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Tour de tanke

Es ist eine der ungewöhnlichsten TV-Reisen des Jahres: Entertainer Friedrich Liechtenstein sucht nach den romantischsten Zapfstationen Europas. Am Pfingstmontag zeigt ARTE die Dokureihe„Tankstellen des Glücks“ zum Thementag „Tankstellen-Träume“.

© Jan Philip Welchering

© Jan Philip Welchering

Die Reise führt entlang der Adern der Mobilität. Sie folgt der Spur des Benzins und des Diesels, dieser heute umweltpolitisch geächteten Brennstoffe des Fortschritts, die im Europa der Nachkriegszeit das Wirtschaftswunder befeuerten. Mit einem goldenen Mercedes S-Klasse tourt der Entertainer Friedrich Liechtenstein durch Europa auf der Suche nach den „Tankstellen des Glücks“. „Ich behaupte, dass Tankstellen die romantischsten Orte unserer Zeit sind“, sagt der Unterhalter in der zehnteiligen ARTE-Dokureihe. Fernweh, Frischverliebte, Familienfreude – eine Alliteration des Glücklich-seins treffe sich an den Zapfsäulen dieser Welt. Es ist eine steile These. „Aber nur steile Thesen machen Spaß“, sagt er.

© Jan Philip Welchering

© Jan Philip Welchering

Die Reise beginnt in Berlin, der Wahlheimat des Weltbürgers Liechtenstein. Sein wuchtiger Mercedes stammt noch aus einer Zeit, in der der Mensch sich seine Umwelt formte, statt auf sie Rücksicht zu nehmen: Baujahr 1976, drehzahlstarker V8-Motor, Verbrauch nördlich von 20 Litern Super auf 100 Kilo-meter – ein fahrendes Statussymbol.

Friedrich Liechtenstein ist ein Phänomen des wiedervereinten Deutschlands: Puppenspieler aus Eisenhüttenstadt, als diese noch Stalinstadt hieß und er Hans-Holger Friedrich. Heute Schauspieler, Sänger und Alleinunterhalter im angesagten Berlin-Mitte, ein Lebenskünstler. „Ich bin ein Flaneur“, sagt er, einer, der überall zu Gast ist, der mal im Mittelpunkt steht und mal Zuschauer ist. Er ist ein Junggebliebener, der sich goldene Folie auf die Nägel klebt. „Damit es besser aussieht, wenn ich nach etwas greife“, erklärt er. Passend wird der Mercedes-Oldtimer vor der Abfahrt für die Reise durch Europa gold lackiert.

Die erste Station ist ein Relikt aus den Anfängen der motorisierten Mobilität: die Sprint-Tankstelle in den Kantgaragen im Berliner Westen. Zwischen den engen Zapfanlagen steht, tanzt und singt Liechtenstein im braunen Jackett, am Revers steckt eine Löwenzahnblüte. „Tankstellen sind doch wunderbare Nicht-Orte“, sagt Liechtenstein. Er zieht das Buch „Non-Lieux“ des französischen Anthropologen Marc Augé aus der Tasche. Darin steht: „Der Raum des Nicht-Ortes schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit.“ Autobahnen, Bahnhöfe, Flughäfen sind solche Nicht-Orte. In seiner popkulturellen Reise zeigt Liechtenstein, dass Tankstellen sehr wohl ein Leben, eine Seele, eine Geschichte haben können.

Minimalistisch und Revolutionär

Doch sie verschwinden zunehmend aus dem Stadtbild: Von mehr als 45.000 Zapfstationen Ende der 1960er Jahre in Deutschland sind heute weniger als 15.000 übriggeblieben. „Früher war Tankwart ein Ausbildungsberuf, seit Ende der 1960er Jahre tankt man selber“, erklärt Joachim Kleinmanns, Autor von „Super, voll!“, einer kleinen Kulturgeschichte der Tankstelle. Nicht nur das Berufsbild, auch die Architektur wandelte sich.

Selten hat eine Tankstelle so viele Adjektive verdient wie die in den 1930er Jahren vom dänischen Designer Arne Jacobsen im Stil des Funktionalismus entworfene Tankstation in Skovshoved: minimalistisch, revolutionär, grandios. Für Liechtenstein einfach „die schönste Tankstelle der Welt!“. Das Wahrzeichen des Baus ist das indirekt beleuchtete, runde Vordach über den zwei Zapfsäulen. In strahlendem Weiß steht diese Zapfstelle nördlich der dänischen Hauptstadt Kopenhagen.

