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Die Hölle ist überall

Wie kein anderer hat der niederländische Maler Hieronymus Bosch unseren Ängsten Formen und Figuren gegeben. Eine Hommage zum 500. Todestag. 

Getty Images © SuperStock

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Als Leonardo DiCaprio vergangenes Jahr Papst Franziskus zu einer Audienz in Rom aufsuchte, brachte er als Geschenk einen Bildband über das Werk von Hieronymus Bosch mit. Im Gespräch mit dem Pontifex soll er auf die Höllen-Darstellung in „Garten der Lüste“, Boschs berühmtestem Gemälde, gezeigt haben. Die Menschheit, glaubte DiCaprio, bewege sich auf genau jenen Zustand flammenden Infernos zu, sollten wir nichts dagegen tun.

500 Jahre nach seinem Tod ist Hieronymus Bosch, der große niederländische Maler der Apokalypse, berühmter als je zuvor. Obwohl nur 25 seiner Bilder und ebenso viele Zeichnungen überlebt haben, ist der Einfluss seines Werks einzigartig. Mit gutem Grund. Niemand sonst hat je einen so einfallsreichen Blick auf die Menschheit und ihre Ängste geworfen. Boschs fantastische Dämonen, Mischwesen aus Tieren, Körperteilen und Haushaltsobjekten, gehen einem nicht aus dem Kopf. In seinen Bildern verspeisen Vögel mit anthropomorphen Körpern seelenruhig nackte Menschen; Maschinen aus herrenlosen Ohren und gigantischen Messerschneiden bahnen sich den Weg durch die Massen; düstere Meerjungfrauen reiten auf fliegenden Fischmonstern durch die Luft. Und die Menschen? Sie kopulieren in futuristischen Sphären oder stecken sich selbstvergessen Blumensträuße in verschiedene Körperöffnungen.

Schon den Symbolisten und den Surrealisten galt Bosch als ein Pate der Moderne. Doch in Zeiten, da unsere apokalyptischen Ahnungen eine ähnliche Konjunktur wie in der Zeitenwende des Spätmittelalters haben, ist Bosch überall. Spuren seiner Grotesken sind nicht nur bei zeitgenössischen Künstlern wie Jake und Dinos Chapman oder George Condo wiederzufinden. Boschs Bilderfindungen sind auch in Filmen wie „Pans Labyrinth“ oder „Der Exorzist“ und in Fernsehserien wie „Game of Thrones“ auszumachen. „Die Simpsons“ haben dem Maler eine eigene Folge gewidmet. Die letzte Kollektion des Modedesigners Alexander McQueen stand im Zeichen von Boschs Werks, auch Raf Simons’ Herbst-Winter-Kollektion 2015 für Dior war ihm gewidmet. Kein Horrorfilm kommt ohne die Genetik der dämonischen Bildersprache aus, die von Bosch entwickelt wurde. Seine Figuren schmücken Skateboard-Kollektionen und die Schuhdesigns von Doc Martens.

Trotz dieser Verbreitung ist Boschs Werk für uns größtenteils undurchdringlich geblieben. Es verweigert sich jeder eindeutigen Interpretation und spornt unser Deutungsbedürfnis so nur noch mehr an. Über die Person des 1450 geborenen Malers, der eigentlich Jheronimus von Aken hieß und sich seinen Künstlernamen von seiner Heimatstadt ’s-Hertogenbosch lieh, weiß man nur wenig. Der Maler war wohlhabend, eine angesehene Person in seiner Gemeinde und Mitglied in der einflussreichen, konservativen Liebfrauenbruderschaft. Entgegen den sich um ihn rankenden Mythen von Sexkulten und Drogenexzessen dürfte er wohl ein hochmoralisches Leben geführt haben.

Boschs Werk ist in vielerlei Hinsicht das schillerndste Erbe des späten Mittelalters, das uns geblieben ist. Der Buchdruck befand sich zu seinen Lebzeiten noch in den Kinderschuhen, und er starb ein Jahr bevor Martin Luther seine 95 Thesen an eine Kirchentür in Wittenberg nagelte und Europa erschütterte. Es ist wahrscheinlich, dass er nie ein Bild von Leonardo da Vinci oder Albrecht Dürer gesehen hat, die zur gleichen Zeit lebten und malten wie er. In seinen Bildern hat die beginnende Neuzeit kaum ihre Spuren hinterlassen. Doch zugleich gelang es ihm, die Bilderwelt des Mittelalters völlig zu transzendieren. Seine Pandämonien und Bestiarien, mitsamt ihren Allegorien und Symboliken, gingen vielleicht auf die Gargoyle-Skulpturen der Kathedralen oder die Zeichnungen von Fabelwesen an den Rändern von Handschriften wie der Legenda Aurea zurück. Doch Bosch füllte seine vermenschlichten Dämonen auf eine ungeahnte Weise mit Komik, Perversion und Leben. Philipp II. von Spanien, Herrscher über ein Weltreich, richtete sich mit Gemälden von Bosch seinen gesamten Madrider El-Escorial-Palast ein. Schon zu Lebzeiten gehörte er zu den meistkopierten Malern der Welt.

Wenn wir Boschs Bilder heute sehen, erkennen wir in ihnen jedoch nicht die Auswüchse des späten Mittelalters, sondern eine Bildsprache, die unsere Ikonografie von Horror und Hölle bestimmt hat, unser intuitives Verständnis vom Zoo der Menschheit und vom Bankrott der Welt. Doch aller apokalyptischen Visionen zum Trotz gibt es in jedem von Boschs Bildern immer auch ein Element der Hoffnung: Ja, die Hölle ist überall, scheinen sie zu sagen, jeder von uns kennt sie. Aber es gibt so etwas wie Erlösung und das gute Leben. Vielleicht sprechen Boschs Gemälde immer noch so zu uns, weil sie uns zwar in einen Alarmzustand versetzen, es uns zugleich aber erlauben, einen sicheren Blick auf die Hölle zu werfen. Wenn wir ins Dunkel schauen, sehen wir alle dieselben Monster. Früher oder später müssen wir uns alle mit diesen Monstern auseinandersetzen.

Daniel Schreiber für das ARTE Magazin

Zur Person: Daniel Schreiber

Daniel Schreiber publiziert als Kunstkritiker und Autor. Bis Ende 2012 leitete er das Kulturressort der Politikzeitschrift „Cicero“.

 

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Kategorien: August 2016