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Typisch Frankreich: Das Wasser mit Piks

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im März hebt das ARTE Magazin mit den Franzosen ein Glas Wasser. Darf es dabei auch mal prickeln?

Illustration © Martin Haake

Illustration © Martin Haake

Zu rotem Fleisch gehört im französischen Restaurant ein trockener Rotwein. „Et de l’eau, s’il vous plaît“, ruft ein Gast, „und Wasser, bitte!“ Kein Essen ohne die obligatorische Ka­raffe. Wie so oft bei den kleinen, feinen Unterschieden zwischen Deutschen und Franzosen kommt es nicht darauf an, was sie sagen, sondern auf das, was sie verschweigen: Wer in Frankreich einfach nur „Wasser“
– ohne Adjektiv – bestellt, bekommt auch einfach nur Wasser, pures H2O, „eau plate“, wörtlich: „flaches Wasser“, ein stilles Wasser. Klingt logisch. Umso verwunderter sind Franzosen, wenn sie in Deutschland wie gewohnt Wasser ordern und ein sprudelndes bekommen, ein H2O mit CO2, mit einem Zusatz also, den sie nicht bestellt haben.

Sprudelwasser braucht bei Franzo­sen immer eine Spezifizierung: Es heißt „eau pétillante“, „prickelndes Wasser“. Es ist aber – da verrät die Spracheauch etwas von der Kultur – umgangs­sprachlich auch bekannt als „eau qui pique“: als „piksendes“ Wasser. Allein die Semantik führt den Geschmacks­papillen unserer Nachbarn Leid zu. Sie wollen lieber stilles Wasser, keines, das schmerzt.

Gute 145 Liter abgepacktes Wasser kauft jeder Franzose jedes Jahr, der Deutsche kommt auf nahezu das gleiche Volumen: 144 Liter. Der prickelnde Un­terschied: 82 Prozent des französischen Wassers sind ohne Gas, in Deutschland sind fast 80 Prozent mit Kohlendioxid versetzt. Deutsche lieben frischen Spru­del aus der Flasche. Stilles Trinkwasser fließt schließlich aus dem Hahn. Unsere „voisins français“ haben da­ gegen eine ausgeprägte Aversion gegen das Nass aus dem Wasserhahn. Früher gefährdeten dort Bleileitungen das Trinkvergnügen, heute vermiesen der Chlorgeschmack in den großen Städten und die Sorge um Pestizide in den rura­len Gegenden den feuchten Genuss. Die Karaffe Leitungswasser im Restaurant wird aus Kostengründen mit zerknirsch­tem Gesicht hingenommen, zu Hause greift der Franzose lieber zur Flasche.

Ein Trend in der Bundesrepublik könnte jetzt zur Annäherung der Völker führen: Bis in die Mitte der 1990er Jahre hinein war der Großteil des gekauften Flaschenwassers in Deutschland noch mit viel Kohlensäure versetzt. Stilles Wasser galt oftmals als fade, langwei­lig, abgestanden. Doch die Geschmäcker änderten sich, wurden weicher, französischer: Seit dem Jahr 2011 liegt das „Medium“­ Wasser mit weniger Kohlensäure in der Gunst der deutschen Konsumenten vorn. Angenehmer Nebeneffekt des Trends: Mit dem gemäßigten Wasser wurde es auch beim Aufstoßen stiller. Halbprickelndes Mineralwasser: Es könnte ein schöner, liquider deutsch­-französischer Kompromiss werden.

Julien Wilkens

ARTE Programmhinweis

Karambolage
Sonntags um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen

unter arte.tv/edition

Kategorien: März 2016