magazin

Eremitage – Das Erbe der Zarin

Vor 250 Jahren legte Katharina die Grosse in Sankt Petersburg den Grundstein für eines der größten Kunstmuseen der Welt mit heute rund drei Millionen Exponaten. Eine Zeitreise.

Illustration © Emmanuel Pierre

Illustration © Emmanuel Pierre

Sie ist ein Mikrokosmos der russischen Geschichte: Die Eremitage überlebte Zaren und Bolschewiki, die Belagerung Sankt Petersburgs durch die Truppen Hitlers und den Ausverkauf der Kunst durch Stalin. Aus Sankt Petersburg wurde Petrograd, Leningrad und wieder Sankt Petersburg, aus dem Russischen Reich die UdSSR und die Russische Föderation.

Das Zentrum für Kunst an der Newa trotzte den Wirren der Zeit. Die ARTE-Dokumentation „Die Eremitage: Ein Palast für die Kunst“ blickt auf eines der größten Kunstmuseen der Welt mit 2.000 Räumen und rund drei Millionen Exponaten.

Schon Peter der Große, Namensgeber von Sankt Petersburg, ist leidenschaftlicher Sammler. Er holt im Jahr 1719 die heute wohl bekannteste Skulptur der Eremitage nach Russland: die „Venus Tauride“. Katharina der Großen gelingt ein halbes Jahrhundert später ein wahrhafter Coup der Kunstgeschichte: Sie kauft die Kollektion von Sir Robert Walpole, der 17 Jahre lang unter George II. britischer Premierminister war. „Mit diesem Kauf wollte sie Europa vor Augen führen, dass Russland über enorme finanzielle Mittel verfügte“, sagt Alexej Leporc, Kurator der Sammlung „Westeuropäische Kunst“ der Eremitage, in der ARTE-Dokumentation. Unter den Künstlern dieser Sammlung befinden sich flämische Meister wie Rembrandt, Rubens und van Dyck. Die Zarin kauft in den drei Jahrzehnten ihrer Herrschaft insgesamt 4.000 Gemälde alter Meister. Dazu kommen Sammlungen von Skulpturen, darunter der „Kauernde Knabe“ von Michelangelo.

Katharina die Große hinterlässt einen riesigen Kunstschatz. Nach ihr fügt jeder Zar der Romanow-Dynastie weitere Teile hinzu. Katharinas Enkel Alexander I. besiegt Anfang des 19. Jahrhunderts die napoleonischen Truppen. Ausgerechnet von der Gattin des französischen Kaisers, Joséphine de Beauharnais, kauft er vier wertvolle Skupturen von Antonio Canova für 940.000 Francs, für damalige Verhältnisse ein Vermögen. Dazu erwirbt er bedeutende Gemälde aus Paris, wie beispielsweise Caravaggios „Lautenspieler“.

Illustration © Emmanuel Pierre

Illustration © Emmanuel Pierre

Triumphale Bauten

Nikolaus I., Bruder von Alexander I., setzt auch architektonische Akzente. Er lässt einen Triumphwagen auf das Dach des Winterpalastes stellen und die Siegessäule auf dem weiten Platz davor bauen. In einem Raum der Eremitage hängt er nach dem Sieg über die französischen Truppen die Porträts der an den Kämpfen beteiligten russischen Generäle auf.

Als 1837 ein Feuer den Winterpalast zerstört, schließen Mitarbeiter die Türen und halten die Wände feucht. Die Flammen verschonen die Sammlung. Innerhalb von nur einem Jahr lässt Nikolaus I. den Winterpalast wieder originalgetreu aufbauen.

Um Platz für die wachsende Sammlung zu schaffen, insbesondere für orientalische Kunstwerke und archäologische Fundstücke, lässt der Zar einen weiteren Flügel anbauen: die Neue Eremitage, der einzige Bau des Museumskomplexes, der sich nicht an der Newa befindet. Bis zu diesem Zeitpunkt ist der Zugang zu den Sammlungen einem engen Kreis am Hofe des Zaren vorbehalten. Am 17. Februar 1852 aber eröffnet der Zar mit der Neuen Eremitage das erste Museum Russlands, das der Öffentlichkeit zugänglich ist, und festigt die kulturelle Bedeutung des Russischen Reiches auf dem europäischen Kontinent.

