julien.wilkens@axelspringer.de

Die Stadtmauer aus Asphalt

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im Juni fährt das ARTE Magazin mit dem Auto Richtung Paris. Und landet auf dem Périphérique.

© Martin Haake

© Martin Haake

Sie ist für Touristen die Stadt der Liebe und hoch oben auf der Liste der beliebtesten Reiseziele der Deutschen: Paris. Doch sie ist umzingelt von einem städtebaulichen Monstrum, dem Périphérique.

Die Ringstraße rund um die 20 Arrondissements der französischen Hauptstadt ist eine 35 Kilometer lange asphaltierte Grenze zwischen Innenstadt und Vororten. Die Hauptstädter nennen das Paris innerhalb des Périphériques „intra muros“, also innerhalb der Stadtmauern. Die gibt es zwar seit einem Jahrhundert nicht mehr, doch an ihrer Stelle errichteten die Franzosen von 1954 bis 1973 ihren Ring. Und obwohl aus Gründen der Beschleunigung und der Mobilität gebaut, ist dieses urbane Ungetüm auch heute noch eigentlich nur eines: eine Mauer.

Eine Wohnung innerhalb des „Périphs“, wie ihn die Franzosen nennen, macht den Pariser aus, wer außerhalb wohnt, ist Banlieusard, ein Vorortler, auf den der echte, weil eingemauerte Pariser herabschaut. Aber: Wohnen innerhalb des Rings ist kaum zu bezahlen, die Preise sind um ein Vielfaches teurer als in den Banlieues. Der Périph teilt also die Île-de-France in zwei soziale Klassen.

Wenn Paris das Herz Frankreichs ist, dann ist der „Boulevard périphérique“ dessen Aorta: Die Autobahnen aus allen Richtungen des Landes führen auf Paris zu und münden auf der chronisch überlasteten Ringstraße.

Von der Romantik der Stadt der Liebe bleibt wenig, wenn man sich als Pendler jeden Tag hupend und fluchend aus den umliegenden Banlieues in die Innenstadt kämpft – und wieder zurück. Auf der meistens achtspurigen Rundstraße liegt die Höchstgeschwindigkeit zwar bei 70 Stundenkilometern, wegen des dichten Verkehrs kommt man im Schnitt an einem Werktag aber nur mit unter 40 Sachen voran. Sieben der zehn Strecken in Frankreich mit den meisten Staus befinden sich auf der Stadtautobahn, auch Luftverschmutzung und Geräuschpegel überschreiten regelmäßig die Grenzwerte.

Laut Gesetz gilt beim Einfädeln auf den Périph übrigens rechts vor links. In der Realität gilt gar nichts, denn der Pariser hat gelernt, keinen Meter im Straßenverkehr nachzugeben. Das beherzigen auch Motorradfahrer, von denen viele zwischen den Autos der zwei linken Fahrspuren durchrasen. Diese illegale Spur nennen die Pariser daher auch „Organspenderspur“.

Zum Glück hat die Pariser Region mehr zu bieten – sogar das Verkehrsmuseum soll 2018 wieder eröffnen – und den Touristen tangiert die Spurfrage auch nur peripher: Denn warum auf der Umgehungsstraße links fahren, wenn die Ausfahrten in die Stadt der Liebe alle rechts abgehen?

Julien Wilkens

ARTE Programmhinweis
Karambolage

Sonntags, um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage
DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen unter arte.tv/edition

Kategorien: Juni 2016