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Typisch Frankreich: Der Traum vom eigenen Landhaus

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im Juli zeigt das ARTE Magazin die Liebe der Franzosen zu ihrem eigenen kleinen Landhaus.

© Martin Haake

© Martin Haake

Sie sind so freiheitsliebend, unsere Nachbarn, tragen mit Stolz die Werte der Französischen Revolution im Herzen. Für sie brachte die Abschaffung der Monarchie die humanistische Erleuchtung nach Europa, ja in die ganze Welt. Vom Absolutismus, so das Selbstverständnis, bleibt einfach nichts mehr im heutigen Hexagon.

Doch eine Kleinigkeit vergessen sie dabei, denn eine bedeutende Tradition aus dem „Ancien Régime“ haben sie übernommen: die Liebe zum Zweithaus. Drei Millionen Immobilien werden nur während der Schulferien und an Wochenenden genutzt. Franzosen sind die Könige der Ferienhäuser.

Das absolutistische Frankreich ist vom 16. bis 18. Jahrhundert von zunehmender Zentralisierung in Paris, später Versailles, geprägt. Unter den Noblen gehört es zum Usus, zusätzlich zu ihren Gütern in den Ländereien eine Stadtvilla in der Hauptstadt zu unterhalten. Heute ist es umgekehrt: Nach Monaten in ihren engen Stadtwohnungen und dem Stress des urbanen Alltags zieht es den französischen Städter – genauer: Pariser – ins absolute Gegenteil: aufs Land, ins Nichts, in die „maison de campagne“, das Landhaus.

Befeuert von den „trente glorieuses“, den „dreißig glorreichen Jahren“, wie die Franzosen ihr Nachkriegswirtschaftswunder nennen, dem Ausbau des Hochgeschwindigkeitszuges TGV und der Einführung der 35-Stunden-Woche explodierte die Zahl der „maisons de campagne“: von einer Viertel Million Mitte des 20. Jahrhunderts auf heute über drei Millionen.

Das sind zwölfmal mehr als in Deutschland. Und: Mehr als zwei Drittel der Franzosen geben in Studien an, von einem eigenen Zweithaus zu träumen. Doch weil das kostet, muss oftmals am Hausstand gespart werden: Statt für die „maison de campagne“ alles neu zu kaufen, werden die ausrangierten Alltagsgegenstände aus der Hauptwohnung ins Landhäuschen gekarrt. Die offenbar unfehlbare Logik: Was fürs Zuhause zu kaputt oder zu alt ist, wird auf dem Land schon ausreichen.

Und so fahren Scharen an Franzosen mit stumpfen Messern, kurz vor Kurzschluss stehenden Kaffeemaschinen und ausgeblichenen Restposten Geschirr in ihren Kofferräumen aufs Land. Im Schnitt sind die Zweithäuser nur an 30 Nächten im Jahr bewohnt – da kann man lauwarmen Kaff ee aus angeknacksten Tassen verkraften.

Hoffentlich wiederholt sich hier die französische Geschichte nicht. Eine längst vergessene Wahrheit rund um die Zweithäuser aus der vorrevolutionären Zeit ist nämlich: Als Ludwig XIV. den Hof aus Paris nach Versailles verlegte, trieb dies manch Adligen mit dem Drang nach einer weiteren Residenz in den finanziellen Ruin.

Julien Wilkens

 

 

ARTE Programmhinweis

Karambolage
Sonntags, um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen unter arte.tv/edition

Kategorien: Juli 2016