Reise zu den Reben

Vom Elsass bis ins Roussillon: Schauspieler Joachim Król und Weinkenner Vincent Moissonnier waren französischen Winzern auf der Spur. Ein Gespräch.

© Jan Philip Welchering

© Jan Philip Welchering

Gegen Mittag im Kölner Restaurant „Le Moissonnier“. An einem Marmortisch sitzen der Schauspieler Joachim Król und Vincent Moissonnier, der Patron. Munter fangen sie an zu erzählen. Zwei Freunde, der eine mit charmant französischem Akzent. Im ganzen Lokal zieren kleine Namensschilder aus Metall die Wände. Neben dem von Joachim Król liest man Charles Aznavour und Iris Berben. Hier diniert, wer gern genießt. Begleitet von hochwertigen Weinen, die Vincent Moissonnier von Winzern aus ganz Frankreich bezieht. Für die ARTE-Dokumentationsreihe „10 Winzer, Joachim Król und der Moissonnier“ sind die beiden kreuz und quer durch das Land gereist und haben sowohl biodynamische als auch konventionelle Betriebe besucht. Mit dem ARTE Magazin sprechen sie über die Leidenschaft der Winzer und die Sprache des Weines.

Arte: Herr Król, wie wäre es mit einem Berufswechsel zum Winzer?

Joachim Król: Oh nein, ich bin in meinem Beruf ganz gut aufgehoben. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie komplex der Winzerberuf ist. Weine zu kreieren, wie wir sie auf unserer Reise kennengelernt haben, ist eine große Kunst. Und ich habe vor jedem Winzer die allergrößte Hochachtung.

Vincent Moissonnier: Und das zu Recht. Viele der Winzer, die wir besucht haben, investieren permanent alles, was sie haben, um hochwertige Qualität zu erzeugen. Reich werden sie dabei nicht. Man kann diese Arbeit nur machen, wenn man sie wirklich liebt.

Joachim Król: Die Leidenschaft dieser Leute spiegelt sich auch in ihren Biografien wider. Marc Tempé aus dem Elsass zum Beispiel hat seinen sicheren Job im Landwirtschaftsministerium aufgegeben, um Dinge besser zu machen, die er bis dahin immer nur beklagen konnte. Jetzt ist er glücklicher Winzer, dessen Wein gerade mit der höchsten Punktzahl des Weinkritikers Robert Parker geadelt wurde.

Vincent Moissonnier: Oder Eric Morgat, ein Winzer an der Loire. Sein Vater war sehr erfolgreich in der Produktion von Süßweinen. Er selbst hatte jedoch andere Vorstellungen. Also emanzipierte er sich von seinem Vater und fing bei Null an …

Joachim Król: Er hat seinen eigenen Weinberg an einer Stelle geschaffen, an der vorher ein Wald war. Weil er eine Vision von einem Wein hatte. Ein großartiger Filmstoff!

Vincent Moissonnier: Ganze zehn Jahre hat es gedauert, bis er zum ersten Mal ein paar Flaschen produziert hatte.

Joachim Król: Es gibt so viele Leute, die in einem Beruf arbeiten, der sie nicht erfüllt. Diese Winzer haben ihre Bestimmung gefunden. Wer kann das schon von sich behaupten?

Arte: Was haben Sie auf der Reise noch gelernt?

Joachim Król: Mir ist noch klarer geworden, wie viel Arbeit in einem guten Wein steckt. Wer sich nur am unteren Preissegment orientiert, kann nicht erwarten, gewissenhaft und korrekt produzierten Wein zu bekommen. Qualität hat ihren Preis und das ist auch gut so. Das hat aber nichts damit zu tun, ob ein Wein ein Bio-Zertifikat trägt oder nicht.

Vincent Moissonnier: Das ist in der Tat ein heikles Thema. Biodynamischer Weinanbau ist mit sehr viel Aufwand und großem Risiko verbunden. Keine Pestizide, keine chemischen Pflanzenschutzmittel, spezielle Düngepräparate – viele Winzer können gar nicht so produzieren, weil es das Klima nicht zulässt. Deshalb darf man die konventionelle Produktion nicht von vornherein verteufeln. Natürlich gibt es immer die, die zu viele Pestizide einsetzen. Aber es gibt auch genug Weinbauern, die nur mit der geringsten Menge an Chemie gegen Plagen vorgehen.

