Meister der Reduktion

Sein Spiel ist intensiv, seine Persönlichkeit auch: Irrfan Khan ist einer der gefragtesten und wandelbarsten internationalen Schauspieler. Porträt eines echten Stars – mit echten Kanten.

© Naqi Mohammad

© Naqi Mohammad

Die Andeutung einer Bewegung ist es, Millimeter, die sich der Kopf nach unten neigt. Ein Nicken, das sich nur erahnen lässt und doch alles ändert. Der alternde und verhärmte Witwer öffnet sich wieder seiner Umwelt, er lässt den jungen Mann, der seinen Job übernehmen soll, am Mittagstisch Platz nehmen. Es ist der Wendepunkt der Geschichte, ein Augenblick größter Intensität – und schauspielerischer Brillanz. Irrfan Khans präzises Spiel findet im Gesellschaftsdrama „Lunchbox“ in einem der erstaunlichsten Logistiksysteme von heute einen Spiegel: Durch den Moloch Mumbais, der hoffnungslos überbevölkerten Metropole an der Westküste Indiens, Schauplatz für größten Reichtum und bitterste Armut, finden täglich fast eine Viertel Million Mittagessen vom heimischen Herd – zubereitet von Ehefrau oder Mutter – ihren Weg an den Arbeitsplatz des Ehemanns oder Sohns. Die Dabawallas, eine Gruppe von knapp 5.000 Männern, transportieren die blechernen Tiffindosen über die Weiten der Stadt hinweg zum richtigen Adressaten. Ihre Fehlerquote geht gegen Null.

Für seinen Film, der beim Filmfestival in Cannes 2013 Premiere feierte, konstruierte Regisseur Ritesh Batra dennoch den Fall, dass zwei Lunchboxen miteinander verwechselt werden. Nur so schafft er es, dass seine Hauptfiguren zueinander finden und sich letztlich gegenseitig Trost spenden können. Die Rolle habe er Irrfan Khan auf den Leib geschrieben, sagt Batra. Hätte der Superstar abgesagt, hätte es ein anderes Drehbuch gegeben, eine andere Geschichte. „Irrfans Darstellung ging dann noch weit über das hinaus, was ich mir je hätte ausdenken können“, so der Regisseur.

Abgeschirmt von der Realität

Khan sagt, seine Rollen nähmen Besitz von ihm. Sie verschlingen ihn regelrecht. Nie lässt er sich nur auf einen Charakter ein, sondern er versinkt in der Geschichte als Ganzes. Am Set schirme er sich geradezu von der Realität ab. In Pausen lese er immer, zu jedem Film habe er ein Buch dabei, das in Tonalität oder Thema in Verbindung mit dem Film stehe, berichten Mitarbeiter. „Seine herausragendste Eigenschaft ist, dass er seinen Erfolg nie als gesetzt ansieht, sondern ihn sich in jedem Film neu verdienen will. Er ist intensiv und bescheiden“, beschreibt ihn ein langjähriger Assistent. „Dafür wird er von allen bewundert, vom Regisseur bis hin zu dem, der ihm am Set das Wasser bringt.“

Über 130 Filme hat Irrfan Khan bereits gedreht. 1967 in eine wohlhabende muslimische Familie geboren, sollte er in die Reifenfirma des Vaters einsteigen. Doch er entschied anders, fristete jahrelang sein Dasein als Seriendarsteller. Als er kurz davor war, die Schauspielerei aufzugeben, castete ihn Regisseur Asif Kapadia 2001 für „The Warrior“.

Mittlerweile brilliert Irrfan Khan in internationalen Blockbustern wie „Jurassic World“, „A Mighty Heart“ oder „Slumdog Millionaire“ ebenso wie in den Produktionen Bollywoods.

Unübertroffene Intensität

Als Bösewicht in „The Amazing Spiderman“ unterstreicht Khan seine Drohung, indem er in einer qualvoll in die Länge gezogenen Handbewegung den Ärmel eines widerspenstigen Gehilfen glättet. In „Life of Pi“ sind es kurze Blicke, teils direkt in die Kamera, die in ihrer Intensität kaum zu übertreffen sind. Gekonnte Reduktion, die Fähigkeit, den Moment treffsicher auszudehnen und dabei intuitiv und spontan zu spielen, haben Irrfan Khan zu einem gefragten Star gemacht.

Das meist eigenwillige Erscheinungsbild, mit Ohrring oder wilder Mähne und einem Hang zu ausgefallenen Klamotten, lässt ihn international als Charakterkopf erscheinen. In Indien aber gilt er vielen abseits der Leinwand als zu sperrig, zu wenig geschmeidig. „Irrfan Khan ist einfach nicht so ein Lover Boy“, urteilt Sanjay Kapoor, der Chefredakteur des „Hard News Magazine“. Anders als andere große Schauspieler genieße er es nicht, berühmt zu sein. „Und er ist einfach nicht so gut aussehend wie die anderen.“

Dabei schreckt Khan auch nicht davor zurück, in politische oder gesellschaftliche Wespennester zu stechen. In „D-Day“ mimt er einen indischen Spion, der in Pakistan die Drahtzieher der Terroranschläge auf Mumbai ausfindig machen soll. Einer ausländischen Zeitung gegenüber sagte er, so gut wie jede indische Ehefrau sei schon von ihrem Mann vergewaltigt worden. Eine Bemerkung zur Unzeit: Gerade hatten Nachrichten von brutalen Massenvergewaltigungen in Indien weltweit Schlagzeilen gemacht. „Es ist wenig zielführend, zu versuchen, ihn in eine Schublade zu stecken“, sagt Ritesh Batra. „Weder als Künstler noch persönlich. Er bleibt immer auch ein großes Rätsel.“ Was Batra für seinen Film „Lunchbox“ gesucht habe, sei nicht ein alter Mann gewesen. „Sondern eine alte Seele.“ Bei Irrfan Khan hat er diese genau gefunden.

Shila Meyer-Behjat

Zur Person

Irrfan Khan

 Der 1967 in Jaipur, Rajasthan, geborene SahabzadeIrrfan Ali Khan steht seit knapp 30 Jahren für internationale und indische Produktionen vor der Kamera, wie etwa

„Darjeeling Limited“ (2007) oder „Slumdog Millionaire“ (2008).

 

ARTE  Schwerpunkt

Cannes 2016

Elf Uhr nachts
Roadmovie
Montag, 2.5. | 20.15

Lunchbox
Drama
Mittwoch, 4.5. | 20.15

Mumbai High
Gesellschaftsdoku
Mittwoch, 4.5. | 21.55

Samson & Delilah
Drama
Mittwoch, 4.5. | 22.50

Die Jagd
Drama
Montag, 9.5. | 20.15

Der Fremde am See
Erotikthriller
Montag, 9.5. | 22.05

HabemusPapam
Komödie
Mittwoch, 11.5. | 20.15

Ilo Ilo
Drama
Mittwoch, 11.5. | 21.55

Es war einmal …
Dokureihe
Mittwoch, 11.5. | ab 23.30

Heli
Thriller
Mittwoch, 18.5. | 23.50

Kurzschluss
Magazin
Freitag, 20.5. | 00.00

Von Menschen & Göttern
Drama
Sonntag, 22.5. | 20.15

arte.tv/cannes

Kategorien: Mai 2016