„Der Osten hat mich geprägt“

Sie ist so stark wie die Frauenrollen, die sie verkörpert. Schauspielerin Jördis Triebel
über Schubladendenken, Actionfilme und ihre Kindheit in der DDR.

© Hannes Caspar

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Ein Hinterhof in Berlin-Mitte: Sommerlich angezogen kommt Jördis Triebel um die Ecke geschlendert. „Hallo, ich bin Jördis“, sagt sie. Ihr Berliner Akzent ist dezent, aber nicht zu überhören. Vor dem Gespräch dreht sich die Schauspielerin, bekannt aus Filmen wie „Emmas Glück“ und „Ein Atem“, erst einmal eine Zigarette. Bei Interviews mag sie es ungezwungen. Im August ist die 38-Jährige auf ARTE gleich in zwei Filmen zu sehen: „Die vierte Gewalt“ und „Westen“ – für letzteren wurde sie 2014 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Mit dem ARTE Magazin spricht sie über Weinbergschnecken, ihren Spitznamen und die Ostberliner Identität.

ARTE: Frau Triebel, Ihr Vorname Jördis kommt aus dem Isländischen und bedeutet „Göttin des Schwertes“. Passt das zu Ihnen?

Jördis Triebel: Also ich würde mich selbst niemals als Göttin bezeichnen. Aber ich glaube schon, dass ich eine Kämpferin bin für das, was ich will und wofür ich einstehe. Natürlich nicht mit Säbeln!

ARTE: Dann hatten Ihre Eltern wohl eine Vorahnung, als Sie Ihnen den Namen gaben.

Jördis Triebel: Ich hatte tatsächlich schon als Kind einen starken Willen. Meinen Namen mochte ich aber gar nicht. Im Osten hießen alle Jacqueline oder Denise, Jördis konnte keiner aussprechen.

ARTE: Hatten Sie deshalb einen Spitznamen?

Jördis Triebel: Ich habe mich selbst immer Lotti genannt. „Ick bin Lotti.“

ARTE: Im Film „Westen“ spielen Sie eine Mutter, der die Flucht mit ihrem Sohn aus der DDR gelingt. Sie selbst sind bis zu Ihrem elften Lebensjahr in Ostberlin aufgewachsen. Sind Sie das Thema Ost-West nicht allmählich leid?

Jördis Triebel: Im Gegenteil. Es war sehr spannend, sich künstlerisch damit auseinanderzusetzen. Ich habe meine Familie befragt und noch einiges über meine Vergangenheit gelernt. Der Film kam allerdings in Frankreich besser an als in Deutschland – vielleicht ist das Thema also hierzulande für viele nicht mehr so interessant.

ARTE: Der Film beschreibt die enttäuschten Erwartungen an die Bundesrepublik aus Sicht der Protagonistin. Was hat Sie daran gereizt?

Jördis Triebel: Mit Christian Schwochow, dem Regisseur von „Westen“, wollte ich unbedingt einen Film machen. Wir kennen uns aus Kindertagen, hatten uns aber aus den Augen verloren, weil er vor der Wende mit seiner Familie in den Westen gegangen ist. Und dann wollte ich unbedingt die Rolle der Nelly spielen. Diese tolle, starke Frauenfigur.

ARTE: Wie haben Sie sich den Westen vorgestellt, als Sie klein waren?

Jördis Triebel: Er roch nach Erdbeerkaugummi, er glitzerte, alles war bunt und schön. Mit meiner Freundin war ich oft beim Intershop, wo es Waren aus dem Westen gab. Wir hatten zwar nie Westgeld und konnten nichts kaufen. Aber diese Welt hinter der Fensterscheibe war für mich der Westen.

ARTE: Waren Sie enttäuscht nach dem Mauerfall?

Jördis Triebel: Ich war schockiert. Wir sind damals über die Warschauer Brücke nach Kreuzberg gegangen. Es war dreckig und laut, Menschen bettelten, gar nichts glitzerte.

ARTE: Auch jetzt sagen Sie noch: „Ich bin Ostberlinerin.“ Was bedeutet das heute?

Jördis Triebel: Obwohl ich noch ein Kind war, hat mich die Zeit vor der Wende zutiefst geprägt. So, dass ich heute eine große Nähe zu anderen Menschen aus dem Osten verspüre. Unser Land gab es einfach nicht mehr. Es wurde niedergebügelt und belächelt. Viele Jahre lang hatte ich ein Gefühl von zweiter Klasse. Und das ging anderen auch so. In der „Ostberlinerin“ schwingt also Wehmut und eine Art Solidarität mit.

ARTE: Gerade im Osten gibt es heute viele negative Reaktionen auf Flüchtlinge.

