Rendezvous, TYPISCH FRANKREICH
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Typisch Frankreich: Variationen eines Rendezvous

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im April lädt das ARTE Magazin zu einem Rendezvous ein. Romantisch? Nicht unbedingt.

Illustration © Martin Haake

Illustration © Martin Haake

Die Temperaturen steigen, die Vögel zwitschern wie aufgedreht und die leichte Kleidung legt wieder mehr Haut frei. Es ist Frühling und die Hormone erinnern daran: Zeit für ein Rendezvous!

Mais attention, aufgepasst: Wenn ein Deutscher von einer Französin zu einem „Rendez-vous“ gebeten wird, sollte er seine Fantasie im Zaum halten. Das ach so französisch klingende Wort verspricht keinen trauten Abend amouröser Zweisamkeit, sondern bedeutet etwas ganz Profanes: ein Treffen, eine Zusammenkunft oder auch ein Geschäftsmeeting mehrerer Personen, die etwas zu besprechen haben und daher nicht unbedingt für einen Flirt zu haben sind.

Ein Franzose vereinbart ein „Rendez-vous“ – auf Französisch mit Bindestrich wohlgemerkt – beim Zahnarzt, beim Steuerberater oder beim Notar. Es ist, frei übersetzt, schlichtweg ein Termin. Das Wort leitet sich vom Imperativ „Rendez-vous à telle heure sur place!“ ab, was so viel heißt wie: „Begeben Sie sich um die Uhrzeit vor Ort!“. Ursprünglich war das Rendezvous ein deutscher Befehl aus der Militärsprache: „Versammeln Sie sich, Soldaten!“ Im 19. Jahrhundert versuchte der Sprachforscher Joachim Heinrich Campe im Zuge der Aufklärung, das Wort einzudeutschen, denn die französischen Begriffe waren elitär und dem einfachen Volk fremd. Doch wer verabredet sich heute noch zu einem „Stelldichein“? Da klingt es schicker, weil französischer, zu einem Rendezvous einzuladen. Auch weil das Wort auf der Zunge zergeht. In den 1950er Jahren verschob sich die Bedeutung von Rendezvous zu einem Tête-à-tête.

Franzosen nennen ihre Dates, wenn auch etwas hochtrabend, ein „Rendez-vous galant“. Und je mehr dieser „Rendez-vous galants“ glücklich ausgehen, desto größer die Chance, dass daraus ein „oui“ vor dem Traualtar wird. Doch das deutsch-französische Verwirrspiel ist damit nicht zu Ende. Spätestens vor dem Altar stellt sich die Frage: An welchen Finger kommt der Ehering?

Die Französin streckt ihrem Zukünftigen die linke Hand hin – und verweist mit dieser simplen, eleganten Geste auf eine jahrtausendealte Tradition: Schon die Ägypter und die Römer trugen den Trauring am Ringfinger der linken Hand. Dort, so die damalige Vorstellung, führe die „Vena Amoris“, die Liebesader, direkt zum Zentrum der Liebe: ins Herz.

An deutschen Traualtären ist die Situation weniger eindeutig: Während im katholisch geprägten Süden eher die rechte Hand den Ehering trägt, wird er bei den Protestanten eher links über den Finger gestülpt – wie in Frankreich. Dabei sind unsere Nachbarn zum Großteil Katholiken. Doch am Ende ist es egal, ob rechte oder linke Hand, ob rechts- oder linksrheinisch: Hauptsache, recht verliebt.

Julien Wilkens

ARTE Programmhinweis

Karambolage
Sonntags um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen unter arte.tv/edition

Kategorien: April 2016