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Eine für alle, alle für eine

Gleiche Stellung, gleiche Rechte, gleiche Chancen? So sollte es sein, so ist es nicht. Auch nicht nach über 200 Jahren Frauenbewegung, die mit der Französischen Revolution ihren Anfang nahm. Laut dem Report „The World’s Women“ der Vereinten Nationen gibt es weltweit nur 19 weibliche Staatsoberhäupter, das Gehalt von Frauen liegt 10 bis 30 Prozent unter dem der Männer und zwei Drittel der Analphabeten sind weiblich. Stand: 2015. Doch der Kluft zwischen den Geschlechtern zum Trotz – es geht vielerorts voran. Grund hierfür sind Frauen (und Männer), die sich für Menschenrechte und die Werte des Feminismus einsetzen. Mit Eifer und Optimismus reißen sie Barrieren ein und kämpfen gegen Vorurteile, Gewalt und Unterdrückung. Zum ARTE-Schwerpunkt „Frauenpower – Die stille Revolution“ stellt das ARTE Magazin fünf STARKE FRAUEN vor, die ihre Stimme erheben und Gleichberechtigung vorleben. Ein Plädoyer für Engagement, Mut und Zuversicht.

Saudi-Arabien
Haifaa Al Mansour
Der erste Kinofilm Saudi-Arabiens entstammt ihrer Feder – eine Hommage an die Freiheit der Frau

Getty Images © Christopher Patey

Getty Images © Christopher Patey

Sie dreht Filme in einem Land, in dem es keine Kinos gibt und in dem Frauen von Männern bevormundet werden. Mit ihrem Debüt „Das Mädchen Wadjda“ brach Haifaa Al Mansour mit Konventionen. Anfangs hat sie sich dennoch nicht als Feministin gesehen. Sie habe sich lediglich mit der Welt befasst, mit der sie sich am besten auskannte. „Ich will einen Wandel zum Positiven – auf eine friedliche und pragmatische Weise.“ Doch selbst das friedliche Aufbegehren sei zeitweise überwältigend frustrierend. „Starke Frauenstimmen sind in Saudi-Arabien nach wie vor ein Tabu.“ Schweigen kommt für die 41-jährige Regisseurin aber nicht infrage. „Wir müssen weiter aufstehen und uns Gehör verschaffen – so lange, bis wir zu viele sind, um bedroht zu werden.“ Dann vielleicht wird eines Tages ihr Name Realität. Er kommt aus dem Arabischen und bedeutet: siegreich.

USA
Eve Ensler
Die Autorin setzt sich gegen Gewalt an Frauen ein. Bekannt wurde sie durch ihr Theaterstück „Die Vagina-Monologe“

© Brigitte Lacombe

© Brigitte Lacombe

Vom Vater missbraucht, alkohol- und -drogenabhängig, essgestört, promisk – Eve Enslers frühe Vergangenheit ist wie eine endlose Reihe von Tiefpunkten. Heute ist die 62-Jährige für die Wut, die sie als junge Frau empfand, gewissermaßen dankbar: „Sie hat mir geholfen zurückzuschlagen.“ Ihrem Gegenschlag sind mehrere Theaterstücke, Bücher und Initiativen gegen Gewalt an Frauenentsprungen. Selbst als bei ihr Gebärmutterkrebs USA diagnostiziert wurde, machte die Aktivistin weiter und baute die „City of Joy“ im Kongo auf, eine Art Kommune für Überlebende von sexuellen Übergriffen. „Das Projekt hat mich am Leben gehalten.“ Ihrer Meinung nach wächst gerade eine neue Generation starker Frauen heran. „Frauen, die verstehen, dass Gewalt und Dominanz nicht der richtige Weg sind.“ Es sei an ihnen, die Führung zu übernehmen.