Der letzte Zar, Nikolaus II., hat kein besonderes Interesse an Kunst. Doch er weiß um das wertvolle Erbe der Romanows und die politische Bedeutung der Sammlung in einer Zeit des brutalen gesellschaftlichen Umbruchs: Noch im Jahr 1914 kauft er die „Madonna Benois“ des Meisters Leonardo da Vinci für den höchsten Preis, der bis dahin jemals für ein Gemälde bezahlt wurde. Noch heute gilt die Madonna mit Kind als eines der bedeudendsten Werke der Eremitage.

Während des Ersten Weltkriegs werden Teile des Winter­palasts als Kran­kenhaus, später als Waisenhaus genutzt. Als die Bolsche­wiki den Winterpalast 1917 stürmen, verbarrikadiert der Direktor die Türen zu den Kunstsammlungen und rettet so die Werke. Bereits fünf Tage nach der Oktoberrevolution verkün­det der Minister für Volksaufklä­rung, dass sowohl der Winterpa­last als auch die Eremitage künftig als Museen genutzt werden sollen – Kunst und Gebäude werden Volkseigentum.

Illustration © Emmanuel Pierre

Illustration © Emmanuel Pierre

Ende des Zarenreichs

Gemälde, die Vertreter der Romanow­-Dynastie zeigen, werden zerstört. Die Bolschewiki er­morden Nikolaus II. und alle Mitglieder seiner Familie. Es ist das Ende der Zarendynastie. Unter Lenin wird der Pri­vatbesitz von Kunst in Russ­land verboten. Vermögende Geschäftsleute müssen fliehen und ihre Sammlun­gen zurücklassen. Werke von unschätzbarem Wert werden zum Eigentum der Eremitage, darunter Ge­mälde der Künstler Pablo Picasso, Paul Cézanne und Henri Matisse. Doch in den 1930er Jahren gerät die moderne Kunst bei der Regierung und somit auch bei den Museumsdirektoren in Verruf. Ausstellungsfähig ist, was dem Kommunismus dient. „Dadurch wurde die Archäologie­-Abteilung zur wichtigsten Sparte“, sagt der heutige Direktor Michail Piotrowski.

Nach Lenins Tod finanziert Stalin die Industrialisierung Russlands durch die Veräußerung von Kunst. Er tauscht Maschinen und Trakto­ren gegen Silber und Gold der Zaren, verkauft Werke der alten Meister. Der damalige Direktor fleht Stalin an, den Ausverkauf zu stoppen. Ohne Erfolg. Die Politik der Säuberung macht auch vor der Kunst nicht Halt: Etliche Mit­arbeiter werden in Gulags geschickt, weil sie aus Adelsfamilien abstam­men oder ihre Väter Offiziere der Za­ren waren.

Nur noch leere Rahmen

Im Laufe des Zweiten Weltkriegs droht die komplette Zerstörung der Kunst­ werke oder ihr Abtransport nach Ber­lin. Kurz vor Beginn der Belagerung von Leningrad können Mitarbeiter die Kunstgegenstände mit zwei Zügen in Sicherheit in den Ural verfrachten. Im Museum bleiben die leeren Rahmen zurück. Ein Teil der Sammlung wird in jenem Haus in Jekatarinburg gelagert, in dem Nikolaus II. und seine Familie ermordet wurden.

Ein Drittel der Bevölkerung der Stadt stirbt während der Belagerung durch die Heeresgruppe Nord, darun­ter über 100 Mitarbeiter der Eremitage.

Nach dem Zweiten Weltkrieg eignet sich Russland deutsche Kunstwerke und archäologische Objekte als Kriegsbeute und als Ausgleich für den Angriffskrieg an. Doch viele der beschlagnahmten Objekte lagern in Depots. Da Deutschland sie zurückfordert, scheint es den Direktoren der Eremitage zu heikel, sie auszustellen.

Nach Stalins Tod 1953 werden die Arbeiten der Klassischen Moderne ausgestellt, darunter Werke von Pablo Picasso, Paul Gauguin und Henri Matisse, die nach der Oktoberrevolution sozialisiert worden waren. Wegen des Kalten Krieges kommen nur wenige westliche Touristen in das Eremitage-Museum.