Jördis Triebel: Ich sehe immer, wie sich Geschichte wiederholt. Wenn man jahrelang kleingehalten und nicht ernstgenommen wird, dann schlägt das irgendwann um. Und so richtet sich im Osten heute vielleicht dieser Frust gegen Flüchtlinge. Was das Ganze natürlich nicht rechtfertigt.

© Hannes Caspar

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ARTE: Schauspielerisch beschrieben Sie sich einmal als intuitiv und körperlich. Was heißt das?

Jördis Triebel: Ich bereite mich auf jede Rolle extrem gut vor. Und versuche am Set, alles wieder zu vergessen. Nur so schaffe ich es, Momente entstehen zu lassen, die nicht vorhersehbar sind. Zudem bin ich jemand, der viel Sport macht und seinen Körper spüren muss. Ich würde gern einmal einen Actionfilm drehen, bei dem ich springen und rennen kann.

ARTE: Warum kam es dazu noch nicht?

Jördis Triebel: Ein bisschen konnte ich mich damals in der Polizeiserie „KDD Kriminaldauerdienst“ austoben. Aber leider wird man als Schauspieler auch gerne in Schubladen gesteckt: Nach „Emmas Glück“ war ich die Bodenständige; seit „Westen“ bekomme ich Angebote für dramatische Rollen. Es ist wohl wirklich Zeit für einen Actionfilm.

ARTE: Gerade haben Sie „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ gedreht und möchten gerne noch mehr Kinderfilme machen. Warum?

Jördis Triebel: Was mich am meisten an Kinderfilmen reizt, ist, dass man in die Extreme gehen und Figuren so schön überziehen kann. Fast wie im Theater. Genau solche Charaktere würde ich gerne spielen, und nicht nur die Mutterrollen.

ARTE: An welche Rolle hatten Sie gedacht?

Jördis Triebel: Zum Beispiel an die einer Hexe.

ARTE: Eine gute oder böse Hexe?

Jördis Triebel: Schon die böse, aber mit ein bisschen gutem Herzen.

ARTE: Gibt es Filme, in denen Sie auf keinen Fall mitspielen würden?

Jördis Triebel: Geschichten, in denen Kindern etwas passiert, finde ich sehr schwierig. Weil ich diese Art von Emotionalität nicht erleben möchte. Einmal habe ich einen Film über Kinderprostitution gedreht, das fiel mir unglaublich schwer. „Ein Atem“, in dem eine Mutter ihr Kind verliert, war auch grenzwertig. Außerdem bin ich kein Fan von blutigen Horrorfilmen oder Psychothrillern – es gibt doch schon genug schreckliche Dinge, die auf der Welt passieren.

ARTE: In „Emmas Glück“ spielten Sie eine Schweinezüchterin, obwohl Sie eine Tierhaarallergie haben. Für so manchen wäre das ein Grund gewesen, den Film abzusagen.

Jördis Triebel: Das gibt es nicht oft im Leben, aber als ich das Drehbuch von „Emmas Glück“ gelesen hatte, wusste ich, dass ich diese Rolle spielen musste. Ich habe vorher ein zweimonatiges Praktikum auf einem Biobauernhof gemacht, um mich selbst zu immunisieren. Und meine Allergie ist seitdem tatsächlich nicht mehr ganz so schlimm.

ARTE: Haben Sie Haustiere?

Jördis Triebel: Wir haben Weinbergschnecken in einem Terrarium – die haben zum Glück keine Haare! Allerdings paaren sie sich wie verrückt und können bis zu 20 Jahre alt werden. Am Anfang waren es zwei, jetzt ist das ganze Terrarium voll. Würde ich sie aussetzen, gäbe es bestimmt eine Schneckenplage in Berlin.

ARTE: Wenn Sie sich nicht um Ihre Schnecken kümmern, tanzen Sie zu Soul- und Funkmusik durch Ihre Wohnung. Stimmt das?

Jördis Triebel: Ja, das habe ich schon immer gemacht, auch als Kind. Ich ziehe Kopfhörer auf und los geht’s! So kann ich mich wunderbar entspannen. Und ich habe eine große Wohnung – das ist besser als in der Disko!

Das Interview führte Lydia Evers

Zur Person: Jördis Triebel

Die Schauspielerin wurde 1977 im Ostberliner Stadtteil Treptow geboren und lebt heute in Friedrichshain. Bekannt wurde sie unter anderem durch Filme wie „Emmas Glück“ (2006) und „Familienfest“ (2015). Für ihre Darstellung in „Westen“ (2014) erhielt sie den Deutschen Filmpreis und wurde in Montreal auf dem World Film Festival ausgezeichnet.

 

ARTE Highlights

Die vierte Gewalt
Politdrama
Freitag, 26.8. | 20.15

Westen
Literaturverfilmung
Mittwoch, 31.8. | 20.15

Kategorien: August 2016