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Typisch Frankreich: Französische Hütchen

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im August blickt das ARTE Magazin auf eine Tradition, die es in, aber nicht mehr auf den Köpfen gibt. 

© Martin Haake

© Martin Haake

Sitzen zwei Menschen am Tisch, gleich groß, gleich gekleidet, gleich schweigsam. Aber eine Person hat einen ganz besonderen Hut auf, und schon sieht sie französisch aus: Es ist ein „béret“, die Baskenmütze, die aus einem Menschen unweigerlich einen Franzosen macht.

Und das auch, wenn er keiner ist. Wer heute durch Paris spaziert und die typische runde Kopfbedeckung aus Filz sieht, der hat vielleicht einfach nur einen frankophilen deutschen Lehrer oder einen Hipster-Touristen aus einer anderen europäischen Hauptstadt vor sich. Bei unseren Nachbarn ist der „béret basque“ – aktuell zumindest – aus der Mode.

Wie so oft ist es eine Zufälligkeit, eine Petitesse der Geschichte, die aus dem runden Hütchen eine „Basken“- Mütze machte. Denn der „béret“ ist seit Jahrhunderten im gesamten französischen Südwesten vertreten, in Béarn, in der Gascogne und im Baskenland. In den Pyrenäen trugen anfänglich vor allem Schäfer die robuste Mütze, damals meist aus Wolle, die sie auch ganz praktisch zusammengerollt in ihre Jackentaschen stecken konnten.

Das jedoch ahnte der französische Kaiser Napoleon III. nicht, als er in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit seiner Gattin Eugénie das Baskenland besuchte und die Filzhütchen sah. Er nannte sie „béret basque“, „Baskenhut“, und keiner traute sich, den Monarchen zu korrigieren.

Die Mützchen wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts immer beliebter und verbreitete sich im gesamten Land. In der rechtsrheinischen Wahrnehmung ist es so untrennbar mit dem Französischsein verbunden, dass die „Franzosenmütze“ im Zweiten Weltkrieg im von Deutschland besetzten Elsass-Lothringen verboten wurde. Traurige Ironie war jedoch: Der „béret“, der wegen seiner robusten Bauweise auf den Köpfen der Soldaten vieler Armeen landete, wurde zum gefürchteten Symbol der französischen Miliz. Die Kollabora teure des nationalsozialistischen Deutschlands bekämpften die Kräfte der Résistance mit grausamer Härte.

Heute ist der „béret“ einfach nur ein Accessoire, das alle paar Jahre immer mal wieder mehr oder weniger in Mode kommt. Charakteristisch für den Hut damals wie heute: der kleine Stummel in der Mitte des Huts, ein Relikt früherer längerer Bommeln.

Wer in Deutschland aktuell im Internet nach einer Baskenmütze sucht, der landet sehr schnell bei einem ganz besonderen Geschäft: einem Kostümladen. Denn das französische Hütchen ist vor allem eins: klischeehaft. Aber was soll’s: Fehlt nur noch eine Baguette unterm Arm und eine Flasche Rotwein in der Tasche zum waschechten Nicht-Franzosen fürs nächste Kostümfest.

Julien Wilkens für das ARTE Magazin

 

 

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Kategorien: August 2016