Arte: Das sieht man den Flaschen ja nicht an.

Vincent Moissonnier: Deshalb sollte man sich unbedingt beraten lassen: fragen, woher ein Wein stammt, warum er diesen Geschmack hat und wie der Winzer arbeitet. Ich halte zudem wenig von Supermärkten, in denen Flaschen wochenlang bei Hitze oder Kälte unter Neonlicht gelagert werden.

Arte: Also kein Wein aus dem Supermarkt?

Joachim Król: Das kann man so nicht sagen. Es gibt mittlerweile auch Supermärkte, die Beratung anbieten. Ich bin aber gegen gedankenlosen, schnellen Konsum, wie er dort oft vorkommt. Eine Weinhandlung bietet da viel mehr. Am besten ist jedoch der direkte Bezug zum Anbau – wie in dieser schönen Pointe in einem alten Film mit Franco Nero. Die Enkelin ist genervt vom familiären Ritual der Tomatensoßenproduktion und schimpft: „Tomatensoße kommt doch heutzutage aus dem Supermarkt!“ Worauf der Großvater bemerkt: „Tomatensoße aus dem Supermarkt? Aber das wären dann ja Tomaten, die wir nicht persönlich kennen.“ So geht es mir nach unserer Reise. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich künftig Wein trinken soll, den ich nicht persönlich kenne.

Arte: Bei einem Winzer in Bordeaux hatten Sie einmal Schwierigkeiten, den Geschmack des Weines in Worte zu fassen.

Joachim Król: Das gelingt mir immer besser. So wie beim Lernen einer Sprache gibt es auch hier einen ganz simplen Schlüssel: Man muss sich trauen und darf keine Angst vor spontanen Assoziationen haben. Egal, wie absurd es klingen mag. Natürlich kann ein Wein eine Leder- oder Petrolnote haben. Klingt aber erst einmal komisch.

Vincent Moissonnier: Je mehr man darauf achtet, desto mehr Geschmacksnoten erkennt man. Dabei halte ich nichts von dem affektierten Getue mancher Leute: „Oh, leicht dekadent“, oder: „Dieser Wein hat eine leichte Säure, die in eine leichte Süße umkippen könnte.“ Schrecklich!

Joachim Król: Poser gibt es eben überall.

Arte: Herr Król, beschreiben Sie doch einmal, wie Sie schmecken würden, wenn Sie ein Wein wären.

Vincent Moissonnier: Soll ich für dich antworten?

Joachim Król: Ja, bitte.

Vincent Moissonnier: Joachim wäre ein roter, runder, vollmundiger Wein mit einem unglaublichen Nachklang, sodass meine Frau direkt eine zweite Flasche bestellen würde.

Arte: Und wie würde Herr Moissonnier schmecken, wenn er ein Wein wäre?

Joachim Król: Vorausgesetzt, man muss an dem Tag keine schwierigen Aufgaben mehr bewältigen, wäre Vincent zunächst ein fantastischer Cham-pagner am Mittag. Im Laufe des Tages würde er sich in verschiedene Weine verwandeln, welche die vor einem stehenden Gerichte perfekt ergänzen. Und am Ende des Tages wäre er ein richtig schwerer Rotwein, der noch einmal ein Lächeln auf dein Gesicht zaubert und dich dann ins Bett schickt.

Vincent Moissonnier: Also ich hätte mich ja einfach als „frisch und knackig“ beschrieben!

Lydia Evers

Zur Person
Joachim Król

Schauspieler Joachim Król wurde 1957 im nordrhein-westfälischen Herne geboren. Bekannt wurde er u. a. durch Filme wie „Wir können auch anders …“ (1993) und „Der bewegte Mann“ (1994). Von 2011 bis 2015 spielte er zudem den Hauptkommissar Frank Steier im Frankfurter „Tatort“.

ARTE Highlight

10 Winzer, Joachim Król und der Moissonnier
Dokureihe
ab Dienstag, 17.5. | 19.30

Kategorien: Mai 2016