FILM, Interview, Jonas Nay, Nazis, Schauspieler

„Ich hatte Alpträume“

Schauspieler Jonas Nay brilliert mit harten Stoffen und gewinnt damit etliche Filmpreise. In „Wir sind jung. Wir sind stark.“ greift er mit einer Jugendbande ein Ausländerheim an.

© Peter Hönnemann

© Peter Hönnemann

Das Treffen müsse in Lübeck stattfinden, sagt Jonas Nay. Er sei gerade mitten in der Klausurphase an der Musikhochschule. Der Jungschauspieler studiert Jazzpiano und hat dafür eine Drehpause eingelegt. Auf ARTE ist er im Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ zu sehen, der die Ausschreitungen gegen das von Vietnamesen bewohnte Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen im Jahr 1992 nachzeichnet. Jonas Nay spielt darin einen Jugendlichen, der den ersten Molotow-Cocktail wirft. Eine erschreckend aktuelle Rolle.

ARTE: Menschen, die „Ausländer raus!“ skandieren, den Hitlergruß zeigen und Ausländerwohnheime anzünden: Das sind Szenen aus Rostock-Lichtenhagen 1992 – wie auch Szenen aus vielen Teilen Deutschlands 2016. Was empfinden Sie, wenn Sie heute Nachrichten sehen?

Jonas Nay: Scham und Fassungslosigkeit. Mich erschrecken diese Parallelen zu den Pogromen von 1992. Damals standen Menschen da und klatschten. Heute stehen wieder Menschen da und klatschen, wenn Asylbewerberheime brennen. Was mich wirklich erschüttert, sind die Tausenden von Menschen, die auf die Straße gehen und rechte Parolen schreien, die Rassismus als salonfähig und als legitime Meinungsäußerung betrachten.

ARTE: Ist das unbeschwerte Gefühl dahin, auf Deutschland stolz sein zu können?

Jonas Nay: Die Unbeschwertheit ist dahin. Beim Fußball-Sommermärchen 2006 bin ich noch mit der Deutschlandflagge durch die Autokorsos gelaufen, es war wieder okay, es war ein gutes Gefühl, auf Deutschland stolz zu sein. Heute sehe ich auf Pegida-Demonstrationen die Menschenmassen mit Deutschlandflaggen. Und mir wird mulmig zumute.

ARTE: Im Film „Wir sind jung. Wir sind stark.“ schaukelt sich in Rostock-Lichtenhagen eine aggressive, ausländerfeindliche Stimmung hoch, bis die Krawalle eskalieren. Die Filmpremiere fand 2013 in Rostock statt. Wie war das?

Jonas Nay: Ich hatte danach Albträume! Nach der Vorführung gab es eine Gesprächsrunde, und einem Mann aus Vietnam, der die Ereignisse hautnah miterlebt hatte, verschlug es mitten im Satz die Sprache. Er fing an zu weinen und stand zitternd vor uns. Ein Kommissar, der an den Einsätzen beteiligt war, entschuldigte sich für das Verhalten der Polizei. Auch eine Sozialarbeiterin meldete sich zu Wort und sagte, sie sei geschockt. Denn heute noch seien viele Jugendliche in Rostock und im Umland so wie 1992: perspektivlos, orientierungslos und aggressiv gegen alles Fremdartige. Ich habe in dieser Nacht davon geträumt, dass mich eine Nazigruppe durchs Hotel jagt, und bin schweißgebadet aufgewacht.

ARTE: Der Regisseur Burhan Qurbani ist ein Kind afghanischer Flüchtlinge. Wie haben Sie ihn beim Dreh erlebt?

Jonas Nay: Er hat uns erzählt, wie er als Kind die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen im Fernsehen gesehen hat und sich dabei zum ersten Mal als Ausländer, als fremd gefühlt habe. Als die Jugendlichen beim Dreh Rechtsrock sangen oder Hunderte Komparsen „Ausländer raus!“ schrien, war das schlimm für ihn. Bei manchen Szenen musste er sogar eine Pause machen. Obwohl er das Drehbuch selbst geschrieben hatte, konnte er es schwer ertragen.

ARTE: Sie sind 25 Jahre alt und stehen schon ihr halbes Leben vor der Kamera. Wie kommt es, dass Sie schon als Kind gedreht haben?

Jonas Nay: Ich habe im Lübecker Knabenchor gesungen und wollte unbedingt vor meinem Stimmbruch als Sängerknabe an der Oper auftreten – als Solosänger. In der Lokalpresse las ich damals die Anzeige: „Wir suchen kleine Schauspieler.“ Ich dachte, es wäre für die Oper. Doch es war ein Casting für die Mystery-Kinderserie „4 gegen Z“, die in Hamburg gedreht wurde. Ich war monatelang nicht in der Schule, musste abends lernen. Meine Mutter hat mich unterstützt, aber mir auch deutlich gesagt: Wenn meine Schulnoten leiden, ist es aus. Ich hatte nie wieder so gute Noten wie in der fünften und sechsten Klasse.

© Zorro Film

© Zorro Film

ARTE: Ihren Durchbruch hatten Sie mit „Homevideo“, einer Produktion, die mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis prämiert wurde. Darin begeht ein Jugendlicher Selbstmord, nachdem er im Netz gemobbt wurde. Haben Sie selbst schon Mobbing erlebt?

Jonas Nay: Als Kind haben mich meine Mitschüler manchmal aufgezogen: „Ach, das ist der Schauspieler!“ Aber das war es schon. Ich bin am Johanneum zu Lübeck, einem Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt, sehr behütet aufgewachsen.

ARTE: Sie studieren Jazzpiano und haben gerade eine Pause vom Schauspiel genommen. Konzentrieren Sie sich jetzt auf Ihre Musik?

Jonas Nay: Mir ist beides wichtig, aber ich mache das in Blöcken: Nach den vielen Dreharbeiten habe ich zwei Semester studiert und Songs für meine Band „Northern Lights“ komponiert. In den Semesterferien habe ich diesmal nur einen einzigen Film gedreht, der im Herbst im ZDF läuft: „Schweigeminute“ nach Siegfried Lenz.

ARTE: Das klingt nach einem strukturierten Leben.

Jonas Nay: So klingt es, aber in Wahrheit bin ich ein unstrukturierter Mensch, wie es sich für einen Freigeist gehört. Ich habe viele Dinge, für die ich enorm brenne: Musik, Schauspiel und Handball. Ich versuche, möglichst viel zu machen. Aber ich brauche auch meine Freiheit – und einen freien Kopf. Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, dass es ohne Struktur einfach nicht geht.

ARTE: Sie spielen meist düstere, tragische Rollen. Mögen Sie keine Komödien?

Jonas Nay: Im Gegenteil, ich wünsche mir sehr, eine gute Komödie angeboten zu bekommen. Aber ich finde es auch wichtig, politisch relevante Filme zu machen. Diese Rollen haben mich persönlich bislang am meisten interessiert und geprägt.

Das Interview führte Julien Wilkens

 

Zur Person

Jonas Nay

Grimme-Preis, Deutscher Fernsehpreis, Goldene Kamera und viele Auszeichnungen mehr: Gera- de einmal 25 Jahre alt, überzeugt der Lübecker Jonas Nay mit tiefem Blick in tragischen Rollen.

Filmografie (Auswahl)

„4 gegen Z“ (2006), „Homevideo“ (2010), „Hirngespinster“ (2013), „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ (2014), „Deutschland 83“ (2014)

 

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Der neue Rechtsruck

Wir sind jung. Wir sind stark.
Drama
Freitag, 8.4. | 20.15

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Kategorien: April 2016