„Ich weiss, was ich kann“

Mal wirkt sie verträumt und feenhaft, dann wieder frech und kantig: Schauspielerin und Musikerin Meret Becker ist eine Verwandlungskünstlerin. Ein Gespräch über Lügen, Wahrheiten und Komplexe.

© Marina Rosa Weigl

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Mit großer Sonnenbrille steigt Meret Becker aus einem Taxi auf dem WDR-Gelände in Köln- Bocklemünd. Am Abend wird sie bei einer Talkshow zu Gast sein. „Eigentlich sollte ich drei Tage frei haben, aber der Termin wurde vorgezogen“, sagt die Schauspielerin und Musikerin, die durch Filme wie „Comedian Harmonists“ oder „Fliegende Fische müssen ins Meer“ bekannt ist. Gerade war sie mit ihrer CD „Deins & Done“ auf Tour, die im Mai fortgesetzt wird. Mit dem ARTE Magazin spricht die 47-Jährige über ihr Image als Berliner Göre und Sexismus in der Filmbranche.

ARTE: Frau Becker, stimmt es, dass Sie nicht gerne „Frau Becker“ genannt werden?

Meret Becker: Ja, ich werde lieber Meret genannt. Der Name ist recht selten und ich habe mich erst an ihn gewöhnen müssen. Mittlerweile finde ich aber, dass er gut zu mir passt. Zudem hatte ich mit Rolf Becker, meinem leiblichen Vater, als Kind lange keinen Kontakt und so war der Name immer ein bisschen wie ein Anhängsel.

ARTE: Obwohl Sie in Bremen zur Welt kamen, sind Sie für viele eine typische Berliner Göre. Sehen Sie sich auch so?

Meret Becker: Ich selbst würde mich nicht so beschreiben, habe aber nichts dagegen, wenn andere das tun. Das kommt wahrscheinlich daher, dass ich oft wie ein Bauarbeiter rede. Ich kann mich auch sehr gewählt ausdrücken, aber manchmal kommt es mir völlig abhanden und dann kommt ein wahres Proletariat aus meinem Mund marschiert.

© Marina Rosa Weigl

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ARTE: Sie beschreiben sich selbst als Autodidaktin. Hat es Vorteile, sich alles selbst beizubringen?

Meret Becker: Ja und nein. Ich habe früh die Schule abgebrochen und keine Ausbildung gemacht. So kann ich mich nicht auf ein Handwerk berufen, das ich gelernt habe. Das macht mich gelegentlich unsicher. Gleichzeitig weiß ich, was ich kann. Und ich bin froh, dass ich mir meinen eigenen Weg ausgesucht habe. Dadurch kann ich merkwürdige Dinge, die andere Leute nicht können.

ARTE: Wie zum Beispiel das Spielen der „Singenden Säge“?

Meret Becker: Das Instrument habe ich von einem Clown beigebracht bekommen. Schließlich kann man sich ja auch als Autodidakt hin und wieder von jemandem helfen lassen.

ARTE: Lieben Sie Herausforderungen?

Meret Becker: Ja. Wenn ich zum Beispiel schwere Rollen annehme, habe ich oft Angst, kämpfe aber immer dagegen an. Und ich glaube, das hat System. Oft suche ich mir Projekte aus, bei denen ich das Gefühl habe, mich maßlos zu überfordern. Und dann klappt es meist trotzdem. Lustigerweise wirke ich dabei auf andere wohl sehr selbstsicher. Ich selbst denke eher: „Seid ihr wahnsinnig? Ich sterbe gerade!“

ARTE: Wie wichtig ist Ihnen dabei die Aufmerksamkeit von außen?

Meret Becker: Schon sehr wichtig. Sonst würde ich ja zu Hause bleiben. Allerdings stelle ich immer die Sache in den Vordergrund. Und nicht mich selbst.

ARTE: Sie stehen auch als Musikerin auf der Bühne, mit einer Mischung aus Bluegrass und Chanson. Macht Sie das glücklicher als die Schauspielerei?

