Barbarische Zerstörung

Gegen Verwüstung und Plünderung von Kulturstätten geht die Weltgemeinschaft immer mehr vor. Doch auch private Akteure sind in der Pflicht, sagt Unesco-Expertin Mechtild Rössler.

© Noma Bar

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Mutwillige Verwüstung, Plünderei, Hehlerei – immer häufiger nutzen Extremisten Kulturgüter für ihre Propaganda, sichern sich daraus gar ihre Finanzierung. Dass diese Gruppen unser kulturelles Erbgut ins Visier genommen haben, hat dazu geführt, dass Teile unserer gemeinsamen Geschichte unwiederbringlich in Schutt und Asche liegen. Es ist kein neues Phänomen oder eines, das sich nur auf eine bestimmte Region bezieht: Es kann überall geschehen. Diese barbarischen Handlungen sind nichts anderes als Kriegsverbrechen und sollten als solche anerkannt werden.

Als Mitte der 1990er Jahre Jugoslawien zusammenbrach, wurde die Welt bereits Zeuge von Kriegstaktiken, die den gezielten Angriff von Kulturstätten beinhalteten. Die Historische Altstadt von Dubrovnik, eine imposante Anlage aus dem 7. Jahrhundert und seit 1979 auf der Unesco-Welterbeliste, wurde heftig bombardiert und blieb zerstört zurück. Glücklicherweise konnten große Teile wieder rekonstruiert werden, sodass die Stadt heute eine große Touristenattraktion sein kann. Dies zeigt auch die Resistenz und den Widerstand, welche die Weltgemeinschaft gegenüber solchen Handlungen entwickelt hat. Dennoch war das Ausmaß, vielmehr jedoch die Mutwilligkeit des Angriffs eine traumatische Erfahrung.

Globaler Widerstand

Im kollektiven Bewusstsein noch gegenwärtiger ist wohl die Zerstörung der Buddha-Statuen von Bamiyan in Afghanistan, die 2001 die Welt entrüstete und aufrüttelte. Seither ist die internationale Gemeinschaft auf dem Plan. Zerstörungen und Plünderungen werden nunmehr international geächtet und verfolgt. Nach dem Krieg im Irak, wo zwei Drittel der Bestände des Nationalmuseums vermisst werden, verabschiedete der UN-Sicherheitsrat 2003 in einer bahnbrechenden Entscheidung die wichtige Resolution 1483. Mit ihr setzte er ein auch rückwirkend geltendes Handelsverbot für diese Kunstgegenstände in Kraft.

Das Ausmaß der Zerstörung von Kulturstätten in Syrien und dem Irak war wieder der Versuch, die Identität von Millionen Menschen und Teile unserer gemeinsamen Vergangenheit als Weltgemeinschaft auszulöschen. Nichts anderes als Akte kultureller Säuberung sind darin zu sehen.

Dichtes Kontrollnetz

Der Sicherheitsrat reagierte, dieses Mal sogar mit einer Anti-Terror-Richtlinie: Die Resolution 2199 schließt den illegalen Handel von Kunstgütern ein, da der Verdacht besteht, dass mit ihnen terroristische Gruppen finanziert werden. Kurz darauf verschärfte das Gremium auch die Vorgaben zur Berichterstattung gegenüber den Vereinten Nationen. Zudem gibt es seither den Aufruf an den Privatsektor, solche kriminellen Handlungen mit zu bekämpfen – und sich öffentlich zu einem sauberen Handel mit Kulturgütern zu bekennen.

Klar ist, dass für eine konsequente Verfolgung von Plünderungen oder Überfällen der Austausch von Informationen auch über Ländergrenzen hinweg reibungslos funktionieren muss. Gemeinsam mit syrischen und irakischen Experten, der Polizei und Fachleuten formiert sich derzeit ein dichtes Netz an Kontroll- und Informationsstellen, die eng miteinander und unter Einbeziehung der Zoll- und Grenzbeamten arbeiten. Auf internationaler Ebene kooperiert die Unesco intensiv mit Interpol und der Weltzollorganisation.

Erfolge wird es dann aber auch nur geben, wenn das Problem an der Wurzel angegangen wird: Die Nachfrage nach geraubten Kulturgütern muss gestoppt werden. Nur wenn alle Beteiligten sich an internationale Abmachungen und ethische Maßstäbe halten, können wir unser gemeinsames Erbe bewahren. Derweil muss die Kunstwelt stärker reguliert, müssen Betriebsprüfungen und Herkunftsnachweise zur Regel werden.

Das gemeinsame Kulturgut zu schützen und für alle zu erhalten, ist ein dem Menschen innewohnendes Bestreben. Besondere Achtsamkeit im Umgang mit uns selbst und unserer Kultur ist dafür der wichtigste Schlüssel.

Mechtild Rössler für das ARTE Magazin

Zur Person: Mechtild Rössler

Mechtild Rössler, 57, ist seit September 2015 Direktorin des Unesco-Welterbezentrums in Paris, der Institution der Vereinten Nationen für den Schutz von Kulturgütern. Sie studierte in Freiburg Geografie sowie Germanistik und promovierte dann an der Universität Hamburg.

 

 

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Kategorien: August 2016