magazin

Deserteure des Terrors

Syrische Rebellen helfen ehemaligen Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) bei der Flucht. Thomas Dandois und François-Xavier Trégan trafen die Deserteure. Im ARTE Magazin berichten sie exklusiv über ihre Begegnungen im Grenzgebiet.

ARTE © Memento 2016

ARTE © Memento 2016

Sie waren überzeugt, das Richtige zu tun, wollten den syrischen Diktator Baschar al-Assad bekämpfen. Sie schlossen sich dem IS an. Doch schnell entdeckten sie die Wahrheit hinter der Propaganda, sahen Unrecht, Folter und Tod. Für die ARTE-Dokumentation „Inside Rakka: IS-Deserteure packen aus“ sprachen wir mit ehemaligen Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“.

Im Sommer 2015 bekamen wir den Kontakt zu der Rebellenorganisation „Liwa Thuwar al-Raqqa“, der „Revolutionären Brigade Rakka“. Das Netzwerk hilft IS-Kämpfern zu desertieren. Das erste Treffen in Sanlıurfa im Süden der Türkei Anfang September war angespannt: Wir mussten ihr Vertrauen gewinnen, sie unseres ehrlich gesagt auch. In den ersten zehn Tagen unserer Recherche vor Ort haben wir keine einzige Sekunde gedreht, insgesamt sieben Mal sind wir in den vergangenen sechs Monaten in die Türkei geflogen, bei der dritten Reise konnten wir erstmals mit einem Deserteur sprechen.

Man kann sich das im Westen nur schwer vorstellen, aber in ihren Anfängen war der IS für die Menschen in Syrien sehr attraktiv. Viele von ihnen waren bereit, für ihr Ziel eines islamischen Kalifats zu kämpfen. Zudem unterhält die Terrormiliz eine gut organisierte Propaganda-Maschinerie.

Die meisten Bilder, die in dieser extrem instabilen Region zirkulieren, zeigen den IS als eine Art Wohlfahrtsstaat, der die Bevölkerung mit Essen, Strom und Gas versorgt sowie Krankenhäuser unterhält.

Diese Propaganda hat auch international eine starke Anziehungskraft: Laut amerikanischen Geheimdiensten haben sich zwischen 2013 und 2015 rund 15.000 Ausländer, circa 25 Prozent davon Europäer, dschihadistischen Gruppen im Mittleren Osten angeschlossen. Die meisten kämpfen für den IS. Trotz der Angriffe der internationalen Koalition kann die Terrormiliz jeden Monat rund 1.000 neue ausländische Kämpfer rekrutieren.

Doch dem Kampfgeist folgt oft die Ernüchterung. Alle fünf Deserteure, mit denen wir gesprochen haben, waren vor allem eines: desillusioniert. Sie wollten ihre Religion frei leben und für ein besseres Leben kämpfen. Doch statt mit Gleichgesinnten sahen sie sich plötzlich Seite an Seite mit kriminellen, mafiösen Banden, die unter dem Deckmantel der Religion agierten, die vergewaltigten und töteten.

Die Krankenhäuser, die in der Propaganda gezeigt werden, sind den Kämpfern vorbehalten. Wer sich nicht dem IS anschließt,ist ohne medizinische Versorgung. Auch die Zakat, die verpflichtende Abgabe der Muslime an Bedürftige, wird von dem IS als Zwangssteuer eingetrieben – und landet in den Taschen der IS-Machthaber. Dazu kommt alltägliche Bigotterie: Während die Milizen zum Beispiel Tabak verbieten, rauchen sie trotzdem heimlich. Fluchthelfer Abu Shuja erklärte uns: „Der IS ist ein Feind des Islam. Deshalb haben die IS-Anhänger Angst, dass die Deserteure berichten, was sie im Inneren der Terrororganisation erlebt haben.“

Die Deserteure sind in der Dokumentation nur von hinten oder im Halbschatten im Profil zu sehen. Sie riskieren ihr Leben. Selbst auf der türkischen Seite hat der IS seine verdeckten Agenten. Auf Desertieren steht der Tod. Ein ehemaliger Kämpfer sagte: „Wenn sie jemanden enthaupten, nehmen sie absichtlich stumpfe Messer, um die Person besonders leiden zu lassen und ihren Körper zu verschandeln.“

Immer mehr IS-Kämpfer fliehen

Die Rebellengruppe hat ihre Kontaktpersonen an Schlüsselpositionen innerhalb des IS. Diese unterrichten regelmäßig über kampfmüde Mitglieder. Wer aussteigen möchte, wird von den Fluchthelfern umfassend überprüft. Es ähnelt einer polizeilichen Ermittlung. Sie erfolgt an sicheren Orten, in „Safe Houses“ an den Rändern der syrischen Städte.

Die Rebellen informieren sich bei ihren IS- Kontaktleuten und bei Zivilisten, ob die Fluchtwilligen kein Blut an den Händen haben. Eine zuverlässige Quelle sind Handys: Welche Bilder sind zu sehen? Welche Kontakte sind gespeichert? Welche Nummern wurden zuletzt gewählt? Die Fluchthelfer stammen aus den Reihen der Freien Syrischen Armee von Rakka. Diese jungen Männer riskieren täglich ihr Leben. Doch sie machen weiter, auch weil mit den Bombenangriffen der internationalen Koalition und Russlands die Zahl der Menschen steigt, die sich vom IS abwenden wollen. Mehr als 100 ehemalige Kämpfer haben die Helfer 2015 aus Syrien geholt. Es waren Syrer, Jordanier und Ägypter, aber auch Franzosen, Belgier, Deutsche – Frauen und Männer.

