Typisch Frankreich: Konferieren mit Franzosen

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Im Februar blickt das ARTE Magazin in die für Deutsche fremde französische Geschäftswelt.

Illustration © Martin Haake

Illustration © Martin Haake

Selten werden die Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen so offensichtlich wie an dem Tag, an dem beide zusammenarbeiten. Wenn ein Deutscher zum ersten Mal an einer französischen Konferenz teilnimmt, die für 11 Uhr angesetzt ist, dann ist er um 11 Uhr da. Pünktlich. Und alleine.

Die ersten Franzosen trudeln frühestens 10, 15 Minuten später ein. Die „collègues français“ finden es höchst verwunderlich, ja fast schon pedantisch, dass ihr deutsches Pendant bereits anwesend ist und eine ach so deutsche Tagesordnung vor sich auf dem Schreibtisch liegen hat. Aus den Augenwinkeln sieht der Deutsche, wie einer der Franzosen seinen Kollegen diskret fragt: „Excusez-moi, helfen Sie mir mal auf die Sprünge, worum geht es heute nochmal?“

Unsere Nachbarn haben an einer angesehenen Hochschule studiert, dort wurde ihnen eingetrichtert, alles im Vorfeld zu lesen und die Informationen in einer strikten Aufteilung in These, Antithese, Synthese zu verarbeiten. Mit dieser Erfahrung und einer gesunden Portion Selbstbewusstsein ausgestattet brauchen sie den ganzen Papierkram nicht, den der Deutsche pflichtbewusst in seinem schweren Leitz-Ordner mit sich schleppt. Sie werden schon verstehen, worum es geht, wenn es darum geht.

Der Deutsche versteht diese Expertise als fehlende Vorbereitung, er kann über diese französische Leichtigkeit höchstens schmunzeln. Er wälzt lieber Aktenberge, damit er schon jede Eventualität gedanklich abgeklopft hat, bevor es zum Kern der Verhandlung kommt. Für ihn steht fest: Konferenzen sind dazu da, um Entscheidungen zu treffen. Zu jedem Punkt gibt es ein klares Ja oder Nein. Ein Richtig und ein Falsch. Ein „Jein“ bringt keinen weiter. „Qui et non“, entgegnet sein französischer Kollege in einer charmant-französischen Art der argumentativen Überleitung. Und holt aus, schwingt eine große Rede über die Anfänge der Firma, bemüht humanistische Überlegungen und transnationale Gegebenheiten – bis keiner der immer noch nicht vollständig Anwesenden mehr weiß, worum es anfänglich ging. Dann unterbricht ein Franzose den ersten, um in universalistischen Argumenten zu schwelgen. Der Deutsche, der eigentlich über die Herstellung von Verschlussschrauben mit Kegelmagnet nach DIN 7604 reden will, versteht die Welt nicht mehr.

Der Franzose hat die großen Linien im Blick, der Deutsche hält strikt an der Tagesordnung fest – die nur er mitgebracht hat. Er will einen wichtigen Punkt ansprechen, der letzte auf der Agenda, doch der französische Chef muss zu einem Geschäftsessen und vertagt die Sitzung – ohne Entscheidung. Seine Papiere lässt er selbstredend liegen. Es wurde schließlich alles gesagt.

Julien Wilkens

 

ARTE Programmhinweis

Karambolage
Sonntags um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen

unter arte.tv/edition

Kategorien: Februar 2016