Bühne, Dirigent, Klassik, Zubin Mehta
julien.wilkens@axelspringer.de

„Dirigieren hat etwas mystisches“

Ob Beethoven, Mahler oder Schönberg: Das Repertoire von Zubin Mehta ist unerschöpflich. Nun wird der Maestro 80 Jahre. Das Interview zum musikalischen Highlight auf ARTE.

© Frank Bauer

© Frank Bauer

Zubin Mehta mag es nicht, als „Stardirigent“ bezeichnet zu werden. Um 21.30 Uhr kommt der „Maestro“, wie ihn seine Assistentin nennt, in den Königssaal an der Bayerischen Staatsoper in München. Die Hauptprobe von Giuseppe Verdis „Ein Maskenball“ dauerte vier Stunden. Viel Zeit hat er nicht, zumal er vergangene Nacht nicht geschlafen hat. „Ich habe in Florenz gearbeitet und danach die Oscar-Verleihung angeschaut, besonders gut war sie nicht“, sagt der gebürtige Inder. „Dann musste ich zum Flughafen, um hierher zu kommen.“ Trotz seines vollen Terminkalenders umgibt Mehta eine entspannte Aura. Am 29. April wird er 80. Mit dem ARTE Magazin spricht er über seine Wiener Wurzeln, die Arbeit in Israel und seine Liebe zu Chilischoten.

Arte: Herr Mehta, Sie beschrieben sich einmal als „zufällig in Bombay geborenen Wiener“. Sind Sie also mehr Wiener als Inder?

Zubin Mehta: Ich bin nach wie vor ein waschechter Inder – aber seelisch und kulturell ein Wiener. Mit 18 Jahren bin ich in diese Stadt gekommen, ohne ein Wort Deutsch, und habe dort studiert und gelebt. Und so viel Musik eingesaugt, wie ich nur konnte.

Arte: War das ein Kulturschock für Sie?

Zubin Mehta: Ich hatte zuvor nie ein richtiges Orchester gehört. Das Bombay Orchestra, das mein Vater gründete, bestand aus Amateuren und drittklassigen Berufsmusikern. Wir hatten damals auch keine Schallplatten. Sie können sich vorstellen, wie begeistert ich war, als ich die Wiener Philharmoniker zum ersten Mal hörte. Das war ein Traum.

Arte: Sprechen Sie auch Wienerisch?

Zubin Mehta: Na, sicher. Früher habe ich nur so gesprochen. An meinem ersten Tag bei den Berliner Philharmonikern stellte man mir eine Frage, auf die ich mit „Na ja, des is ja wurscht“ geantwortet habe. Die Leute haben nicht schlecht gestaunt.

Arte: Bis zu Ihrem 18. Lebensjahr haben Sie in Bombay gelebt.

Zubin Mehta: In der Zeit habe ich viel von meinem Vater gelernt, obwohl er ursprünglich wollte, dass ich Arzt werde. Er selbst war Konzertgeiger. Sein Enthusiasmus ist bis heute in meinem Körper. Und seine Disziplin. Er war sehr strikt.

Arte: Mittlerweile stehen Sie seit über 50 Jahren am Dirigentenpult.

Zubin Mehta: Seit 58 Jahren, um genau zu sein.

Arte: Hat sich Ihre Art zu dirigieren verändert?

Zubin Mehta: Ich bin ökonomischer geworden, was meine Bewegungen angeht. Am Anfang war ich ziemlich wild. Heute weiß ich: Dirigieren ist Kommunikation. Durch Handtechnik, mit den Augen und mit Erklärungen. Aber im Konzert kann man nichts erklären. Da ist dieser Draht zwischen mir und den Musikern. Dirigieren hat etwas Mystisches.

Arte: Am 17. April geben Sie ein Festkonzert mit dem Israel Philharmonic Orchestra in Mumbai, das ARTE live überträgt. Das Orchester leiten Sie seit über 40 Jahren. Was bedeutet Ihnen die Arbeit dort?

Zubin Mehta: In Israel bin ich auch in gewisser Weise aufgewachsen. Ich liebe das Land, ich liebe das Volk und das Orchester. Nur mit der Politik der aktuellen Regierung bin ich überhaupt nicht einverstanden. Aber die Leute brauchen die Musik. Sie ist eine Art kulturelles Opium. Unser Konzertsaal hat 2.400 Sitzplätze. Jeden Tag ist er voll. Und deswegen gehe ich immer wieder dorthin.