Nigeria
Chimamanda Ngozi Adichie
Mit ihrer TED-Rede „We should all be feminists“ inspirierte die Bestsellerautorin Frauen weltweit

Laif © Stephen Voss / Redux

Laif © Stephen Voss / Redux

Ein nigerianischer Journalist riet ihr einst, sich niemals als Feministin zu bezeichnen. „Das sind Frauen, die traurig sind, weil sie keinen Ehemann finden können.“ Chimamanda Ngozi Adichie bildet in dem Fall wohl die Ausnahme – sie ist verheiratet und glücklich. Um gegen Stereotype wie diese anzugehen, nennt sie sich selbst eine glückliche Feministin, die „Männer nicht hasst, Lipgloss mag und High Heels trägt“. Auch anerzogene Rollenbilder möchte die 38-jährige Autorin widerlegen. „Das Problem daran ist, dass sie aus dir machen, was du sein sollst, und nicht das, was du bist.“ Und genau hier gelte es anzusetzen: bei der Erziehung. Bislang gehe es mehr um das Geschlecht als um individuelle Interessen und Fähigkeiten. Das zu erkennen und zu ändern, so Adichie, sei Feminismus. Die beste Feministin, die sie kennt, ist übrigens ein Mann: ihr Bruder Kenny.

Deutschland
Sibel Kekilli
Die Schauspielerin kämpft für ein Selbstbestimmtes Leben – für sich, für Frauen und in dem Drama „Die Fremde“

© Peter Hönnemann

© Peter Hönnemann

Familie, Kultur, Religion – die Identität der Frau sei in der muslimischen Gesellschaft vielschichtig verankert, sagt Sibel Kekilli. „Es wird einem eingeimpft, dass man zu 100 Prozent ihr gehört. Wer sich für ein freies Leben entscheidet, hat im schlimmsten Fall fortan alle gegen sich.“ Ihren eigenen Weg in die Freiheit hat die Tochter türkischer Einwanderer als „sehr steinig“ empfunden. „Und er ist es immer noch, weil man ohne Identität verloren ist. Seit ihrem Durchbruch mit Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ setzt sich die 35-Jährige als Botschafterin von „Terres des Femmes“ gegen Frühehen, Zwangsprostitution und Ehrenmorde ein. Mit ihrer Arbeit wolle sie anderen Frauen Mut machen. Denn auch wenn sie viele Zweifel, Kämpfe und Ängste durchstehen müssen: „Am Ende steht die Erkenntnis, dem eigenen Ich einen Schritt näher gekommen zu sein.“

China
Xinran
Sie hat private Sorgen und Nöte öffentlich gemacht. Von 1989 bis 1997 moderierte Xinran Chinas ersten Radio-Kummerkasten

© James Mitchell

© James Mitchell

Ohne damit zu rechnen, avancierte sie Ende der 1980er Jahre zur Stimme der chinesischen Frau – und „Words on the Night Breeze“, ursprünglich als gewöhnlicher Nachttalk geplant, wurde zu einer Sendung für Frauen. „Es waren die verzweifelten Fragen und Bitten der Hörerinnen, die den Weg vorgaben“, erzählt Xinran. Acht Jahre lang hörte sie Geschichten über Gewalt, Missbrauch und Inzest. Am Ende fühlte sie sich oft nutzlos: „Ich konnte nichts gegen die chinesische Tradition und politische Normen ausrichten.“ Also ging sie nach England und verschaffte den verborgenen Stimmen in ihren Büchern weltweit Gehör. Heute kümmert sich die 58-jährige Autorin als Kopf einer Wohltätigkeitsorganisation um chinesische Heimkinder – meist Mädchen, die als Opfer der jahrelangen Ein-Kind-Politik von ihren Familien verstoßen wurden.

Von Jessika Knauer

ARTE SCHWERPUNKT

FRAUENPOWER – DIE STILLE REVOLUTION

Mit offenen Karten: Die Rechte der Frauen
Geopolit. Magazin
Samstag, 5.3. | 14.25

Frauen und Ozeane
Dokureihe
ab Montag, 7.3. | 19.30

The Power of Women
Gesellschaftsdoku
Dienstag, 8.3. | 20.15

Der Freiheitskampf der Kurdinnen
Gesellschaftsdoku
Dienstag, 8.3. | 21.55

Kriegsfotografinnen
Kulturdoku
Dienstag, 8.3. | 22.55

Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam
Dokumentarfilm
Mittwoch, 9.3. | 21.55

Der Mann an ihrer Seite
Politserie
Donnerstag, 10.3. | 20.15

Die Fremde
Drama
Donnerstag, 10.3. | 23.10

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Kategorien: März 2016