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Kalkulierte Tabubrüche

Kinogänger lieben Skandale. Filmemacher wissen das. Seit Jahrzehnten bedienen sie die Wünsche des Publikums – und beschäftigen die Sittenwächter.

© ddp images

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Nur der Tod kann die Ekstase von Sada und Kichizô noch steigern. „Im Reich der Sinne“, so der deutsche Titel des 1976 erschienenen Films von Nagisa Ôshima, gelten andere Gesetze als in der von Konventionen und Tabus geprägten Außenwelt, von der sich das Paar immer weiter entfernt. So weit, bis Lust und Mord zu Lustmord verschmelzen.

Die japanischen Zensoren hätten den Film gewiss verboten. Ôshima wich daher für die Produktion nach Frankreich aus, obwohl er nur zeigte, was sich 40 Jahre zuvor in Japan tatsächlich ereignet hatte. Freilich radikal.

Seit Bestehen der Zunft haben Filmemacher Tabus gebrochen. So sorgte schon D. W. Griffiths „The Birth of a Nation“ 1915 in den USA für einen Skandal, weil er Schwarze als Menschen zweiter Klasse zeigte und empfahl, sie nach Afrika zu verschiffen. Der Film lockte eine Million Zuschauer in die Kinos und wurde zur Blaupause für Hollywoods Studiobosse. Sie witterten das lohnende Geschäft mit dem kalkulierten Skandal und wandten das Prinzip häufig an. Etwa bei „Basic Instinct“ (Paul Verhoeven, 1992): Der löste in den USA einen Sturm der Entrüstung aus, da Sharon Stones Schamhaare zu sehen waren und Feministinnen ihn diskriminierend fanden. Weltweit spielte der Streifen mehr als 350 Millionen Dollar ein – Sex sells.

Das Businessmodell klappte nicht immer: Als Elia Kazans „Baby Doll“ 1956 in die Kinos kommen sollte, rief die Legion of Decency zum Boykott auf. Drei Viertel der US-Kinos nahmen den Film aus dem Programm – aus Angst, der Mob könnte ihre Häuser verwüsten.

Für Stanley Kubrick war dieser Skandal der Hauptgrund, seine Adaption des Nabokov-Romans „Lolita“ (1962) nicht in den USA zu drehen, sondern in England. Dort war mit weniger Gegenwind zu rechnen. Dennoch änderte er das Drehbuch: Lolita ist im Film 14 Jahre alt, im Roman erst zwölf; auf eindeutige Sexszenen musste er verzichten. In „Eyes Wide Shut“ ließ Kubrick 1999 Nicole Kidman und Tom Cruise Lustfantasien ausleben. Um sicherzustellen, dass der Film in den USA die Altersfreigabe ab 16 bekam, orientierte er sich an Adrian Lynes „Eine verhängnisvolle Affäre“, den die Filmkontrolleure 1987 genehmigt hatten. Sex smells – zumindest in den USA.

Europas Sittenwächter nehmen selbst an Orgien wie „Das große Fressen“ (Marco Ferreri, 1973) wenig Anstoß. Erst wenn Sex mit Gewalt oder Blasphemie koaliert, sehen sie rot: So setzte der französische Staatsrat im Jahr 2000 Virginie Despentes’ Film „Fick mich“ auf den Index, weil darin zwei gepeinigte Frauen wahllos Männer verführen und ermorden.

Insgesamt sind die Zensurkriterien deutlich laxer geworden: 1982 etwa hatte Herbert Achternbuschs „Das Gespenst“ für wütende Proteste der Kirche gesorgt, die den Film kurzzeitig verbieten ließ – heute ist er frei ab zwölf. An Gaspard Noés „Irreversibel“ (2002) hatten die Kontrolleure 20 Jahre später dagegen nichts auszusetzen und gaben ihn ab 18 frei – trotz der bis dahin brutalsten Vergewaltigungsszene der Filmgeschichte.

Frank Lassak

 

Arte Schwerpunkt

Summer of Scandals (Film)

Das große Fressen
Drama
Sonntag, 17.7. | 21.45

Borat
Groteske
Sonntag, 24.7. | 20.15

Im Reich der Sinne
Erotikthriller

Sonntag, 24.7. | 22.50

Lolita
Drama
Sonntag, 31.7. | 20.15

Eyes Wide Shut
Erotikthriller
Sonntag, 31.7. | 22.45

Kategorien: Juli 2016