Arte: Spielen bei Ihnen israelische und arabische Musiker gemeinsam, so wie in Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra?

Zubin Mehta: Darauf warte und hoffe ich. Ich habe eine Stiftung im Norden von Israel, in der wir Araber in westlicher klassischer Musik unterrichten. Eines Tages wird eine oder einer von ihnen im Israel Philharmonic Orchestra spielen, da bin ich mir sicher.

© Frank Bauer

© Frank Bauer

Arte: Gibt es einen Komponisten, dessen Werke Sie lieber dirigieren als die eines anderen?

Zubin Mehta: Das kann ich nicht sagen. Mein Repertoire umfasst rund 450 Jahre. Das sind alles Meisterwerke – unser reiches Erbe. In meinem Fall vom 16. Jahrhundert bis vorgestern.

Arte: Sie sagten einmal, Wilhelm Furtwängler habe beim Dirigieren zwischen den Zeilen gelesen und der Musik etwas „Seelenvolles“ gegeben.

Zubin Mehta: Er hat immer danach gesucht, was nicht schwarz auf weiß auf dem Papier steht – nach dem, was ein Komponist wirklich gemeint hat. Ich versuche das auch so zu machen. Man muss die Handschrift eines Komponisten kennen: seine Kammermusik, seine Lieder, seine Symphonien. Man kann eine Partitur nicht einfach runterspielen.

Arte: Manchmal lassen Sie sich nach einem Zwölf-Stunden-Flug direkt ins Konzerthaus bringen. Werden Sie gar nicht müde?

Zubin Mehta: Die Musik macht mich nie müde. Von August 2015 bis Januar 2016 war ich auf vier Tourneen und habe in 41 Hotels übernachtet. Das ist anstrengend: früh aufstehen, auschecken, in die nächste Stadt reisen. Um herunterzukommen, muss ich vor jedem Konzert eine Stunde schlafen.

Arte: Machen Sie auch Yoga?

Zubin Mehta: Mittlerweile nicht mehr. Aber in meiner Jugend habe ich viel Yoga gemacht. Und wenn es heute mal anstrengend auf der Bühne wird, wende ich, ohne es zu merken, eine Atemtechnik an, die ich als Junge gelernt habe. Das hilft mir, fit zu bleiben.

Arte: Heute sind Sie Ehrendirigent zahlreicher Orchester und Musikvereine. Was kann man sich da noch für die Zukunft wünschen?

Zubin Mehta: Ich freue mich sehr, wenn ich solche Auszeichnungen und Preise bekomme. Aber am nächsten Tag gehen Leben und Arbeit weiter. Nach dem Geburtstagsmarathon in Mumbai dirigiere ich „Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss an der Mailänder Scala, im August gehe ich mit dem Israel Philharmonic Orchestra auf Südamerika-Tournee.

Arte: Stimmt es, dass Sie immer ein Döschen mit Chilischoten bei sich haben?

Zubin Mehta: Ja, wenn ich in europäische Restaurants gehe oder eingeladen bin. Mit Chili schmeckt es besser. Da ist er wieder, der Inder in mir!

Das Interview führte Lydia Evers

Zur Person

Zubin Mehta

Der indische Dirigent wurde 1936 in Bombay (heute: Mumbai) geboren und absolvierte in Wien seine Dirigentenausbildung. Heute ist er „Chefdirigent auf Lebenszeit“ des Israel Philharmonic Orchestra, Chef des Maggio Musicale in Florenz und Künstlerischer Leiter der Oper in Valencia. Der Titel des Ehrendirigenten wurde ihm u. a. von den Wiener Philharmonikern (2001), den Münchner Philharmonikern (2004) und der Staatskapelle Berlin (2014) verliehen. Er ist zudem Ehrenbürger von Tel Aviv und Florenz.

 

ARTE Schwerpunkt
Maestro Zubin Mehta zum Geburtstag

Zum 80. Geburtstag von Zubin Mehta: Festkonzert aus Mumbai
Konzert
Sonntag, 17.4. | 17.45

Zubin Mehta – Dirigent und Weltbürger
Porträt
Sonntag, 17.4. | 00.05

Zubin Mehta und Daniel Barenboim in Berlin
Konzert
Sonntag, 17.4. | 00.55

arte.tv/zubin-mehta

Kategorien: April 2016