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Happy Birthday, Montreux

Das Montreux Jazz Festival gehört zu den renommiertesten Events seiner Art. Nach 50 Jahren hat es allerdings nur noch peripher mit Jazz zu tun – und das ist gut so, sagt Till Brönner.

© Katrin Binner

© Katrin Binner

Unter den Festivals dieser Welt hat das Montreux Jazz Festival eine einzigartige Stellung: aufgrund seiner knapp 50-jährigen Geschichte, der tollen Lage und vor allen Dingen durch seinen Mitbegründer und langjährigen Leiter Claude Nobs, der 2013 traurigerweise verstarb.

Man darf nie vergessen, dass der Ort, an dem ein Festival stattfindet, mindestens genauso wichtig ist wie das, was dort passiert. Die Annehmlichkeiten um den Genfer See herum haben die Künstler dort in relativ kurzer Zeit so zu schätzen gelernt, dass aus dem anfangs eher kleinen Festival ein großes, welt- und auch stilumspannendes Event wurde – das letztendlich mit Jazz nur noch peripher etwas zu tun hat. Im Wesentlichen wird dort handgemachte Musik auf höchstem Niveau zelebriert. Und neben Jazzgrößen wie Quincy Jones, Herbie Hancock oder Wynton Marsalis wollen heute die größten R&B- und Rockstars in Montreux auftreten. Nicht zuletzt wurde ja auch der berühmte Song „Smoke on the Water“ von Deep Purple dort geschrieben.

Jazz kommt selten allein

Der größte Star, der dort herumlief, war jedoch Claude Nobs. Er war ein extrem weitsichtiger, charismatischer und menschenfreundlicher Direktor und hat wesentlich zur Entwicklung des Festivals beigetragen. Nobs hatte frühzeitig erkannt, dass es wichtig ist, dem Jazz eine Bühne zu bieten, auf der man ihn neben unterschiedliche Stilrichtungen stellt. In anderen Worten: Ein Jazzmusiker sieht einfach besser aus, wenn vor oder nach ihm Carlos Santana auf die Bühne geht, der für Jazz auch wahnsinnig viel übrig hat.

Das Ende der 1960er Jahre, als das Montreux Jazz Festival gegründet wurde, war eine Zeit, in der die Formen sehr fließend waren. Jazzrock und Fusion – also die Mischung verschiedener Stile – gehörten zum Jazz dazu. Claude Nobs hatte dafür ein Gespür und hat Acts eingeladen, die auch im Pop- und Rockbusiness erfolgreich waren. Ein Festival für Puristen ist das in Montreux also schon lange nicht mehr. Und trotzdem ist es sicherlich neben dem North Sea Jazz Festival in Rotterdam das prestigeträchtigste. Als Jazzmusiker gibt es heutzutage nicht viele Festivals, auf denen man unbedingt auftauchen muss. Aber Montreux gehört dazu. Für den Jazz ist das auch insofern interessant, als dass er natürlich eigentlich aus den USA kommt – und plötzlich eine große Heimat in der Schweiz gefunden hat. Jazz ist hier nicht etwa Musik für wenige, sondern glamourös, erfolgreich und wird für viele Menschen gemacht.

Ein Chalet auf der Alm

Dabei ist die Vorstellung zu romantisch, dass man während des Festivals an jeder Ecke Musiklegenden begegnet. Zwar ist das Städtchen klein und beschaulich,die Musiker aber treffen sich mittlerweile eher hinter verschlossenen Türen, in den Hotels, den Proberäumen und backstage. Oder früher in Claude Nobs’ Chalet! Er hatte oberhalb des Sees auf einer Alm ein Anwesen, in das er alle Musiker, Verwandte, Freunde und Manager einlud – was genauso interessant und beeindruckend war wie das musikalische Programm in der Stadt!

Ich war dreimal in Montreux dabei: Einmal habe ich selbst dort gespielt, dann fotografiert und zuletzt bei einer Produktion mitgemacht, die sich hauptsächlich um Quincy Jones drehte. Als heimlicher musikalischer Vater des Festivals hat er dort immer wieder große Happenings auf der Bühne veranstaltet. Ich erinnere mich, dass ich bei der Probe für das Konzert zu seinem 80. Geburtstag fotografieren durfte. Er war noch nicht da, die restliche Band probte schon. Und plötzlich füllte sich der Raum aus unerklärlichen Gründen mit hübschen Frauen. Eine hübscher, größer und hochherrschaftlicher als die andere. 20 Minuten später wussten alle schlagartig, warum: Quincy Jones kam zur Tür herein. In diesem Jahr ist er auch wieder dabei. Füllt sich also ein Raum plötzlich mit schönen Frauen, dann ist er ganz bestimmt nicht weit. Auch das ist Montreux! Hier leben die Größen des Jazz auf.

Till Brönner

 

Till Brönner, 45, ist ein deutscher Trompeter, Sänger, Komponist und Fotograf. Er spielte bereits mit internationalen Jazzgrößen wie Dave Brubeck, Klaus Doldinger und Joe Sample und erhielt insgesamt fünfmal den Echo. Beim Montreux Jazz Festival war er dreimal dabei.

 

 

ARTE HIGHLIGHT

50 Jahre Montreux Jazz Festival
Musikdoku
Sonntag, 3.7., um 23.55 Uhr

Weitere Sommerfestivals von Mai bis September auf
concert.arte.tv

Kategorien: Juli 2016