julien.wilkens@axelspringer.de

Sticky Fingers

Von Elvis Presleys Hüftschwung bis Miley Cyrus’ Ritt auf der Abrissbirne: Für den „Summer of Scandals“ auf ARTE rauscht Arne Willander durch die Exzesse der Popgeschichte.

Typo © Sarah Matuszewski Fotos: © Tim Page (1), Getty Images © Michael Ochs Archives (1), Getty Images © Cooke Key Associates/Brian Cooke/Redferns (1), Getty Images © Hulton Archive (1), Getty Images © Patrick Riviere

Typo © Sarah Matuszewski
Fotos: © Tim Page (1), Getty Images © Michael Ochs Archives (1), Getty Images
© Cooke Key Associates/Brian Cooke/Redferns (1), Getty Images © Hulton Archive (1), Getty Images © Patrick Riviere

 

Man kann mit einigem Recht behaupten, dass Elvis Presleys Hüftschwung die Mutter aller Rock ’n’ Roll-Skandale war: 1956 ließ er in der „Ed Sullivan Show“ sein Becken kreisen, im Fernsehen sah man ihn dann nur von der Hüfte aufwärts, was das Geschehen darunter freilich umso interessanter machte. Der Rock ’n’ Roll-Skandal an sich ist eine Attacke gegen Sitte und Anstand, eine Währung, die zwar wechselt, aber nicht so sehr, dass nicht stets kleinbürgerliche Reflexe zu aktivieren wären. Der Rock ’n’ Roll-Skandal sittlicher Art besteht immer darin, dass jemand sehr absichtlich tut, was er nicht lassen will – und dass er es ziemlich öffentlich tut.

Die Skandalisierung als Verlängerung des künstlerischen Wirkens fesselt die Aufmerksamkeit des Publikums – und wird auch zum eigentlichen Kunstwerk: Die Drogenexzesse des notorischen Hallodris Pete Doherty, die Beleidigungen von Noel Gallagher, die Eskapaden von George Michael korrespondierten mit dem Erlahmen ihrer kreativen Kräfte. Von Gary Glitter war zuletzt nur noch im Zuge der Anklage wegen Kinderpornografie die Rede.

Als der Manager Shep Gordon seinen Schützling Alice Cooper 1971 berühmt machen wollte, hatte er ein paar gute Ideen. Cooper und Band traten nackt in durchsichtigen Plastik-Anzügen auf. Gordon rief die Polizei und behauptete, seine minderjährige Tochter wohne dem Konzert bei (er hatte keine Tochter). Als die Polizei kam, waren die Overalls allerdings so mit Kondenswasser beschlagen, dass die Band gar nicht nackt wirkte. Die Platte „School’s Out“ wurde – statt von einer Papierhülle – von einem Mädchenschlüpfer umspannt. „School’s Out“ erreichte Platz eins der Charts.

Im selben Jahr ließen die Rolling Stones das Plattencover für „Sticky Fingers“ anfertigen: Andy Warhol arbeitete einen veritablen Reißverschluss in ein Foto von engen Blue Jeans ein, die offenkundig von einem Mann getragen wurden. Das Darunterliegende blieb imaginär. Bereits 1968 waren die Rolling Stones auffällig geworden, als eine Drogenparty stattfand, an der auch George Harrison und Mick Jaggers Freundin Marianne Faithfull teilnahmen. Als die Polizei anrückte, wurden Rauchschwaden von Marihuana festgestellt. Ein Beamter sagte später aus, die Faithfull sei mit einem Mars-Riegel an einer besonders neuralgischen Körperstelle angetroffen worden.

Jim Morrison, der Sänger der Doors, entblößte 1969 bei einem Konzert in Miami seinen Penis und simulierte Fellatio bei dem Gitarristen Robby Krieger. Unter dem Ansturm empörter Zuschauer brach die notdürftig gezimmerte Bühne zusammen. Vier Tage später wurde gegen Morrison Haftbefehl erlassen, doch er war schon abgereist.

Als Paul McCartney 1979 nach Japan einreisen wollte, wurde er zu seiner Überraschung von Zollbeamten durchsucht – einige Gramm Marihuana reichten für eine Verhaftung. Es halten sich Gerüchte, dass John Lennons Ehefrau Yoko Ono aus Missgunst bei den Behörden angerufen hatte, weil er in der Suite eines Hotels in Tokio wohnen sollte, die Yoko gerade für sich buchen wollte.

Lennon selbst randalierte 1974 in Los Angeles bei einem Konzert von Ann Peebles im Troubadour-Club, pöbelte herum und klebte sich eine Damenbinde auf die Stirn, woraufhin er aus dem Saal geschleppt wurde. Vor der Tür verprügelte er einen Fotografen. Oder er betrank sich im Studio mit dem Produzenten Phil Spector, der den Tobenden nach Hause bringen und an einen Pfosten seines Bettes fesseln ließ. Nachdem Lennon befreit war, verfolgte er schreiend seine Geliebte May Pang bis zum Hotel Beverly Wilshire, wo die beiden dann mit dem Sänger Harry Nilsson eine Orgie feierten.