In Paris besucht Liechtenstein die Mini-Tankstelle „Relais Pigalle 2“ mit ihren wenigen Zapfsäulen direkt auf dem Bürgersteig, inmitten des französischen Amüsierbetriebs von Pigalle und seinem bekannten „Moulin Rouge“. Der kleine, grüne Laden ist seit 60 Jahren in Familienbesitz. Die Mini-Anlage von Nissim Parienti ist ein Gegenentwurf zu den riesigen Konzernketten außerhalb der Stadt; ein David, der sich erfolgreich gegen Goliath durchsetzt – bislang zumindest. Denn den kleinen gesellschaftlichen Anlaufstellen droht in der französischen Metropole das Aus: Die Stadtverwaltung will sowohl Autos als auch Tankstellen mittelfristig aus dem Zentrum verbannen.

Das ist in Wien bereits der Fall, dafür hat unter anderem auch Verkehrsplaner Hermann Knoflacher gesorgt. Seine These lautet: Der Mensch habe seine Umwelt komplett an das Auto angepasst. Er verriegele sich hinter schalldichten Fenstern und dicken Wänden, um sich vor dem Lärm und der Verschmutzung durch Autos zu schützen.

Wenige Autostunden weiter findet Liechtenstein in Luxemburg den unromantischsten Ort seiner Tour: In Wasserbillig reihen sich elf riesige Stationen auf wenigen Metern zu dem, was als „Tankstellenstrich“ bekannt ist. Das dank niedriger Steuersätze billige Benzin befördert den Tanktourismus. Für den Bonvivant Liechtenstein sind die Discount-Tanken ein Ort des Grauens, Fast Food für Motoren.

Sterneküche statt Zapfsäule

Das genaue Gegenteil ist die Tankstelle von Léa Linster in Frisingen an der belgisch-französischen Grenze. Die Spitzengastronomin verwandelte den Familienbetrieb in ein Gourmetrestaurant. „Diese Tankstelle für Leib und Seele trägt sogar einen Michelin-Stern“, erklärt Liechtenstein. Zusammen kredenzt das ungleiche Paar Superfood aus Algen und Lachs – und zeigt die Weiterentwicklung eines Ortes, an dem Autofahrer sonst Würstchen und belegte Brötchen erwarten.

Nur das lebendige Treiben gibt Zapfstellen einen tieferen Sinn: „Ich bin ein Theatermann und Tankstellen sind irgendwie auch Bühnen“, sagt Liechtenstein. Und deshalb tanzt und singt er, mal mit Dieter Meier von der Band „Yello“ und dem Musikproduzenten Mousse T. im italienischen Porto Venere, mal mit dem erfolgreichen Musikproduzenten Richard Dorfmeister in Wien – sogar als Außerirdische verkleidete Besucher reihen sich vor einer futuristischen Tankstelle in der Slowakei ein, wenn Liechtenstein mit seinem charakteristischen Bass-Bariton Songs intoniert.

Skurril, abgedreht und trotzdem romantisch:  Am Ende schafft der Unterhalter Friedrich Liechtenstein mit seiner Reise durch Deutschland, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, Österreich, Italien und die Slowakei einen nostalgischen Blick in die Vergangenheit, eine poetische Umarmung einer untergehenden Welt.

Denn vielleicht werden Tanksäulen im Zeitalter von Elektromobilität und selbstfahrenden Autos irgendwann Liebhaberstücke, ein Teil der Popkultur, wie Friedrich Liechtenstein selbst einer ist. „Tankstellen wird es immer geben“, davon ist er überzeugt. „Schließlich gibt es auch heute noch Pferdekutschen, Lagerfeuer und Vinylplatten.“

Julien Wilkens

ARTE Thementag

Tankstellen-Träume

Berlin Live: Friedrich Liechtenstein
Konzert
Samstag, 14.5. | 00.50

Tankstellen des Glücks Folge 1–10
Dokureihe
Montag, 16.5. | ab 11.30

Route 66: Auf der Hauptstraße Amerikas
Dokureihe
Montag, 16.5. | 16.50

Die Drei von der Tankstelle
Komödie
Montag, 16.5. | 17.35

Route 66: Im Herzen Amerikas
Dokureihe
Montag, 16.5. | 19.30

Wenn der Postmann zweimal klingelt
Film Noir
Montag, 16.5. | 20.15

Out of Rosenheim
Drama
Montag, 16.5. | 22.10

Route 66: Durch Amerikas weiten Westen
Dokureihe
Montag, 16.5. | 23.55

Shell
Drama
Montag, 16.5. | 0.40

Kategorien: Mai 2016