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Along the French Riviera

Als Klaus und Erika Mann die Riviera besuchten, gaben sie sich dort voll dem bunten Leben hin. ARTE wandelt auf ihren Spuren.

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Gesegnetes Frankreich, mit Paris als Hauptstadt und dieser Mittelmeerküste als Badestrand!“ Erika und Klaus Mann sind gerade mit dem Auto an der Côte d’Azur unterwegs, als sie diese Worte verfassen. Rasant fahren sie die gewundenen Küstenstraßen entlang, stets den Notizblock dabei. „Das Buch von der Riviera“ wird ihr Werk später heißen, und es wird sich unterscheiden von gewöhnlichen Reiseführern, denn die Sprache mutet feuilletonistisch an, ist frech und persönlich.

Im Auftrag des Piper Verlags berichten die beiden ältesten der sechs Kinder von Thomas Mann in der Reihe „Was nicht im Baedeker steht“ davon, wie man an der Südküste Frankreichs mit möglichst wenig Geld in den Genuss der Exklusivität dieser glamourösen Welt kommt. „Die Riviera – Legende von Luxus, Glanz, rollender Kugel, Hermelinpelz und Champagnerseligkeit“, halten die beiden in ihrem Buch fest, das 1931 erscheint. Anders als im Baedeker erkunden Erika und Klaus die Küste nicht von Ost nach West, sondern umgekehrt: Sie beginnen in Marseille und fahren über Menton bis ins italienische Portovenere, hinter Genua.

Kreative Szene

Schon Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich zahlreiche Künstler von der Côte d’Azur verzaubern, richteten ihre Ateliers ein und blieben teilweise über Jahre. Maler wie Vincent van Gogh, Paul Cézanne und Paul Signac waren fasziniert vom besonderen Licht der Gegend, das sie zu einer neuen Farbigkeit in ihren Werken inspirierte.

1903 kam auch Auguste Renoir an die Riviera, allerdings mit dem Ziel, seine Rheumaerkrankung zu lindern. Im kleinen Ort Cagnes-sur-Mer, zwischen Nizza und Antibes, kaufte er sich eine Villa, in der er bis zu seinem Tod im Jahr 1919 lebte und arbeitete. Jahre später raten Erika und Klaus Mann ihren Lesern jedoch, sich nicht zu lange in diesem Ort aufzuhalten, sondern weiterzufahren nach St. Paul, einem Städtchen bei Nizza: „Das Café de la Colombe d’Or ist Zentrum und Treffpunkt aller derer, die an St. Pauls Charme und malerischer Ergiebigkeit ihren Spaß haben möchten.“ Bernard Shaw, Henri Matisse, Claude Farrère: „Ein paar Namen, um Sie zu blenden“, locken die beiden Reiseschriftsteller.

Die kreative Szene bestimmte das Leben an der azurblauen Küste, die ihren Namen von Stéphen Liégeard erhielt: In seinem Buch sprach er 1887 erstmals von der „Côte d’Azur“ – ein Name, der die besondere Farbe an dieser Küste aufs Trefflichste einfängt.

Reise im Rausch

Mehr und mehr wurde die Südküste Frankreichs zum exklusiven Ort für Künstler, Intellektuelle, Weltbürger. Vor allem der Fischerort Sanary-sur-Mer entwickelte sich zum renommierten Treffpunkt der Bohème. „Mondäner Zauber und bourgeoise Gemütlichkeit, Sport, gutes Essen und Bakkarat sind große Attraktionen; aber die größte Attraktion ist das Nichtstun“, wissen die beiden Geschwister – und geben sich dem vermeintlich sorglosen Leben der Côte d’Azur bedingungslos hin.

Die beiden leben exzentrisch und möchten am dekadenten Leben jener Zeit teilhaben. Sie erleben die Kasinos von Monte Carlo und geben Tipps für „alte Damen mit phantastischen Bankguthaben“. Sie selbst kommen finanziell an ihre Grenzen und werden von ihrem Vater unterstützt, zum Teil vom Geld seines Literaturnobelpreises.

Überhaupt ist Geld ein zentrales Thema, wie auch in dieser Episode über Marseille: „Ich weiß nicht, ob Sie wohlhabend genug sind, im Hôtel de Noailles abzusteigen, das seine luxuriöse Front der Canabière zuwendet – trösten Sie sich, wenn es zufällig im Moment nicht geht, eigentlich ist es unten am Hafen viel netter.“

Doch so unbeschwert, wie das Buch von Klaus und Erika daherkommt, ist das Leben der beiden Mittzwanziger zu dieser Zeit nicht. Die erstarkende Macht des NS-Regimes wird zunehmend spürbar: „Überall in Frankreich laufen Kriegsfilme, genau wie in Deutschland und in den Buchläden liegen Kriegsbücher aus.“

Sanary-sur-Mer wird im Mai 1933 der erste Ort sein, in dem die Manns – neben Künstlern wie Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht und Franz Werfel – ins Exil gehen. Später ziehen sie weiter in die Schweiz und in die USA. Genau wie ihre Eltern werden sich auch Klaus und Erika in Deutschland nie wieder heimisch fühlen.

1931 geben sich die Geschwister jedoch noch weltmännisch, trinken Champagner und genießen das Leben in vollen Zügen. Für die leidenschaftliche Rallyefahrerin Erika reicht der Rausch der Geschwindigkeit in schnellen Autos oft aus, wohingegen Klaus zunehmend den Drogen verfällt.

Schließlich endet die Reise des extrovertierten Geschwisterpaars: „Hinter Monte kommt nicht mehr viel, – wir nähern uns in bedrohlicher Eile der Grenze.“ Das Italien Mussolinis hatte für sie keinen Reiz, ihre Liebe galt allein der französischen Riviera. Die Erinnerungen sind ein Abgesang auf eine glamouröse Ära Südfrankreichs.

Karoline Nuckel

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Kategorien: Juni 2016