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Eine Chronik der Hoffnung

Er suchte nach einer Vorlage für einen Film über den Krieg und fand sie in den Memoiren von Wladyslaw Szpilman. Die Geschichte von Roman Polanski und dem Pianisten.

Foto: © Robert Wolanski for VIVA Magazine

Foto: © Robert Wolanski for VIVA Magazine

Ein Tag im August 1942: Menschen versammeln sich auf einem großen Platz im Zentrum Warschaus. Erst einige wenige, am Ende werden es mehrere Tausend sein. Sie sitzen dort und warten. In der Hitze, ohne Wasser, über Stunden. An einer Mauer am Rande liegen die zurückgelassenen menschlichen Kadaver des Vortages. Dann das Geräusch eines heranna-henden Zuges, Vieh- und Güterwaggons kommen in Sicht. Die Menschen erheben sich. Der Abtransport beginnt.

Es ist eine Szene aus dem Leben von Władysław Szpilman – dem polnischen Pianisten, der als Einziger seiner Familie den Holocaust überlebte und dem Regisseur Roman Polanski mit seinem Drama „Der Pianist“ ein filmisches Denkmal geschaffen hat. Es ist eine Geschichte des Überlebens, erzählt von jemandem, der sie ähnlich als kleiner Junge in Krakau erlebt hat.

Eine Kindheit im Ghetto

Roman Polanskis erste Erinnerungen beginnen ebendort: in der elterlichen Wohnung in der Komorowski-Straße 9. 1933 in Paris geboren, zieht er mit seiner Familie 1936 in die Geburtsstadt des Vaters. Als der Krieg ausbricht, suchen sie Unterschlupf in der polnischen Hauptstadt. Dieser Plan erwies sich, so beschreibt es Polanski in seiner Autobiografie, als Reinfall. „Statt in Krakau zu bleiben, wo es überhaupt keine Kämpfe gegeben hatte, waren wir kopfüber nach Warschau geeilt, direkt ins Epizentrum des Krieges.“

Noch vor Jahresende kehrt die Familie nach Krakau zurück und spürt schon bald die zunehmenden Repressionen. Aufgrund ihrer teils jüdischen Abstammung gelten Polanskis Eltern der nationalsozialistischen Rassenlehre nach als Semiten. Der junge Polanski erlebt, wie Judenviertel und Mauern errichtet werden und wie sich das Ghetto nach jeder Razzia leert. Mutter, Halbschwester, Großmutter – nach und nach verschwinden all seine nahen Verwandten. Bei der endgültigen Liquidierung des Ghettos im März 1943 wird sein Vater deportiert. Polanski entkommt und bleibt allein zurück – inmitten leerer Straßen mit Koffern, Möbeln und herumfliegenden Federn aus zerfetzten Kissen. In „Der Pianist“ finden sich an vielen Stellen Reminiszenzen an diese Zeit. „Ich verwertete einen großen Teil meiner eigenen Erinnerungen“, erzählt Polanski in einem Making-of zum Film. „Wie zum Beispiel an die Frau, die einen deutschen Offizier etwas fragte. Er zog eine Waffe und erschoss sie.“

Polanski, der nach seiner Flucht bei verschiedenen Familien in der Stadt und auf dem Land unterkommt, sagt: „Unter allen möglichen Formen des Leidens war das Schlimmste die Trennung von meinen Eltern.“ Seinen Vater wird er nach Kriegsende wiedersehen, seine Mutter überlebt das Konzentrationslager nicht. Ihr Zug führt, wie er später erfährt, direkt zu den Gaskammern. Lange hoffte er, sie würde zurückkommen.

In den frühen 1970er Jahren kreuzen sich die Wege von Polanski und Szpilman zum ersten Mal. Von den Parallelen ihrer beiden Leben erfährt der Regisseur jedoch erst Jahre später, als ein Freund ihm Szpilmans Autobiografie schenkt, eine Neuauflage der Originalausgabe von 1946. Polanski hatte immer einen Film über diese Zeit drehen wollen. In dem Moment, als er das Buch in den Händen hält, weiß er: Das ist es. Die Beschreibung der Ereignisse, sagt er, sei extrem genau, von einer erstaunlichen, kalten Objektivität geprägt – und von einem unglaublichen Optimismus. „Das Opfer überlebt, überlebt dank seiner Leidenschaft zur Kunst und zur Musik im Speziellen. Und dank seiner Willenskraft.“

Für die Adaption der literarischen Vorlage hat Polanski auf jedes noch so kleine Detail geachtet. „Er geht persönlich durch den Drehplan, von Schauspieler zu Schauspieler, und prüft jedes Staubpartikel“, erzählt Andrzej Szpilman, Sohn des im Jahr 2000 verstorbenen Pianisten. Den Wunsch, die Geschichte seines Vaters wahrheitsgetreu zu erzählen, hat Polanski erfüllt. Am Ende war es, als habe Szpilman seine eigene Familie zum ersten Mal reell kennengelernt. „Das ist die Kunst von Polanski. Er schafft es, diese Szenen lebendig zu machen.“ Polanskis Lohn für seine Akribie und Hingabe war unter anderem der Oscar für die Beste Regie. Den konnte der 82-Jährige jedoch nicht persönlich in Empfang nehmen. Wegen eines offenen Haftbefehls darf er seit 1978 nicht mehr in die USA einreisen.

Ein Film für die Ewigkeit

Für Andrzej Szpilman ist „Der Pianist“ wie ein Kompendium des Krieges, ein Dokument, das noch unseren Enkeln erhalten bleiben wird. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass zu diesem Thema ein weiterer Film entsteht, der diesen übertrifft. Aus einem einfachen Grund: Es gibt keinen Regisseur mehr, der sich persönlich an diese Zeit erinnern kann. Der Film ist für mich definitiv.“ Das würde Roman Polanski vermutlich genau so unterschreiben. Er sagte einst: „Wenn eine Filmdose auf mein Grab gelegt würde, dann sollte es ‚Der Pianist‘ sein.“

Jessika Knauer

ARTE Filmreihe

Roman Polanski

Der Pianist
Drama
Sonntag, 5.6. | 20.15

Roman Polanski: Mein Leben
Porträt
Sonntag, 5.6. | 22.35

Die neun Pforten
Thriller
Montag, 6.6. | 20.15

Ekel
Psychothriller
Montag, 6.6. | 22.25

Venus im Pelz
Drama
Mittwoch, 8.6. | 20.15

Der Tod und das Mädchen
Thriller
Mittwoch, 8.6. | 22.40

cinema.arte.tv

 

Kategorien: Juni 2016