Um den Sieg gebracht

Als erfolgreiche jüdische Hochspringerin wurde sie zum Spielball der Nazis: Kurz vor den Olympischen Spielen 1936 in Berlin erfuhr Gretel Bergmann, dass sie nicht teilnehmen durfte. Sie ging nach New York – doch ihr Hass blieb lange ungebrochen.

Getty Images © Bettmann

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Den 16. Juli 1936 wird Gretel Bergmann niemals vergessen – denn dieser Tag änderte das Leben der Leistungssportlerin von Grund auf: Ihre Hände zitterten, als sie den Brief las, in dem ihr der „Deutsche Reichsbund für Leibesübungen“ die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Berlin verwehrte – weil sie Jüdin war. Auch die Wut bleibt unvergessen, denn sie hätte es allen zeigen können: „Gold, nichts anderes wäre es gewesen“, ist sich die inzwischen 102-Jährige sicher. Damals gehörte Gretel Bergmann zu den vier besten Hochspringerinnen der Welt.

Heute lebt sie zurückgezogen im New Yorker Stadtteil Queens, seit über 50 Jahren wohnt sie in einem urigen Backsteinhaus im Grünen. Ihr jüngster Sohn Gary, 65, ist wieder bei ihr eingezogen, um sie zu unterstützen. „Das, was die Nazis meiner Mutter und den sechs Millionen Juden angetan haben, konnte sie nie vergeben“, erzählt er.

Der lang gehegte Traum der jungen Gretel, es der Welt mit ihren sportlichen Leistungen zu zeigen, wurde durch die Machtergreifung Adolf Hitlers jäh zerschlagen: Kurz vor ihrem 19. Geburtstag erfuhr das Mädchen aus dem baden-württembergischen Ort Laupheim, dass die Mitgliedschaft im Ulmer Fußballverein aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gekündigt wurde. „Meine Welt brach zusammen“, erinnert sich Gretel in ihrer Autobiografie „Ich war die große jüdische Hoffnung“ (2015). „Vergessen die vielen Medaillen, die ich für den Verein gewonnen hatte, vergessen die Kameradschaft!“ 1933 emigrierte sie nach London. Ihr Ziel: ins Olympia-Team zu gelangen, um für England bei den deutschen Spielen in Berlin 1936 antreten zu können.

Gretel wollte den Nazis zeigen, wie gut eine Jüdin sein kann, und gewann im Juni 1934 schließlich die britischen Leichtathletik-Meisterschaften im Hochsprung. „Es machte mich traurig, dass ausgerechnet die Wut auf die Nazis hinter meinem Wunsch nach herausragender Leistung stand. Rache als Motiv verstieß in meinen Augen gegen den Geist des Sports, aber meine Verletzung war zu groß.“

Später merkte sie, dass sie das Kalkül der Nazis unterschätzt hatte. Die Olympischen Spiele sollten das Aushängeschild des Deutschen Reichs sein. Doch weltweit berichteten Medien kritisch über die Entwicklungen im Land. Das Internationale Olympische Komitee forderte, deutsch-jüdische Sportler nicht auszuschließen, die USA drohten mit einem Boykott der Spiele. Ein Desaster für Berlin kündigte sich an.

Aus diesem Grund bekamen Gretels Eltern die Mitteilung, ihre Tochter solle nach Deutschland zurückkehren, um dort an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Ansonsten müsse ihre Familie mit ernsten Konsequenzen rechnen. Voller Abscheu reiste Gretel nach Deutschland. Weitere „halbjüdische“ Sportler wie die Fechterin Helene Mayer kamen in die Olympia-Auswahl. Die als weltoffen propagierten Spiele Hitlers schienen perfekt.

Gretel war zerrissen: Was würden die Nazis ihr antun, wenn sie gewann? Sollte sie auf dem Siegertreppchen ihre Hand zum Hitlergruß heben? „In mir tobte ein ständiger Kampf – der verzweifelte Wunsch, bei den Olympischen Spielen antreten zu können, und die starke Abneigung, für die Nazis antreten zu müssen.“ Sie wusste: „Letztlich konnte ich nur verlieren.“

Im Juni 1936 übertraf die 22-Jährige in einem Hochsprung-Wettbewerb mit 1,60 Meter ihre Mitstreiterinnen. „Der Abschaum der Erde – wie Adolf Hitler meinte –, die unwürdige Jüdin, hatte den deutschen Rekord erreicht“, triumphierte sie. Doch für die Nazis wurde Gretel damit gefährlich, denn eine siegreiche Jüdin hätte nicht der damaligen Rassen-Ideologie entsprochen. Und so kam der furchtbare Brief, zwei Wochen vor Beginn der Spiele: „Sie werden auf Grund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben“, stand da. „Heil Hitler!“ Besonders pikant: Am 15. Juli, einen Tag vor Ankunft des Briefs, hatte das Schiff mit den amerikanischen Sportlern abgelegt. Ein Boykott war damit nun nicht mehr zu befürchten, Gretel hatte für die Nazis keinen Nutzen mehr.

So fuhren nur zwei statt der geplanten drei deutschen Mädchen nach Berlin. Elfriede Kaun wurde zweite, den vierten Platz machte Dora Ratjen. Jahre später stellte sich heraus, dass Dora ein Mann war. Ob auch dahinter ein Plan der Nazis steckte, konnte nie endgültig geklärt werden.

Auf deutschen Boden wollte Gretel nie wieder einen Fuß setzen. 1937 wanderte sie nach New York aus – und sprach fortan kein Deutsch mehr, selbst mit ihrem späteren Mann nicht. Bereits im Juli 1935 hatte sie Bruno Lambert in Deutschland kennengelernt. Der jüdische Sprinter und spätere Arzt zog zu Gretel nach New York, kurz darauf heirateten die beiden. Sie bekamen zwei Kinder und blieben bis zu Brunos Tod 2013 ein Paar. Verzeihen konnte er den Deutschen nie, auch nicht mit 103 Jahren, denn seine gesamte Familie war in Konzentrationslagern umgekommen.

Gretel, die in den USA zweimal Hochsprung-Meisterin wurde, besuchte schließlich 1999 und 2003 Deutschland. „Sie hat verstanden, dass sie die jetzige Generation nicht dafür verantwortlich machen kann, was passiert ist“, erzählt Gary. Seine Mutter, deren Leben so lange von Zorn erfüllt war, sagte 1999: „Seit dieser Reise weiß ich auch, dass das heutige Deutschland meinen Hass nicht länger verdient.“

Karoline Nuckel

 

Der Traum von Olympia: Die Nazi-Spiele von 1936
Dokudrama
Samstag, 16.7. | 20.15

Kategorien: Juli 2016