Eindeutig uneindeutig

Er bewegt sich zwischen den Kulturen, zwischen den Genres und ist nirgendwo ganz. Doch eben dieses Uneindeutige mag Fahri Yardim. In „Marry me!“ zeigt sich der Schauspieler erneut von seiner charmant-lustigen Seite. Ein Porträt.

© Christoph Voy für the Red Bulletin Magazin

© Christoph Voy für the Red Bulletin Magazin

Wenn Fahri Yardım über sich und seine Vorlieben spricht, fällt ein Wort besonders häufig: bunt. So gesehen erscheint seine Rolle in „Marry me! – Aber bitte auf Indisch“ fast wie eine Sequenz aus seinem Leben. In der Kreuzberger Culture-Clash-Komödie spielt er den Koch Karim, der das ohnehin schon chaotische Leben von Deutsch-Inderin Kissy noch chaotischer macht. Es sei, wie Yardım es beschreibt, ein kleiner, exotischer Berlin-Film, der jede Werbung verdient habe.

Das Aufeinanderprallen von Kulturen ist für den Schauspieler auch abseits der Leinwand ein Thema – angefangen bei der Herkunft seiner Eltern, die als Studenten aus der Türkei nach Deutschland kamen, hin zum Leben in seiner Wahlheimat Berlin. „Wenn man unter Kultur mehr versteht als Nationalität, war und ist mein Leben sehr bunt“, sagt er. Allein durch das Leben in der Großstadt komme er mit den verschiedensten Milieus in Berührung.

Fahri Yardım, der 1980 in Hamburg-Harburg geboren wurde, bewegt sich seit jeher zwischen den Kulturen, tat sich selbst aber lange Zeit schwer, die eigene Identität zu finden. In Deutschland war er stets das Kind von Einwanderern, im Türkeiurlaub der Eingedeutschte und später in seinen Rollen der Mann mit Migrationshintergrund. Sicherlich Gründe dafür, dass er Schubladen so vehement ablehnt, Fragen nach Stereotypen im Keim erstickt und den Film einst sogar als Integrationskiller bezeichnete. „Verallgemeinerungen sind per se falsch und dumm“, unterstreicht er. Und so machte sich der deutschtürkische Hamburg-Berliner das Uneindeutige zur Eigenart und befasste sich statt mit seiner Nationalität lieber mit der Vergangenheit seiner Familie. „Was mich interessiert, sind die Lebensgeschichten meiner Verwandten, die Konflikte und die Freuden, die ihr Leben geprägt haben.“ Heute lernt er sogar die Sprache seiner Eltern – etwas, wogegen er sich als Kind sträubte. Aus Ablehnung ist Neugier geworden. „Türkisch ist eine fantastische Sprache. Welten öffnen sich, je tiefer ich in sie eintauche.“

Dass es ihn zum Schauspiel zieht, weiß Fahri Yardım seit der Schulzeit. Den Ausschlag gaben damals die ersten Gehversuche auf der schulischen Theaterbühne. „Das Lachen, der Applaus der Mitschülerinnen“, erinnert er sich, „das war identitätsstiftend.“ In diesen Jahren leiteten ihn auch Filmgrößen wie Moritz Bleibtreu oder Fatih Akin. „Sie gaben einem Schwarzkopf wie mir das Gefühl, dass Straße und Leinwand zusammengehen. Das war verführerischer als jedes Berufsinformationszentrum.“

Dennoch führte ihn sein Weg zunächst in die Hörsäle der Hansestadt. Yardım studierte Germanistik, Erziehungswissenschaften und Ethnologie, nahm nebenher Schauspielunterricht am Bühnenstudio Hamburg und spielte erste kleine Rollen in Filmen wie „Kebap Connection“, „Keinohrhasen“ und „Chiko“. Irgendwann hieß es für den Hamburger jedoch: Schluss mit den halben Sachen und „Butter bei die Fische“. Er schmiss sein Studium kurz vor Abschluss hin und sprang ins kalte Schauspielwasser. Die Haare, die markanten Gesichtszüge, die leicht heisere Stimme und der norddeutsche Schnack wurden bald zu seinen Markenzeichen.

Als Schauspieler braucht Fahri Yardım den Applaus der Zuschauer, Kritik hingegen ist für ihn meist nur schwer zu ertragen. „Aber ich liebe sie. Nicht auf eine masochistische Art, sondern als Antrieb und Erkenntnis gewinn.“ Sein größter Kritiker ist und bleibt vermutlich er selbst. In Interviews geißelt er sich mitunter geradezu selbst. Dahinter stecke „eine aufrichtige Koketterie“, wie er sagt. Dennoch versuche er, seine Selbstzweifel weniger öffentlich auszubreiten. „Sie stinken nach Koketterie – egal, wie ehrlich man ist.“

Dem Massenpublikum wurde Fahri Yardım 2013 bekannt, als er im neuen Hamburger „Tatort“ als Kriminalhaupt kommissar Yalcin Gümer erstmals auf Verbrecherjagd ging – eine Rolle, die er Filmpartner Til Schweiger verdankt. Vor gut zehn Jahren standen die beiden für die Komödie „Wo ist Fred?“ zum ersten Mal zusammen vor der Kamera, und mit der Zeit wurden aus den Kollegen Freunde. Schweiger nennt Yardım gern seinen kleinen Philosophen – weil dieser sich so viele Gedanken mache.

Zwischen all den Scherzen und lockeren Sprüchen gibt sich der 35-Jährige oft nachdenklich. Vom früheren Bild des clownesken Lockenkopfs hat er sich, wie er findet, „längst unvollständig, aber glücklich emanzipiert und die schauspielerische Palette breit getreten“. Seinen Wunsch, stärker in Richtung Arthaus zu gehen, relativiert Fahri Yardım jedoch. Die strikte Abgrenzung zum Populärkino ist ihm zu kategorisch. „Der Begriff wird viel zu oft verwendet, um den eigenen Exklusivitäts-anspruch zu betonen.“ Nennenswerte Filme sind für ihn nicht nur das Drama „Birdman“ oder die Sci-Fi-Romanze „Her“, sondern auch „Fack ju Göhte“, eine Komödie. Also alles, nur nicht eindeutig.

Jessika Knauer

 

Arte Highlight

Der Berliner Culture-Clash-Film ist das Kinodebüt der deutsch-indischen Schauspielerin und Regisseurin Neelesha Barthel.

Marry me! – Aber bitte auf indisch
Komödie
Freitag, 15.7. | 20.15

Kategorien: Juli 2016