John Lennon war der Virtuose des triebbewegten Skandals, aber er war zugleich der größte Meister des Wortskandals. 1966 machte er sich in den USA unbeliebt, als er bei einer Pressekonferenz witzelte, die Beatles seien nun populärer als Jesus. In den Südstaaten wurden danach Platten der Beatles verbrannt, Beatles-Songs nicht mehr im Radio gespielt, Lennon erhielt Todesdrohungen. Bei einem Konzert in London verkündete Lennon in Anwesenheit von Prinzessin Margaret, die Leute auf den billigen Plätzen sollten klatschen, während die Reichen auf den Balkonen nur mit ihrem Schmuck klappern müssten.

In den 1980er Jahren setzte Morrissey, Sänger und Dichter der Smiths, die Tradition des verbalen Flammenwerfens fort. Auf dem Album „The Queen Is Dead“ schildert er eine Begegnung mit der Queen. Die Königin nörgelt: „Sie können nicht singen.“ Morrissey antwortet: „Das ist noch gar nichts. Sie sollten mich Klavier spielen hören.“ Später schrieb Morrissey das Lied „Margaret on the Guillotine“ über die damalige Premierministerin Margaret Thatcher. Die Sex Pistols etablierten 1977 den Punk, indem sie „God save the queen / She ain’t no human being“ grölten. Keine schöne Musik, aber ein Skandal erster Kajüte – und bei der BBC sofort auf der Verbotsliste, die Garantie für Rekordverkäufe.

Im Hip-Hop verlagerte sich der Skandal auf Schusswechsel, Bandenkriege und Prügelszenarien, die Rapper Tupac Shakur und Notorious B.I.G. wurden erschossen – so viel blutige Authentizität ließ die weiße Rockmusik in den 1990er Jahren als Hort des Inszenierten und des Luxusleidens erscheinen.

Bei Skandalen von Künstlerinnen werden oft Kalkül und Überspanntheit vermutet. Sinéad O’Connor zerriss 1994 bei ihrem Konzert im Madison Square Garden ein Foto von Papst Johannes Paul II. im Zorn über die sexuelle Misshandlung katholischer Zöglinge. Das Publikum buhte. Niemand glaubte

Madonna 2003 ihr antimilitaristisches Pamphlet „American Life“. Der Protest des Country-Trios Dixie Chicks gegen die Politik von George W. Bush endete mit dem kommerziellen Niedergang der Musikerinnen. Und der Kuss von Madonna und Britney Spears bei den „MTV Video Awards“ wurde 2003 ebenso als dreiste Scharade der Selbstvermarktung begriffen wie Lady Gagas habituelle Nacktheit und der Ritt der Miley Cyrus auf einer Abrissbirne.

Elton John, der als der Lustige mit der Brille galt, gestand später, die Nächte mit Kokain und Pornos verbracht zu haben. 1984 sorgte er für seinen größten Skandal: Er heiratete eine Frau, die deutsche Tontechnikerin Renate Blauel.

Arne Willander

 

Arne Willander. Der studierte Germanist, 1970 in Hamburg geboren, ist seit Ausgabe eins beim deutschen „Rolling Stone“. Heute ist er Vize-Chefredakteur sowie leidenschaftlicher Musik- und Fernsehkritiker.

 

 

Arte Schwerpunkt

Summer of Scandals

La Cicciolina – Göttliche Skandalnudel
Kulturdoku
Samstag, 16.7. | 21.45

Explicit! Die skandalösesten Musikvideos
Musikdoku
Samstag, 16.7. | 22.40

The Libertines im Pariser Olympia
Konzert
Samstag, 16.7. | 00.40

Guns N’ Roses: Die gefährlichste Band der Welt
Dokumentarfilm
Sonntag, 17.7. | 20.15

Milli Vanilli: From Fame to Shame
Musikdoku
Samstag, 23.7. | 22.00

Catwalk-Scandals!
Kulturdoku
Samstag, 23.7. | 23.05

Iggy Pop auf dem Festival Nuits de Fourvière
Konzert
Samstag, 23.7. | 23.55

Tratsch und Totschlag: Aufstieg und Niedergang der Skandalpresse
Kulturdoku
Sonntag, 24.7. | 21.35

Popscandals (1+2)
Kulturdoku
Samstag, 30.7. | ab 21.45

Korn – Konzert vom Hellfest 2015
Konzert
Samstag, 30.7. | 23.35

Kategorien: Juli 2016