Zeitgenössische Kunst

Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs liegt 1995 die offizielle Genehmigung für die Kuratoren des Museums vor, aus Deutschland beschlagnahmte Werke auszustellen. Darunter sind Kunstschätze wie „Im Garten“ von Pierre-Auguste Renoir, „Die Last“ von Honoré Daumier und „Die Seine bei Rouen“ von Claude Monet.

Mit der Öffnung Russlands wagt sich das Museum an zeitgenössische Kunst: Moderne Plastiken wie die Metallfiguren „Still Standing“ von Antony Gormley gehören zur Ausstellung. Eine Kulturwende erlebt die Eremitage 2014 mit der „Manifesta“, bei der Künstler aus aller Welt in Sankt Petersburg arbeiten und ihre Kunst präsentieren. Die Eremitage mit ihrem reichen Erbe pflegt heute eine der wertvollsten Kunstsammlungen der Welt. Die Kuratoren richten den Blick in die Zukunft: Bis 2018 soll eine Filiale in Moskau eröffnen, deren Fokus auf zeitgenössischer Kunst liegen wird.

Julien Wilkens

 

1762

Am 9. Juli 1762 lässt sich Katharina II., gennant Katharina die Große, nach einem riskanten Staatsstreich zur Zarin ausrufen. Die gebildete Frau aus der Linie von Anhalt-Zerbst hat regen Kontakt zum Aufklärer Voltaire. Sie korrespondiert mit ihm über Gewaltenteilung und veranlasst die Duldung der meisten Religionen. Während der Russisch-Türkischen Kriege erobert sie auf der Krim den Zugang zum Schwarzen Meer. Kulturell führt sie das Land als Vertreterin eines aufgeklärten Absolutismus an Europa heran.

1813

Im Juni 1812 greift Napoleon mit seiner 600.000 Mann starken Grande Armée Russland an. Die Generäle von Zar Alexander I. begegnen der Attacke mit einer defensiven Taktik und einer Politik der verbrannten Erde. Der Russlandfeldzug von Napoleon endet 1813 in einer der größten Niederlagen der Militärgeschichte und mit dem Rückzug Frankreichs.

1856

Nach dem Wiener Kongress 1814/15 sichert sich Russland eine einflussreiche Rolle auf dem europäischen Kontinent. Doch der Krimkrieg von 1853 bis 1856 erschüttert das Gleichgewicht der europäischen Großmächte. Die Schwäche Russlands gegenüber den industrialisierten Staaten Westeuropas zwingt das Reich zu inneren Reformen.

1941

Im Zweiten Weltkrieg wird Leningrad von deutschen und finnischen Truppen eingekesselt. Vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 dauert die Leningrader Blockade. Ziel der Belagerung ist das Aushungern der Bevölkerung unter ständigem Bombardement. Die Heeresgruppe Nord begeht so eines der schwerwiegendsten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Schätzungen gehen von rund 1,1 Millionen Toten aus.

1991

Die Prozesse Perestroika (Umbau) und Glasnost (Offenheit) von Michail Gorbatschow, dem Generalsekretär der Kommunistischen Partei, läuten das Ende des Kalten Krieges ein. Die Sowjetunion löst sich 1991 auf. Präsident Wladimir Putin nennt es die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Innere Unruhen wirken bis heute fort. Militärisch gibt sich das Land nach außen selbstbewusst.

 

ARTE SCHWERPUNKT

ZU OSTERN IN RUSSLAND

Zu Tisch in … Russland
Esskulturdoku
Samstag, 26.3. | 17.40

Die Romanows – Glanz und Untergang des Zarenreichs
Geschichtsdoku
Samstag, 26.3. | 20.15

Iwan der Schreckliche
Geschichtsdoku
Samstag, 26.3. | 21.40

Fabergé – Ostereier für die Zaren
Kunstdoku
Sonntag, 27.3. | 12.40

Frauen, die Geschichte machten: Katharina II.
Geschichtsdoku
Sonntag, 27.3. | 16.00

Die Eremitage:
Ein Palast für die Kunst Kulturdoku
Sonntag, 27.3. | 16.50

Walaam – Klang der russischen Orthodoxie
Kulturdoku
Sonntag, 27.3. | 23.15

Eröffnungsgala des Mariinsky-Theaters II
Konzert
Sonntag, 27.3. | 00.05

Nikolai Rimsky-Korsakow: Die Zarenbraut
Oper
Sonntag, 27.3. | 01.05

Kategorien: März 2016