Machtkampf am Meeresgrund

Der Ozean wird aufgeteilt wie ein Stück Land, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Es geht um fossile Brennstoffe und seltene Metalle. Über den Ausverkauf der Weltmeere.

© Adams Carvalho

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Dieser Verteilungskampf ist ein Novum in der Menschheitsgeschichte, denn historisch ist das Wasser die Grenze eines Staates, das Ende des – wortwörtlichen – Landes. Erst im 17. Jahrhundert kommt die Idee auf, dass sich das Hoheitsgebiet eines Staates auch über seine Küsten hinaus erstrecken könnte. Es gilt fortan die Drei-Meilen-Zone – das ist ein wenig mehr, als damalige Geschütze feuern konnten. Diese Zone wurde später auf zwölf Seemeilen ausgeweitet.

Der Anspruch auf Meer

Doch mit der steigenden Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen im vergangenen Jahrhundert richtet sich der Blick der Regierungen zunehmend auf den Meeresgrund. „Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 veröffentlichte der damalige US-Präsident Truman einen Erlass, nach dem die natürlichen Ressourcen im Meeresboden vor der Küste den Vereinigten Staaten von Amerika gehören“, erklärt die Völkerrechtlerin Suzette Suarez in der ARTE-Dokumentation „Die Eroberung der Weltmeere“. Die USA führten dabei nicht ein machtpolitisches, sondern ein wissenschaftliches Argument an: „Sie beriefen sich auf die geologische Verbindung zwischen ihrer Landmasse und dem Land unter dem Wasser“, so die Expertin vom Center for International Ocean Law.

Wie weit reicht der Kontinent?

Die Grundlage dieses Beweises liegt in einer Zeit, lange bevor es Menschen gab: Vor zwei Milliarden Jahren bestand die Erde noch aus einem Superkontinent, dann drifteten die Kontinentalplatten auseinander. Die Abrisskante gehöre aber noch zum jeweiligen Kontinent – auch wenn sie unter Wasser liege, so das Argument. Und je mehr Erdöl und Erdgas am Meeresgrund entdeckt wurden, desto mehr drängten die Küstenstaaten dazu, diese geologische Gegebenheit in internationales Recht umzuschreiben. Eine weitere Entdeckung befeuerte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Gier nach mehr Meer: Im Pazifik stießen Forscher auf riesige Vorkommen von Manganknollen. Diese Metallklumpen sind so klein wie Kartoffeln, beinhalten aber viel Kupfer, Kobalt und Nickel.

Die Stoffe sind selten, daher kostbar und werden immer begehrter: In einer einzigen Windturbine stecken 500 Kilo Nickel und 500 Kilo Kupfer – der Kupferverbrauch pro Kilowattstunde hat sich mit der Windenergie verzwölffacht. Auch elektronische Geräte kommen nicht ohne Metalle aus: Sie sind die Basis der Hightech-Industrie. Ohne sie gäbe es keine Smartphones, Notebooks, LED-Leuchten oder Elektromotoren. Und: In Schwellen- und Entwicklungsländern wird sich der Verbrauch der begehrten Bodenschätze in den nächsten Jahrzehnten um bis zu 900 Prozent erhöhen.

Doch nicht jeder Staat hat einen gleich großen Festlandsockel; so ist er vor der Küste Afrikas zum Teil nur 20 Kilometer breit, während sich Russlands geologischer Kontinentalschelf Hunderte Kilometer nach Norden erstreckt. Um diese Ungleichheit der Naturgeschichte rechtlich auszugleichen, einigten sich 1982 die meisten Länder im Seerechtsübereinkommen auf einen Kompromiss: Jeder Staat hat Anspruch auf 200 Seemeilen, also über 400 Kilometer Meer. Sie nannten dies den „juristischen Festlandsockel“. Aber: „Die Staaten mit den großen Festlandsockeln gaben sich damit nicht zufrieden. Sie fühlten sich als Verlierer“, erklärt Expertin Suarez.

Als das Gesetz, das heute vielen als Verfassung der Meere gilt, nach zähen Verhandlungen 1994 in Kraft tritt, hat ein Zusatzartikel eine wichtige Hintertür geöffnet: Jeder Staat kann zusätzlich zu den 200 Seemeilen „juristischem Festlandsockel“ auch einen größeren Anspruch auf den Meeresboden stellen. Aber nur dann, wenn er beweisen kann, dass der tatsächliche Kontinentalteil weiter hinausreicht. Ein Staat hat zehn Jahre Zeit, die notwendigen Daten über sein Land unter Wasser zu liefern. Fünf Anrainerstaaten des Arktischen Meeres versuchen mit dieser Regel ihre Hoheitsrechte Richtung Nordpol auszuweiten: Dänemark, Kanada, USA, Norwegen, Russland. Sie alle wollen so viel wie möglich. Über zehn Prozent des weltweit verfügbaren Erdöls sollen hier lagern. Der Kampf ist ein ökonomischer und er wird mit den Waffen der Wissenschaft ausgetragen.

