magazin

Stimmen im Kopf

Seine Science-Fiction-Bücher gaben Hollywood die Grundlage für Kassenschlager wie „Blade Runner“ und „Total Recall“. Den Autor Philip K. Dick aber kennen wenige. Porträt eines wahnsinnigen Genies.

Illustration © Silke Werninger

Illustration © Silke Werninger

An einem Donnerstag schreibt der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick eine Fußnote unter einen Brief: „Ich hatte eine Vision. Ich sah in hypnagogen Bildern eine einzelne furchterregende Szene: Ein Mann lag mit dem Gesicht nach unten zwischen Couchtisch und Couch.“ Es ist der 9. Mai 1974. Acht Jahre später finden Sanitäter einen Mann nach einem Hirnschlag mit dem Kopf nach unten zwischen Couch und Couchtisch. Es ist Philip K. Dick. Ein merkwürdiger Zufall? Oder selektive Wahrnehmung? So scheint dieser Zusammenhang in der realen Welt erklärbar. Wer aber das Leben und das Werk des Autors kennt, wird auch in seinem Ableben die eine große, übergeordnete Frage seines Schaffens erkennen: Ist diese Welt wahr?

Im Laufe der Jahrzehnte, des Schreibens und des Drogenkonsums, verschwindet für Dick die Trennlinie zwischen Wahn und Wirklichkeit. Daraus entspringt ein überbordendes Werk mit über 40 Romanen und 120 Erzählungen. Hollywood übernahm seine Ideen in „Blade Runner“, „Minority Report“ und „Total Recall“. Die Serie „The Man in the High Castle“ ist die Verfilmung seines zu Lebzeiten bekanntesten Romans „Das Orakel vom Berge“. Psychotherapeut Barry Spatz sagt in der ARTE-Dokumentation „Philip K. Dick und wie er die Welt sah“ über seinen früheren Patienten: „Manchmal wusste ich nicht, ob er eine neue Geschichte an mir testen wollte oder ob er wirklich verrückt war.“ Er litt an depressiven Phasen, konnte kaum aus dem Haus, hörte Stimmen. „Außerdem hatte er ein Problem mit seiner Mutter“, sagt seine fünfte Ehefrau Tessa Dick. Er hatte das Gefühl, sie mache ihn für den Tod der Zwillingsschwester verantwortlich.

Als seine Mutter Dorothy am 16. Dezember 1928 sechs Wochen zu früh in den Wehen liegt, weiß sie nicht, dass sie Zwillinge erwartet. Wegen Unterernährung stirbt Philips Schwester Jane ein paar Wochen nach der Geburt. „Es war, als sei ein Teil von ihm gestorben und schon beerdigt worden“, sagt sein Biograf Anthony Peake. Der erwachsene Philip K. Dick lebt mit dem Gedanken, dass auf einem Hügel in Colorado ein Grab wartet – links steht der Name seiner Schwester, rechts ist noch Platz für seinen Namen.

Der Tod ist ihm vertraut. Dicks Va­ter kommt als Marineinfanterist nach dem Ersten Weltkrieg zurück. „Er zeig­te mir als kleines Kind seine Gasmaske. Seine Augen verschwanden, sein Gesicht verschwand. Und er erzählte mir von der Schlacht von Marne, vom Horror, den er erlebt hatte. Von Männern mit herausgequollenen Ein­geweiden. Er erzählte das einem Vierjährigen“, erinnert sich Dick später.

Als Kind kam ihm der Gedanke, seine Lehrerin könnte ein Roboter sein. „Ich hatte das Gefühl, dass ihr Kopf abfallen und eine Feder zum Vorschein kommen könnte. Sobald ich dieses Gefühl hatte, wurde ich es nicht mehr los“, sagte der Autor später. Er übernahm es in seine Fiktion: Im „Marsianischen Zeitsturz“ redet ein Mann mit dem Personalchef und plötzlich denkt er, dass sein Chef eine Maschine sein könnte. Meist alleine, wenn man von den Stimmen im Kopf absieht, und von Amphetaminen aufgeputscht, bringt er bis zu 60 Seiten am Tag zu Papier. Die Gedan­ken, die Ängste, der Realitätsverlust vermengen sich zu neuen Welten. Ei­nes Tages sieht er im Garten ein riesi­ges Auge am Himmel – und flicht es in seinen Roman „Die drei Stigmata von Palmer Eldritch“ ein. „Er lebte nahezu in seinen Romanen, ohne zu wissen, in welche Richtung er sie entwickeln würde. Deshalb sind manche so ver­wirrend“, sagt Biograf Peake.

Seine Simulakren beschäftigen ihn – Menschen, die nicht erkennen, dass sie Roboter sind, Androiden, die eine Seele entwickeln, und Welten, die im Geiste eines Einzelnen entste­hen. „Er beschreibt das unheimliche Gefühl, dass alles, woran wir glauben, auf Sand gebaut ist“, sagt Science­Fiction­Autor David Brin.

Am Ende bleibt die Frage: Was macht aus einem Menschen einen Menschen? Vielleicht seine Endlich­keit. Und die Unvorhersehbarkeit des Todes. Wenn er sich denn nicht angekündigt hatte, an jenem Donnerstag im Mai 1974.

Julien Wilkens

 

ARTE HIGHLIGHT
PHILIP K. DICK

Philip K. Dick und wie er die Welt sah
Porträt 
Mittwoch, 2.3. | 22.00

I, Philip
360°-Kurzfilm
creative.arte.tv

Californium
Online-Rollenspiel
arte.tv/californium

Kategorien: März 2016