Bühne, Spektakel, THEATER, William Shakespeare
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Furioses Spektakel

Turbulent, verrucht und ausgelassen: William Shakespeares aufwendig inszenierte Bühnenstücke wirbelten im 16. Jahrhundert  das Londoner Leben auf.

Illustration © Jörn Kaspuhl

Illustration © Jörn Kaspuhl

Ein lautes Grollen hallt durch den Saal, Feuerwerke sprühen auf und plötzlich öffnet sich eine unsichtbare Tür im Boden und wie aus dem Nichts springt ein Halunke empor. Gebannt starren die Zuschauer in Rauch und Qualm gehüllt auf die Geschehnisse auf der Bühne. Theaterinszenierungen des 16. Jahrhunderts an den Londoner Schauspielhäusern hatten ihrem Publikum durchaus etwas zu bieten. Die „Special Effects“, wie sie mittlerweile genannt werden, waren in jener Zeit genauso wichtig, wie sie heute für Kinofilme sind. Waffen, üppige und pompöse Kostüme, Schmuck – auch Musikinstrumente konnten bei Ausgrabungen an den alten Theaterstätten gefunden werden und deuten auf ein aufwendiges Spektakel hin, das William Shakespeare und seine Zeitgenossen für ihre Bühnenstücke bereithielten. Nicht nur für gute Unterhaltung, auch für angemessene Verpflegung war gesorgt, wie Funde von Essensresten, Trinkgefäßen und Tabakpfeifen vermuten lassen.

Buntes Theaterland

Der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Schauspielhäusern war in jener Zeit enorm. Sie buhlten regelrecht um ihre Zuschauer; es wurde um- und angebaut und regelmäßig hatte eine Inszenierung nie da gewesene Überraschungen parat. Hebemechanismen, raffinierte Requisiten und Falltüren gehörten ebenso dazu wie besondere „Sound Effects“: Das Donnergrollen etwa wurde durch eine Kanonenkugel herbeigeführt, die hinter den Kulissen auf dem Boden umhergerollt wurde. Eine unschätzbare Quelle für die ausführlichen Informationen über das Theatertreiben dieser Epoche bilden die Unterlagen des englischen Unternehmers Philip Henslowe, der das Schauspielhaus „The Rose“ betrieb und dessen detaillierte Aufzeichnungen überraschenderweise noch erhalten sind. Darin wird etwa ein umfassender Umbau des Theaters im Jahr 1592 beschrieben: Eine neue Bühne musste her, ausgestattet mit einem Dach.

Shoreditch, ein kleiner Stadtteil Londons, gelegen an einer der großen Verkehrsadern Richtung Norden, war das erste „Theaterland“, in dem Shakespeare sich vermutlich Mitte der 1580er mit seinen Werken einen Namen machte. Bankside, das südliche Ufer der Themse, kannte man bereits als Amüsementmeile mit Tavernen, Bordellen, Spielhöllen und Arenen für Bärenkämpfe. Kein Wunder also, dass es auch einigen Widerstand gegen die entstehende Theaterszene gab, vor allem von der Kirche, die sie mit Prostitution, Diebstahl und Trinksucht assoziierte. Bei Ausgrabungen konnten Überreste von zweien dieser Bärenkampf-Arenen gesichert werden; eine von ihnen war 1583 wegen Überfüllung zusammengebrochen, sieben Menschen kamen dabei ums Leben.

Die meisten der Spielbühnen lagen außerhalb der Londoner City, wo es billiger und einfacher war, an Grundstücke zu kommen. Die Shakespeare’schen Bühnen waren für moderne Begriffe eher klein und ragten in den Innenraum hinein. Meist lagen die Häuser an viel genutzten Straßen, um das Laufpublikum spontan hineinzulocken – einen Penny zahlte man, um im Innenraum zu stehen, zwei für einen Platz in der Galerie und für drei gab es einen Sitz auf den höheren Rängen. Mittlerweile wissen wir, dass es auch noch teurere Kabinen gegeben hat, die sich an der Seite der Bühne befanden.

Julien Bowsher

Reiches Vermächtnis

Im Jahr 1642 ließ das mehrheitlich puritanische Parlament alle Schauspielhäuser schließen; aber als die Monarchie wieder eingesetzt war, öffnete sie diese wieder – wenn auch in völlig anderem Stil. Dennoch: Auf Bühnen wie der des neuen Globes in London ist das Vermächtnis William Shakespeares noch heute deutlich zu spüren.

Julian Bowsher

Julian Bowsher erforscht die Relikte der Theater, an denen im 16. Jahrhundert die Dramen von William Shakespeare aufgeführt wurden. Bei den Ausgrabungen des berühmten „The Rose“ war er leitend dabei. Er arbeitet am Museum of London Archaeology.

 

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Kategorien: April 2016