Die Sache mit den geologischen Daten ist aber: Nur Geologen können einschätzen, ob sie stimmen, ob also ein Staat ausreichend bewiesen hat, wie weit sein Festlandsockel reicht. Eine Kommission aus 21 Experten mit Sitz in New York überprüft die eingereichten Daten und gibt eine Empfehlung ab. Es ist de facto eine Entscheidung, da keiner die Kommission überprüft.

Der deutsche Geophysiker Karl Hinz war Mitglied dieser Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels, wie das UN-Organ im Ganzen heißt. „Das Positive an der ganzen Sache ist, dass es diese Institution überhaupt gibt. Denn sonst hätten sie zu den Waffen gegriffen und Kriege geführt“, vermutet Hinz. Heute zählt er zu den größten Kritikern: „Die Festlandsockelkommission hat kein Kontrollorgan“, beanstandet er.

Können die Experten die wissenschaftliche Neutralität bewahren? Von den 21 Geologen kommen 19 aus Ländern, die selbst Anträge auf Gebietserweiterungen unter Wasser gestellt haben. Als 2002 Russland seinen Anspruch auf die zentrale Arktis inklusive Nordpol einreichte, galt Hinz als der Mann, der den Antrag wegen zweifelhafter Messungen zurückwies. Im internationalen Geschacher um den Tiefseeboden hatte die Russische Föderation aber einen klugen Schachzug gespielt: Denn wenn ein Staat erstmalig einen Anspruch eingereicht hat, kann er so lange Daten nachreichen, wie er will. Es gilt nicht mehr die Zehn-Jahres-Frist. Stimmt die Kommission dann zu, kann die neue Seegrenze nie wieder zurückgenommen werden.

Hinter den Anträgen stehen mächtige Interessen: „Wir haben jetzt den Punkt erreicht, an dem die Offshore-Förderung von Öl und Gas die Förderung an Land überholt hat“, erklärt Robert van de Poll, Seerechtsexperte von der Tiefseeerkundungsfirma Fugro. Die Summe, um die es geht, ist schwindelerregend hoch: „Die Meeresbodenbehörde in Jamaika schätzt, dass sich etwa 12.000 Billionen Dollar an Ressourcen in den Kontinentalschelfen befinden.“ Auch wenn diese Zahl höchst spekulativ ist, würde das pro Erdenbewohner 1,5 Millionen Dollar bedeuten.“ 53 Prozent aller maritimen Grenzziehungen innerhalb der exklusiven Wirtschaftszonen sind ungeklärt. Die Folge sind Konflikte, die äußerst explosiv werden können“, befürchtet van de Poll.

Auch die Tiefsee wird verwaltet

Die Internationale Meeresbodenbehörde ISA verwaltet den Teil des Grundes, der keinem Staat gehört. Die Behörde ist dazu da, die Schätze aus der Tiefsee gerecht zu verteilen. Wenn ein Land oder Unternehmen in diesen Gebieten durch Abbau von Ressourcen Profite macht, sollen arme Staaten und Staaten ohne Meereszugang davon etwas abbekommen. Kritiker monieren einen zahnlosen Tiger. Die Behörde hat keinerlei Einspruchsrecht bei der Festlandsockelkommission, keinen Beobachterstatus und kein Recht, die Empfehlungen der Kommission anzufechten.

Der juristische Festlandsockel der Küstenstaaten nimmt heute schon rund 40 Prozent der gesamten Meeresfläche ein. Schätzungen zufolge wird am Ende mehr als die Hälfte des Ozeans einzelnen Staaten gehören, genauer: 57 Prozent. Mit jedem Claim, also Antrag, bei der Geologen-Kommission erhöht sich der Bereich, der ausschließlich einem Land gehört.

Die Landnahme unter Wasser, sie ist die größte der Geschichte. Das gemeinsame Erbe der Menschheit schrumpft im Machtgefüge von Staaten und Wirtschaftsinteressen immer weiter.

Julien Wilkens

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Kategorien: Juni 2016