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Wilde Gefühle

Freude, Furcht oder Trauer – Empfindungen entwickelten sich im Laufe der Evolution. Mensch und Tier sind sich dabei näher, als es so mancher wahrhaben will.

 

Illustration © Julian Rentsch

Illustration © Julian Rentsch

Statt einer himmlischen Niederkunft bescherte uns Charles Darwin einen Aufstieg von den Affen. Schmeichelhafte Devolution wurde zur ernüchternden Evolution. Den Karriereknick haben viele Exemplare von Homo sapiens trotz mittlerweile 150-jähriger Bedenkzeit nicht verwunden. Tierische Abstammung einzugestehen, verletzt laut Sigmund Freud unser Selbstwertgefühl – weshalb wir Tiere weiterhin messerscharf von Menschen abgrenzen. Doch derlei Trennung verarmt unsere Lebensperspektive. Dass wir Kinder der Evolution sind, lässt sich an einer Hand ablesen: Weil wir weithin dieselbe Geschichte teilen, sind auch Affenhände fünfgliedrig samt Hautleisten und Plattnägeln. Überlappende Gesichtsfelder, die uns dreidimensional sehen lassen, erbten wir gleichfalls von unseren kletternden Vorfahren.

GETEILTE GESCHICHTE

Dass unsere Hardware anderen Tieren ähnelt, verunsichert uns allerdings weniger als die Behauptung, dass auch unsere Software von geteilter Geschichte zeugt. Denn könnte die Rabenkrähe denken, die Elefantin sich als Ich begreifen, hätte der Bonobo Bewusstsein – würde das nicht unseren Geist, den letzten Hort von Gottesebenbildlichkeit, mit allzu irdischen Existenzen kommun machen? Schlimmere Konsequenzen drohten unserem Gewissen. Denn empfände das Schlachtschwein Todesangst, trauerte die Milchkuh um ihr entrissenes Kälbchen, litte die Mastpute an abartigem Gewicht – dann dürften uns Schnitzel, Milch und Putenbrust weniger munden.

Heikle Fragen, die sich durch Skepsis zumindest entschärfen lassen. Denn wer kann wissen, was in Dickhäutern, Vögeln und Paarhufern vor sich geht? Ist es nicht ohnehin wissenschaftliche Todsünde, Tiere zu vermenschlichen und ihnen Gefühle zuzuschreiben?

Als entsprechende Entlastungszeugen eignen sich allerdings heutzutage nur noch wenige Verhaltensforscher. Im Gegenteil – es ist erlaubt, Tiere bis zu einem gewissen Grad zu „vermenschlichen“ und Menschen zu „vertierlichen“ – hinsichtlich Anatomie und inneren Erlebens. Um die doppelte Verwandtschaft zu belegen, brauchen wir gar nicht die raffinierten Methoden der Paläobiologie, Genetik oder Neurobiologie. Geschwisterschaft in Blut und Geist ist schlicht evident, weil Antibiotika und Psychopharmaka nicht nur bei uns, sondern auch bei Stallvieh und Zoogorillas wirken.

ABGESTUFTE ÄHNLICHKEIT

Noch simpler ist der Schluss von mir auf andere Artgenosssen. Wenn mein Gehirn mir private Emotionen wie Furcht, Freude oder Trauer bescheren kann, spricht wenig dagegen und vieles dafür, dass sich Ähnliches in den Köpfen anderer Menschen abspielt. Diese Empfindungen fielen aber nicht vom Himmel. Es war nicht so, dass eine gefühlsunfähige Urmutter wundersam ein emotional begabtes Kind gebar. Vielmehr entwickelte sich allmählich eine Palette von Empfindungen. Genau deshalb existiert eine abgestufte Ähnlichkeit zwischen den Organismen.

Somit dürften sich für andere Säugetiere, die wie wir in Mutterkuchen heranreifen und an Busen saugen, Wohlbehagen, Stress oder Neugier ganz ähnlich anfühlen. Insofern betreibt Frauchen akzeptable Wissenschaft, wenn sie meint, dass sich Hundi übers Leckerli echt freut. Weil Vögel einen entfernteren Ast des Stammbaumes besetzen, dürfte sich deren gefiedertes Glück anders anfühlen als unseres, die Eifersucht von Fischen (sollte es die geben) dürften wir jedoch wohl kaum nachvollziehen können. Schmerzgefühl teilen diese Wirbeltiere hingegen gewiss mit uns – während Aspirin an Regenwürmer und Korallen verschwendet wäre.

Das Freud’sche Trauma der Mensch-Tier-Unterscheidung lässt sich mithin einfach kurieren. Denn nehmen wir die Evolutionsbiologie ernst, wirkt es nicht kränkend, sondern bereichernd, sich als Tier zu begreifen – als Säugetier im Allgemeinen und Primat im Besonderen. Sie, liebe Mitprimaten, dürfen gerne meinem freudigen Beispiel folgen.

 

Volker Sommer

Volker Sommer, 61, zählt zu den international renommiertesten Primatologen. Er lehrt als Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London. Seine Publikationen wurden in viele Sprachen übersetzt. In Deutschland ist er als scharfsinniger Buchautor bekannt (u. a. „Menschenaffen wie wir“, „Lob der Lüge“, „Darwinisch denken“).

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Kategorien: Februar 2016