Fußball ist unser Frieden

Er wurde in einer Zeit erfunden, in der Sport ein Platzhalter für Krieg war. Heute sorgt Fußball für Austausch, auch zwischen Deutschland und Frankreich, sagt Sportsoziologe Albrecht Sonntag.

Illustration links: © Mrzyk & Moriceau

Illustration: © Mrzyk & Moriceau

Der Fußball ist ein Kind der Moderne. Er wurde Ende des 19. Jahrhunderts in ein Europa hineingeboren, in dem ein exaltierter politischer und kultureller Nationalismus den Kontinent fest im Griff hatte. In einem solchen Kontext war Sport, ob das Turnen oder das neue Ballspiel, in erster Linie Teil der Vorbereitung auf den nächsten Krieg.

Als enthusiastische Pioniere dann Anfang des 20. Jahrhunderts erste internationale Begegnungen auf dem grünen Rasen anbahnten, wurde den Regierenden schnell klar, welch außergewöhnliches Identifikationspotenzial diesem Spiel innewohnte – vor allem bei Zuschauern, die ohnehin schon einer nationalistischen Gehirnwäsche ausgesetzt waren. Der Fußball ließ sich gut instrumentalisieren, nicht zuletzt wegen seiner Ausrichtung als Kampf zweier „Armeen“, die gegnerisches Territorium einnehmen wollen.

Nie ein normales Spiel

Frankreich und Deutschland gingen sich zunächst sorgfältig aus dem Weg. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten die noch jungen Nationalmannschaften bereits jeweils über 30 Länderspiele bestritten, das direkte Aufeinandertreffen aber stets vermieden. An ein Freundschaftsspiel zwischen „Erzfeinden“ war auch nach dem Krieg über Jahre hinweg nicht zu denken. An den ersten internationalen Turnieren nahm man fast nie gleichzeitig teil. Erst 1931 kam es zu einem Freundschaftsspiel in Paris, auf das vor dem Zweiten Weltkrieg drei weitere folgten.

Natürlich kann sich die Fußballgeschichte dem Erbe der internationalen Beziehungen und der daraus entstandenen Wahrnehmungen und Vorurteile nicht entziehen. Auch in Zeiten der Annäherung und Versöhnung war Deutschland gegen Frankreich „nie ein normales Spiel“, wie der ehemalige französische Nationaltrainer Michel Hidalgo in seinen Memoiren schrieb. Wie sehr er damit Recht hatte, zeigt der Dokumentarfilm „Ziemlich beste Gegner“ von Albert Knechtel: Als die französische Elf im Halbfinale der WM 1982 in Spanien an der deutschen Mannschaft nach Verlängerung und Elfmeterschießen scheiterte, lebten alte Feindbilder wieder auf. Am Ende mussten die Staatschefs François Mitterrand und Helmut Schmidt schlichten. Diese „Nacht von Sevilla“ ist im kollektiven Gedächtnis Frankreichs fest verankert.

Mauer der Indifferenz

Abgesehen von solchen Höhepunkten strafte man sich lieber mit wechselseitiger Gleichgültigkeit. Top-Spieler beider Länder, die bei Klubs im Nachbarland unter Vertrag standen, zeigten sich erstaunt über das mangelnde Interesse der Fans am Fußball auf der jeweils anderen Seite des Rheins.

Diese Mauer der Indifferenz wurde erst durch Großereignisse in den letzten Jahren aufgebrochen. Die WM in Frankreich 1998 löste in Deutschland eine besorgte Suche nach den Gründen für den Niedergang des deutschen Fußballs aus. Anregung fand man in der exzellenten Jugendarbeit, die der benachbarte Fußballverband seit 20 Jahren konsequent verfolgt hatte und die sich der DFB zum Vorbild nahm. Gleichzeitig wurde die internationale Zusammensetzung des französischen Teams auch in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Während des deutschen Sommermärchens 2006 rieben sich dann die Franzosen die Augen über das gelassene, endlich „normale“ Deutschland mit seiner mittlerweile auch multikulturellen Nationalelf.

Die Annäherung der beiden Fußballöffentlichkeiten ist nicht verwunderlich. Denn sie findet statt in einem Rahmen der Europäisierung des Fußballs, in dem ein funktionierender gemeinsamer Markt und permanenter Austausch über nationale Grenzen hinweg zur Regel geworden ist: Man holt sich Inspiration beim Nachbarn, ob der französische Verband nun seine Strategie zur Entwicklung des Frauenfußballs an Deutschland ausrichtet oder der DFB seine zentrale Akademie am französischen Modell in Clairefontaine orientiert. Das heutige Europa ist ein anderes als das, in das der Fußball hineingeboren wurde.

Albrecht Sonntag

Albrecht Sonntag, 54, ist ein deutscher Sportsoziologe und Fußballfan von Berufs wegen. Er lehrt und forscht an der „ESSCA Ecole de Management“ im französischen Angers. Außerdem ist er Gründer und Koordinator des Projekts „Football Research in an Enlarged Europa“ (FREE).

 

Ziemlich beste Gegner: Fussball in Deutschland und Frankreich
Dienstag, 7.6., um 20.15 Uhr
arte.tv/abseits

Kategorien: Juni 2016