Meret Becker: Wenn den Leuten meine Musik gefällt, macht mich das tatsächlich glücklich. Weil sie ganz und gar von mir kommt. Man ist völlig bei sich und darf diesen Moment trotzdem mit anderen teilen. Beim Schauspielern kommt es darauf an, wie und mit wem ich drehe oder auf der Bühne stehe. Es kann glücklich machen, aber auch schlimm sein. Wenn ich Rollen verkörpere, bin ich eher fremdgesteuert. Was nicht heißt, dass ich mich nicht trotzdem fallen lassen kann. Aber da muss man erst einmal hinkommen.

© Marina Rosa Weigl

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ARTE: Bei ARTE sind Sie in der Tragikomödie „Lügen und andere Wahrheiten“ zu sehen. Sie spielen die kontrollsüchtige Coco, die wie wild ihre Hochzeit plant und nicht merkt, dass sie sich selbst belügt.

Meret Becker: Ich glaube, so etwas kann passieren, wenn eine Sache – wie in dem Fall die Hochzeit – wichtiger wird als die Gefühle dahinter. Das ist ein bisschen wie beim Singen: Haut man einen Ton zu fest raus, kann keine Schwingung mehr entstehen.

ARTE: Die restlichen Protagonisten im Film machen sich auch alle gegenseitig etwas vor. Sind Lügen manchmal besser als die Wahrheit?

Meret Becker: Notlügen vielleicht, damit man sein Flugzeug noch erwischt, wenn man zu spät dran ist. Aber grundsätzlich ist Ehrlichkeit fundamental, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Die Lüge fängt ja oft schon beim Weglassen von bestimmten Dingen an.

ARTE: Also sollte man sich beispielweise in einer Beziehung immer alles erzählen?

Meret Becker: Ich denke nicht, dass man seinem Partner jeden Gefühlszustand oder Komplex, den man gerade hat, aufs Butterbrot schmieren muss.

ARTE: Seit Kurzem spielen Sie im Berliner „Tatort“ die Hauptkommissarin. Stimmt es, dass Ihnen der „Tatort“ eigentlich zu sehr Mainstream ist?

Meret Becker: Ich empfinde große Demut, dabei sein zu dürfen, und bin mir bewusst, dass sich dadurch viele Türen öffnen. Das Programm hat einen Zulauf, den ich mit Arthausfilmen oder meiner Musik nun mal nicht habe. Aber im „Tatort“ zu spielen ist nicht die Erfüllung meiner Träume wie vielleicht für andere. Ich habe immer von Filmen wie im alten Hollywood geträumt und Schauspieler wie Marilyn Monroe und Jean Harlow bewundert.

ARTE: Die „Tatort“-Kommissarin Nina Rubin ist eine starke Frau, deren Rolle Sie mitgestalten konnten. Was war Ihnen dabei wichtig?

Meret Becker: Sie sollte eine Frau Berlins sein. Mit aller Zerrissenheit, die diese Stadt mit sich bringt. Zudem war mir wichtig, dass die Figur eine Sexualität hat. Ärztinnen oder Polizistinnen sind im Film meist brav und haben keinen Sex. Nina Rubin führt eine offene Ehe. Viele finden sie deshalb unsympathisch. In vielen Filmen haben Männer heimlich Verhältnisse. Frauen, die offen damit umgehen, gelten als Schlampen. Dass das immer noch so simpel ist …

ARTE: Am 8. März ist Weltfrauentag. Feiern Sie diesen Tag?

Meret Becker: Nein, aber es ist gut, dass es ihn gibt. Denn solange Frauen noch gesteinigt werden, mit Kostümen herumrennen müssen, die sie vielleicht nicht anziehen wollen, und sogar in Deutschland schlechter bezahlt werden als Männer, obwohl sie die gleiche Arbeit leisten, ist das ein wichtiger Tag, um auf Frauenrechte aufmerksam zu machen.

ARTE: Für wie sexistisch halten Sie die Filmbranche?

Meret Becker: Man muss aufpassen, dass man nicht humorlos wird und alles auf die Goldwaage legt. Ich finde Frauen, die sexy durch den Film gehen, toll. Aber wenn sich Moderatorinnen das Gesicht straffen müssen, um arbeiten zu dürfen, ist das sexistisch. Wenn jemand das für sich macht, ist das völlig in Ordnung.Es darf nur nicht zur Pflicht werden.

Lydia Evers

ARTE HIGHLIGHT

Lügen und andere Wahrheiten
Tragikomödie
Freitag, 11.3. | 20.15

Kategorien: März 2016