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Momente, die bleiben

Vor 70 Jahren wurde die DEFA gegründet. In der Filmfirma der DDR wirkte Michael Gwisdek als Schauspieler und Regisseur. Seine Erinnerungen an eine Ära der Filmkunst, die keinen Starrummel wollte.

© Nadine Pfeifer

© Nadine Pfeifer

Ein Kinoplakat mit meinem Namen am Alexanderplatz in Berlin! Davon träumte ich als 16-Jähriger. Umso größer war die Ernüchterung bei der Premiere des Boxfilms „Olle Henry“ von Ulrich Weiß im Jahr 1983: Ich spielte darin die Titelrolle – und auf dem Plakat prangte in großen Buchstaben: „Olle Henry – ein DEFA-Film“. Meinen Namen suchte ich vergeblich. Auch im Schaukasten fand sich in der Ankündigung zur Premiere nur die Formulierung: „in Anwesenheit der Schauspieler“.

Die DDR wollte zu dieser Zeit keine Stars. Die Deutsche Film AG, das Organ für Filme und Filmkunst in Potsdam-Babelsberg, kurz DEFA genannt, setzte alles daran, jeglichen Personenkult auf ein Minimum zu reduzieren. Doch allein die Faszination des Films brachte berühmte Persönlichkeiten hervor, die in mehr als 700 Kino- und über 500 Fernsehfilmen der DEFA mitwirkten.

Subtile Botschaften

Das Regime wollte Figuren, die das sozialistische Weltbild auf der Leinwand verherrlichten. Trotzdem fanden wir Filmemacher Wege, mit unseren Werken subtil politische Botschaften zu vermitteln. In vielen Szenen steckte eine Portion Gesellschaftskritik. Die Zuschauer wussten, was gemeint war. Den Kulturvorsitzenden dagegen entging vieles. So haben wir uns als Künstler immer auch als Revoluzzer gefühlt.

Es war eine ständige Gratwanderung. Denn DDR-kritische Produktionen wurden besonders unter die Lupe genommen – und im Zweifel vom Zentralkomitee der SED zensiert. Auch der Film „Olle Henry“ wäre beinahe im „Giftschrank“ der DEFA gelandet. Das Heldenkonzept des Films schien suspekt, es passte nicht zur Narration der Staatsführung. Als „Olle Henry“ auf der Berlinale gezeigt werden sollte, schickte die DEFA einfach einen anderen Streifen. Auch wenn der Film nicht als repräsentativ für die DDR erachtet wurde, war er aus meiner Sicht künstlerisch eines der herausragenden Werke von Ulrich Weiß, ein Film, der DEFA-Geschichte geschrieben hat.

40 Jahre meines Lebens war ich bei der DEFA und bis heute kann ich sagen: Ich habe dort gern gearbeitet. 1988 bekam ich die Chance, meinen ersten eigenen Film zu drehen, „Treffen in Travers“, der auf den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. Als dort die DDR-Flagge wehte, waren bei der DEFA alle stolz.

Von den DEFA-Filmen, in denen ich mitwirkte, wurden zahlreiche ausgezeichnet – 1991 bekam ich sogar den Deutschen Filmpreis in Gold für den DEFA-Film „Der Tangospieler“. Es war die erste gesamtdeutsche Verleihung, ein sehr bewegender Moment.

Mauerfall statt Premiere

In besonderer Erinnerung ist mir auch der Film „Coming Out“ geblieben – der erste ostdeutsche Film, der die homo-sexuelle Szene in der DDR thematisierte. Die Premierenfeier war für den 9. November 1989 angesetzt. Während ich mich zu Hause schick machte, hörte ich im Fernsehen, wie die Worte des Berliner Regierenden Bürgermeisters Walter Momper in Liveschaltungen immer wieder das Programm unterbrachen: „Gleich kommen alle über die Grenze.“

Doch niemand kam. Ich wollte wissen, was dort los war. Zuerst fuhr ich zum Ostberliner Kino International, in dem die Filmpremiere stattfinden sollte, und sagte zu meinem Team: „Wenn ich die Wahl habe zwischen der Premiere und der Maueröffnung, dann gehe ich zur Mauer!“ Doch außer mir wollte niemand mitkommen, und so zog ich mit meiner damaligen Frau Corinna Harfouch zum Brandenburger Tor.

Immer mehr Menschen strömten dorthin, viele kletterten auf die Mauer. Plötzlich fingen alle an zu klatschen – und ich verneigte mich tief, ich dachte, der Applaus gelte mir. Doch als ich mich umdrehte, bemerkte ich die Grenzschutztruppe, die hinter mir abzog.

Meine Verbeugung sehe ich heute als Reverenz an einen großen Moment: Die Mauer fiel. 1992 endete schließlich die Filmgeschichte der DEFA. Was bleibt, sind bedeutende Kunstwerke, tiefe Freundschaften mit früheren DEFA-Kollegen – und Erinnerungen an eine ganz besondere Zeit.

Michael Gwisdek

Michael Gwisdek, 74, war bei rund 120 DEFA-Filmen dabei. Die Werke des Schauspielers und Regisseurs waren regelmäßig auf der Berlinale zu sehen und erhielten zahlreiche Auszeichnungen. Im vereinten Deutschland knüpfte Gwisdek an seine Erfolge an und wurde unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis für den DEFA-Film „Der Tangospieler“ (1991) und „Oh Boy“ (2013) geehrt.

Filmreihe:
DEFA – Großes Kino aus Babelsberg
ab Montag, 23.5., um 20.15 Uhr

Weitere DEFA-Filme ab 23. Mai exklusiv auf arte.tv/70jahredefa

Kategorien: Mai 2016