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Typisch Frankreich: Das französische Schüsselchen

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im Mai begleitet das ARTE Magazin Franzosen beim Frühstück. Und erspäht etwas Besonderes: einen Bol.

© Martin Haake

© Martin Haake

Es ist eine dieser Erfindungen, die in ihrer genialen Einfachheit den Alltag ein bisschen leichter macht: der Henkel an der Tasse. Beim Frühstück in Deutschland umklammern die Finger den kalten Griff – der brühwarme Kaffee verbrennt so die Haut nicht.

Welche Verwunderung der Deutsche also empfindet, wenn er auf dem Frühstückstisch bei Franzosen diese vielen Schüsseln sieht, henkellos, nicht für Müsli gedacht, sondern für Kaffee, Unmengen Filterkaffee. Oder auch für Milch und heiße Schokolade bei den Kindern. Unsere Nachbarn wachsen mit ihm auf: dem Bol.

Ein Frühstück geht in Frankreich schnell, doch eine gewisse Reihenfolge will eingehalten werden: Der kochend heiße Kaffee wird zunächst nicht angerührt. Erst schmiert sich der französische Frühstückende eine Tartine, ein langes Stück Baguette, meist mit Butter und Konfitüre. Man mag es linksrheinisch morgens eher süß.

Ohne den Bol zu berühren, tunkt der Franzose seine liebevoll geschmierte Tartine in den Kaffee. Das weiße Brot saugt die heiße Flüssigkeit auf, die Butter hinterlässt kleine schwimmende Fettaugen an der Oberfläche.

Dann erst greift der Franzose mit vorsichtig gespitzten Fingern an den oberen Rand seines Frühstücksschüsselchens, dort, wo der Kaffee die Keramik noch nicht ganz so stark erhitzt hat, führt den Bol zu seinen Lippen und nimmt den ersten Schluck.

Kaum einer der so auf Höflichkeit und gute Erziehung pochenden Franzosen gibt es zu, aber: Morgens, im Kreise der Familie, darf noch geschlürft werden. Genuss kommt vor den Manieren. Am Grund des Bols bleiben immer einige aufgeschwemmte Brotklumpen zurück – deshalb trinkt der Franzose selten bis zum allerletzten Schluck.

Nach dem Frühstück aber bleiben die Bols im Schrank – sie werden den restlichen Tag nicht mehr gebraucht. Wenn unsere Nachbarn mittags nach dem Essen einen Kaffee trinken, bestellen sie einen „petit café“, einen starken Schuss in einer behenkelten Espressotasse. Sie trinken ihn gerne schnell und bis zum letzten Tropfen aus.

Tagsüber ist der Bol in Frankreich höchstens noch im allgemeinen Sprachgebrauch zu finden: Die Redewendung „avoir du bol“ heißt „Glück haben“. Die genaue etymologische Ursprungsbestimmung ist ein bisschen komplizierter. Im Altfranzösischen bezeichnete das Wort „bol“ auch noch das – sagen wir mal – Gesäß. Ausgerechnet dieses Körperteil verbanden die früheren Franzosen mit dem Glückhaben.

Heute weiß kaum noch jemand um den recht profanen Ursprung der Redewedung. Das führt zum süßen modernen Missverständnis: Hat jemand Glück, so hat er Schüsselchen.

Julien Wilkens

ARTE Programmhinweis

Karambolage
Sonntags um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen unter arte.tv/edition

Kategorien: Mai 2016