Jeder Dritte ist Ausländer

Rund ein Drittel der Deserteure sind Ausländer. In diesen Fällen richtet sich das Netzwerk auch an die zuständigen Auslandsvertretungen. Doch das Interesse ist verhalten. Inoffiziell heißt es: „Sie wollten nach Syrien, sollen sie doch da bleiben.“

Aber das Dilemma mit Rückkehrern ist doch: Wenn sie nach Frankreich oder Deutschland zurückkommen, werden sie meistens verhaftet und verurteilt. Das stärkt nicht gerade den Willen zur Flucht. Wäre es aber wirklich besser, sie blieben beim IS und kämpften weiter?

François-Xavier Trégan & Thomas Dandois für das ARTE Magazin

 

DER KRIEG

Fünf Jahre tobt nun schon der Bürgerkrieg in Syrien. Mit verheerender Bilanz. Es begann im Arabischen Frühling 2011 mit friedlichem Protest für Demokratie. Seitdem wütet ein vernichtender Bürgerkrieg mit geopolitischen Dimensionen und internationalen Militäreinsätzen. Rund 470.000 Menschen haben ihr Leben verloren. Jeder zehnte Bürger wurde getötet oder verwundet. Etwa die Hälfte der 23 Millionen Syrer ist auf der Flucht – vier Millionen im Ausland.

ENTTÄUSCHTE HEIMKEHRER

Was wird aus deutschen IS-Kämpfern? Drei Fragen an Thomas Mücke, Gründer des Violence Prevention Networks. Weniger Freiwillige, Verluste im Kampf und Fahnenflucht: Die Anzahl der IS-Kämpfer ist laut US-Geheimdienst auf 19.000 bis 25.000 gesunken.

Warum kehren trotz drohender Haftstrafen immer mehr Deutsche zurück? Viele im Ausland rekrutierte IS-Kämpfer bekommen bei ihrer Ankunft in Syrien einen Realitätsschock. Ihnen werden die Pässe abgenommen, sie werden zum Teil eingeschlossen und sehen extreme Gewalt. Manche sind so traumatisiert, dass selbst eine Zelle in Deutschland verlockend erscheint.

Wie stehen die Chancen, ehemalige IS-Kämpfer zu deradikalisieren? Mit desillusionierten oder traumatisierten Deserteuren kann ich arbeiten. Die Chancen stehen gut, sie wieder in die Gesellschaft zu integrieren. An verrohte Überzeugungstäter kommen wir jedoch mit unseren Beratungsstellen nicht heran. Diese Rückkehrer müssen langfristig vom Staat überwacht werden.

Wie unterscheidet sich die Deradikalisierung von Rechtsextremen und Islamisten? Wenn man Nazis ihre politischen Ansichten nimmt, bleibt nichts übrig. Neosalafisten deuten den Islam in eine faschistische Ideologie um. Deradikalisierten Islamisten bleibt ein gemäßigter, toleranter Islam.

DIE DESERTEURE

Rund 100 Kilometer sind es von der IS- Hochburg Rakka bis zur Türkei. Deserteure berichten über den Kampf des IS gegen sunnitische Rebellen statt gegen das Regime von Baschar al-Assad und von extremer Brutalität – auch gegen Zivilisten.

DIE FLUCHTHELFER

Die Rebellenorganisation „Liwa Thuwar al-Raqqa“ hilft den IS-Deserteuren bei der Flucht. Mit deren Aussagen werden die Lügen und Gewalttaten des IS aufgedeckt. So sollen Rekruten zum Umdenken bewegt werden. Abu Shuja und weitere Fluchthelfer sprachen für die ARTE-Doku erstmals mit westlichen Journalisten.

 

François-Xavier Trégan arbeitet als Reporter im Mitteren Osten. Für ARTE berichtete er bereits über zum Tode verurteilte Jugendliche im Jemen und über „Romeo und Julia“, ein Theaterstück über einen Flüchtlingsjungen im Jemen und seine Freundin in der syrischen Stadt Homs.

Thomas Dandois berichtet aus den Krisenherden dieser Welt, darunter Jemen und Somalia. Der Journalist wurde im August 2014 mit einer Kollegin bei heimlichen Recherchen für eine ARTE-Reportage in der indonesischen Provinz Papua festgenommen. Die beiden wurden verurteilt und mussten bis Oktober 2014 in Haft bleiben.

ARTE THEMA SPEZIAL
SYRIEN

Verlorene Welten: Zerstörtes Kulturerbe im Orient

Gesellschaftsdoku
Dienstag, 15.3. | 20.15

Inside Rakka: IS-Deserteure packen aus
Gesellschaftsdoku
Dienstag, 15.3. | 21.00

Vermisst! Syriens geheime Kriegswaffe
Geopolitische Doku
Dienstag, 15.3. | 21.50

Homs – Ein zerstörter Traum
Dokumentarfilm
Dienstag, 15.3. | 23.00

Selbstporträt Syrien
Dokumentarfilm
Dienstag, 15.3. | 00.30

Jenseits von Syrien: Eine Kurzfilm-Collage
Kurzfilme
Dienstag, 15.3. | 02.05

info.arte.tv

 

Kategorien: März 2016