Geliebte Exzesse

Iggy Pop ist das Gesicht des „Summer of Scandals“ auf ARTE. Ein Gespräch über Gott und Pop.

© Illustration Sarah Matuszewski Getty Images © Henry Leutwyler

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Getty Images © Henry Leutwyler

Arte: Herr Pop, das Wort Skandal bedeutet: was uns von Gott entfernt. Und Sie sind diesen Sommer das Gesicht dieser Gottlosigkeit.

Iggy Pop: Wenn nah an Gott sein bedeutet, zu tun, was man will, aber nicht zu wissen, dass es ein Skandal ist, dann passt das doch!

Arte: Was war Ihr größter Skandal?

Iggy Pop: Da gab es sicher viele große. In den Siebzigern war es mein Drogenmissbrauch. Und das Blut.

Arte: Ja, zum Blut: Sie haben sich die Brust aufgeritzt, sind durch Scherben gekrochen. Sie wollten auch bewusst provozieren, oder?

Iggy Pop: Ich bin zuallererst Entertainer und fühle mich besonders zu menschlichen Skandalen hingezogen: Sex, Drogen, Dreck. Auch Schönheit. Meine Ideen wurden irgendwann für Politisches vereinnahmt. Aber mich hat überhaupt nicht interessiert, wer gerade Präsident ist.

Arte: Sie haben immer einen großen Unterschied zwischen Jim Osterberg, als der Sie geboren wurden, und Iggy Pop gemacht.

Iggy Pop: Ich weiß nicht, ob das wirklich so stimmt. Wie viele meiner Generation sollte ich ein Vorzeigebürger werden, ein weiterer kleiner Superman für Amerika – ohne Raum für Resignation oder Zynismus. Also ging ich in eine Rockband. Aber dann entdeckte ich all die Lügen.

Arte: Das fühlen Sie wohl sehr. Finden Sie die Welt so verlogen?

Iggy Pop: Der haitianische Künstler André Pierre hat es schon richtig gesagt: „Alle lügen, der Papst lügt.“ Und das ist wahr.

Arte: In Berlin haben Sie Ihre erfolgreichsten Songs geschrieben. Was hat Sie dort so inspiriert?

Iggy Pop: Wenn man mich fesselt, schlage ich um mich. So bin ich. Berlin hat mich frei gemacht, mich zu artikulieren. Wir lebten wie in einer Zeitkapsel aus Vorkriegsdynamik und Nachkriegsarmut. Ich hatte keine Heizung. Martin Kippenberger mietete ein riesiges Bauhausloft für 200 Mark. Ich war glücklich. Und was aus dem Osten herübersickerte: schräge Typen aus Rumänien und Russen, von denen man Drogen kaufte. Eine einzigartige Stimmung, fabelhaft, um zu schreiben.

Arte: Die wilden Zeiten sind ja nun vorbei. Achten Sie mehr auf sich?

Iggy Pop: Ich bin kein Fetischist, ich trinke noch Wein zum Essen. Aber ich mache jeden Tag eine halbe Stunde Qigong. Und Konzerte – die sind natürlich ein gutes Workout.

Arte: Wußten Sie, dass poppen auf Deutsch heißt, Sex zu haben?

Iggy Pop: Das weiß ich jetzt erst? Na dann. Let’s go, wir poppen!

Shila Meyer-Behjat

 

 

Iggy Pop. Der 1947 als James ‚Jim‘ Osterberg geborene Lehrersohn wuchs in Michigan auf. Als Iggy Pop, abgeleitet von seiner ersten Band „The Iguanas“ begründete er mit seiner Musik und exzessiven Präsenz u. a. den Punkrock. Mit „The Stooges“ wurde er berühmt, später als Solokünstler. Größte Hits: „The Passenger“ und „Lust for Life“.

 

 

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Kategorien: Juli 2016