTE: Frau Eßig, nach nahezu jedem Großereignis im Sport bleiben sogenannte weiße Elefanten zurück, also Stadien, die viel gekostet haben und später nicht mehr zu gebrauchen sind. Warum gibt es solche Fehlplanungen noch?

Natalie Eßig: Das Internationale Olympische Komitee, IOC, empfiehlt genau wie FIFA oder UEFA die Anzahl der Stadien. Und jedes Land, oder vielmehr seine Regierung, erliegt immer wieder der Versuchung, sich mit diesen Bauten ein Denkmal setzen zu wollen.

ARTE: Und die Länder sitzen auf Stätten, die sie nie füllen können.

Natalie Eßig: Ja, natürlich ist es schockierend, wenn die Stätten wie in Athen einer Geisterstadt gleich abgeriegelt vor sich hin verfallen. Aber Stadien, die hinterher die meiste Zeit leer stehen, sind nicht das Problem.

ARTE: Sondern?

Natalie Eßig: Die weißen Elefanten sagen für sich noch nicht viel aus. Denn insgesamt sind die Effekte für die Austragungsorte oft durchaus positiv. Nach den III. Olympischen Winterspielen in Lake Placid 1932 etwa gab es erstmals Umweltge-setze. In Südkorea gilt seit Olympia der Denkmalschutz. Oder es sind Menschenrechte auf dem Plan. Und nahezu überall gab es hinterher besseren Nah- und Stadtverkehr.

ARTE: Diese Beispiele sind aber eher Ergebnis lokaler Aktivisten.

Natalie Eßig: Natürlich! Das IOC muss mit den lokalen Regierungen einen Vertrag schließen. Und diese wiederum sollten möglichst die Bevölkerung mitnehmen. Aktive Bürger und Medien, die berichten, beeinflussen die Planung immens. In Sydney und London war das besonders der Fall.

ARTE: Geht denn der Plan auf, die Olympischen Spiele für wirtschaftliche Interessen der eigenen Stadt oder Region zu nutzen?

Natalie Eßig: Oslo, München, Barcelona, diese Metropolen haben sich durch Olympia komplett revitalisiert. Ein gutes Beispiel sind auch die Winterspiele 1994 im norwegischen Lillehammer: Die Region hatte sich bewusst für die Austragung beworben, um den Tourismus anzukurbeln, setzte auf Natur und Freizeitwert. Seither steigen dort die Tourismuszahlen und die Arbeitslosigkeit sinkt.

ARTE: Die Ausgangslage in Rio ist damit aber nicht vergleichbar.

Natalie Eßig: Die Fußball-Weltmeisterschaft und Olympia sind für Rio sehr gut. Es gibt dort nunmehr sichere Räume, eine bessere Infrastruktur. Natürlich können nicht die höchsten Nachhaltigkeitsstandards angelegt werden, aber die soziale Nachhaltigkeit, der Zusammenhalt, ist auf jeden Fall gestiegen. Rio liegt im Übrigen auch in einer sportbegeisterten Region mit vielen Wettkämpfen. Die Weiternutzung der Stätten wird nach den Olympischen Spielen kein Problem sein.

ARTE: Wie wäre es denn dann, für Olympia einfach immer dieselben Austragungsorte zu nutzen?

Natalie Eßig: Ganz klar: Städte wie Los Angeles, die schon immer eine Heimat des Sports waren, konnten schon 1984 punkten. Da musste schlichtweg nichts Neues gebaut werden. Anders in Peking, wo es durch den Kommunismus keine internationale Sportvergangenheit gab. Und doch ist es immens wichtig, sich mit wechselnden Orten, ihren Kulturen und Missständen zu beschäftigen.

ARTE: Was ist also die Lösung?

Natalie Eßig: Der Mittelweg, wie er in London praktiziert wurde. Dort wurden Messehallen temporär zu Sportstätten umgewandelt. Das kostet keine 1,2 Milliarden Euro wie das Olympiastadion, das Zaha Hadid für Tokio bauen wollte, sondern zwei, drei Millionen und hat denselben Image-Effekt. Jede Großstadt verfügt heute über solche Arenen oder Hallen, auf die sie aufsetzen könnte, um erfolgreiche Spiele auszurichten.

Das Gespräch führte Shila Meyer-Behjat

Zur Person: Natalie Eßig

Prof. Dr. Natalie Eßig ist Architektin und lehrt an der Hochschule München. Nachhaltigkeit und Weiternutzung von Sportstätten sind Schwerpunkte ihrer Forschung. Sie ist Auditorin der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen.

Kategorien: August 2016