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Rastloser Virtuose

Den größten Geiger des Jahrhunderts nannte man Yehudi Menuhin, als er 1999 verstarb. Doch er war mehr als das. Eine Hommage zum 100. Geburtstag.

Warner Classics © David Farrell

Warner Classics © David Farrell

Berliner Philharmonie, am 12. April 1929. Auf dem Programm die Violinkonzerte von Bach, Beethoven und Brahms. Ein pummeliger, blonder Junge aus Kalifornien auf der Bühne, „mit weißer Knabenbluse, kurzen Strümpfen und blanken Knien“, wie das „Berliner Tagblatt“ schreibt. Nach wenigen Takten schon tobt der ganze Saal. Auch der Physiker Albert Einstein, selbst ein begeisterter Geiger, befindet sich im Publikum. Sein Satz „Nun weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt!“ wird um die Welt gehen.

Am 22. April 1916 wurde Yehudi Menuhin in New York geboren, als Kind russisch-jüdischer Eltern, die später nach San Francisco zogen. „Yehudi“ – der Jude – nannte Mutter Marutha selbstbewusst ihren Erstgeborenen, den sie, wie seine beiden Schwestern Hephzibah und Yaltah, streng erzog und von äußeren Einflüssen fernhielt. Unterrichtet wurden die Kinder von den Eltern, Müßiggang kannten sie nicht, Süßigkeiten und Gebratenes waren verboten. Die Post durfte nur vor versammelter Familie geöffnet werden. Nähe fand Yehudi bei seiner vier Jahre jüngeren Schwester Hephzibah, die zu einer begnadeten Pianistin und Kammermusikerin heranwuchs. Jahrzehntelang traten sie als Duo auf. Yehudis eigentliche Liebe aber galt der Geige: „Ich glaube nicht, dass er je ein Mädchen so im Arm gehalten hat wie seine Geige“, kommentierte Schwester Yaltah die Scheidung von seiner erster Frau Nola.

Seine oft einsame Kindheit behielt Menuhin dennoch in guter Erinnerung. Die Rastlosigkeit seines Lebens aber sprach für sich: „Unvollendete Reise“ nannte er seine Autobiografie von 1976, „Unterwegs“ seine Erinnerungen von 1976 bis 1995. Besonders prägend waren die Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs: Für die Soldaten der Alliierten gab er Hunderte Konzerte. Einige behaupteten, sein Geigenspiel sei nie wieder so schön gewesen. Dann folgte der größte Schrecken seines Lebens. 1945 und 1946 besuchte er mehrere kurz zuvor befreite Konzentrationslager. Bergen-Belsen hinterließ in ihm eine seelische Erschütterung, über die er bis zu seinem Tod nur stockend sprechen konnte. „Etwas war zwischen ihn und seine Geige getreten. Sein Spiel war vollkommen unbeteiligt“, brachte es seine zweite Frau Diana Gould auf den Punkt. Dabei war er noch keine 30 Jahre alt. Die Erlebnisse verhalfen ihm zu seiner wahren Berufung. Menuhin wurde ein Künstler der Versöhnung, der Tausende Initiativen zur „Linderung menschlichen Elends“ und „Mehrung des Glücks“ ins Leben rief. Er gründete Schulen, um junge Geiger zu fördern, eine in Stoke d’Abernon, weshalb die Queen ihn 1993 zum Baron der Ortschaft erhob.

Als Kind hatte Yehudi geträumt, Frieden kehre auf Erden ein, „wenn ich nur die Bach-Chaconne gut spielte, in der Sixtinischen Kapelle.“ Erst im Alter konnte er den Gedanken zulassen, dass die Welt nicht so einfach zu retten war. Jedenfalls nicht mit Musik. Und doch ist es die Musik, die überlebt. Menuhins musikalisches Erbe umfasst über 300 Schallplatten.

Teresa Pieschacón Raphael

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Kategorien: Mai 2016