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„Es gibt kein Happy End“

Immer nah dran: Die Filme des österreichischen Regisseurs Ulrich Seidl gehen stets an die Grenze des Erträglichen. Das Interview zum Berlinale-Schwerpunkt auf ARTE.

Foto © Andreas Jakwerth

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Ulrich Seidls Produktionsfirma im Wiener Stadtzentrum wirkt wie ein gemütliches Zuhause: Altbauwohnung, hohe Decken, Holzböden, die Schränke voller Bücher. In der geräumigen Küche zieren zahlreiche Filmpreis-Trophäen Regal und Fenstersims. „Das war früher die Wohnung meiner Großmutter“, sagt Seidl beim Betreten des Raums. Der Regisseur, bekannt durch Filme wie „Hundstage“ oder „Im Keller“, ist wie immer ganz schwarz gekleidet. Mit dem ARTE Magazin spricht er über seine Suche nach Wahrhaftigkeit und menschliche Abgründe.

ARTE: Herr Seidl, der „Spiegel“ nannte Sie einmal den „Meister des unbarmherzigen Blicks“. Sehen Sie sich auch so?

Ulrich Seidl: Unbarmherzig würde ja bedeuten, dass ich ohne Empathie hinschaue. Und das tue ich sicher nicht.

ARTE: Sondern?

Ulrich Seidl: Mein Blick ist ein wahrer Blick. Ich bin immer auf der Suche nach Wahrhaftigkeit.

ARTE: Beim Zuschauer lösen die Wahrhaftigkeiten in Ihren Filmen oft beklemmende Gefühle aus. Woran liegt das?

Ulrich Seidl: Meine Filme spiegeln das Leben der Zuschauer wider. Es geht um existenzielle Dinge wie Einsamkeit, Sehnsüchte oder Liebe, in denen sich jeder Einzelne wiedererkennt und die mitunter unangenehm – aber wahr – sind. Dabei versuche ich, so authentisch wie möglich zu filmen, um genau diesen beklemmenden Effekt zu erzielen. Es gibt aber natürlich auch lustige Szenen, die den Zuschauer zum Lachen bringen. Allerdings nur dann, wenn er bereit ist, auch über sich selbst zu lachen.

Foto © Andreas Jakwerth

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ARTE: In Ihrer Arbeit gibt es keine klare Trennung zwischen Dokumentar- und Spielfilmen. Warum?

Ulrich Seidl: Weil ich nur durch das Mischen der Genres zeigen kann, was ich zeigen will. Im Dokumentarfilm geht es mir nicht darum, die Realität abzubilden, sondern aus der Realität heraus etwas zu schaffen. Etwas zu kreieren, das durch meinen Filter gegangen ist. Manche Szenen sind also inszeniert, um die Wirklichkeit darzustellen, wie ich sie sehe.

ARTE: Und im Spielfilm?

Ulrich Seidl: Im Spielfilm arbeite ich mit professionellen Schauspielern und mit Laien zusammen. So entsteht die Authentizität im Film, weil die Laiendarsteller oft so sind wie die Rollen, die sie verkörpern. Aber auch die Schauspieler müssen ihre Charaktere so verinnerlicht haben, dass sie sie wahrhaftig leben. Das dauert im Vorfeld eines Drehs sehr lange, aber nur so entsteht die Nähe zu den Protagonisten.

ARTE: War das auch beim Dreh der Spielfilm-Trilogie „Paradies“ der Fall?

Ulrich Seidl: Ja. Margarethe Tiesel, die in „Paradies: Liebe“ eine Sugar Mama in Kenia spielt, musste erst herausfinden, ob sie sich vor der Kamera sowohl psychisch als auch physisch auf junge schwarze Männer einlassen kann. Für Maria Hofstätter war es sehr schwer, die streng katholische Missionarin in „Paradies: Glaube“ zu spielen, weil sie selbst diese Überzeugung nicht hat. Sieben Jahre lang haben wir uns immer wieder damit beschäftigt. Und diese Zeit nehme ich mir als Regisseur. Das machen nicht viele. Die Zeit ist mein Kapital.

ARTE: In der ARTE-Doku „Ulrich Seidl und die bösen Buben“ geht es viel um Ihren Dokumentarfilm „Im Keller“, in dem Sie kuriose Österreicher – vom Opernarien singenden Waffennarren bis hin zum Sadomaso-Pärchen – in ihren Kellern filmen. Was hat Sie daran so fasziniert?

Ulrich Seidl: Der Keller ist tatsächlich und symbolisch ein Ort unter der Erde, wo andere im Normalfall keinen Einblick haben. Der Rest des Hauses ist oft zur Repräsentation da. Nur im Keller können die Menschen aus dem Film sich selbst verwirklichen, ihre Obsessionen und Sehnsüchte ausleben.

Foto © Andreas Jakwerth

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ARTE: Sie sagen, dass in uns allen menschliche Abgründe schlummern. Wie sieht es denn in Ihrem Keller aus?

Ulrich Seidl: In meinem realen Keller gibt es viel Weißwein. Aber wie mein symbolischer Keller aussieht, werde ich Ihnen natürlich nicht verraten!

ARTE: Über Ihre eigenen Abgründe sprechen Sie nicht, zeigen aber die der anderen?

Ulrich Seidl: Sagen wir es mal so, ich sehe mich oft selbst in meinen Darstellern und in den Dingen, die gesagt, gezeigt und gemacht werden. Mit vielem kann ich mich identifizieren. So merke ich, dass es um existenzielle Dinge geht, die auch das Publikum in sich entdecken wird.

ARTE: Sind Sie beim Drehen schon einmal an Ihre Grenzen gekommen?

Ulrich Seidl: Die Frage verstehe ich nicht.

ARTE: Haben Sie etwas, das Sie gefilmt haben, nur schwer oder gar nicht ertragen?

Ulrich Seidl: Ich habe für den Film „Import Export“ unter anderem in einem ukrainischen Kinderkrankenhaus gefilmt. Eine Szene zeigt, wie ein Kind behandelt wird, das keine Luft bekommt. Das fiel mir schwer. Und auch die verrosteten OP-Säle zu sehen, war schlimm. Dennoch war das die Wirklichkeit, da darf man nicht wegschauen.

ARTE: Sie sagen, die Suche nach dem Glück und das Scheitern daran seien filmisch interessanter als das Glück selbst. Warum ist das so?

Ulrich Seidl: Das Glück muss man nicht zeigen, sondern leben. Die meiste Zeit im Leben verbringt man jedoch mit Sehnsüchten, weil viele Dinge nicht zu ändern sind. Und trotzdem schwingt immer der Glaube an die Hoffnung mit. Auch in meinen Filmen. Denn ohne Hoffnung kann man nicht existieren.

ARTE: Käme denn ein klassischer Liebesfilm mit Happy End für Sie infrage?

Ulrich Seidl: Happy Ends sind schlicht und ergreifend falsch. Denn es gibt nie ein Ende. Man weiß nie, ob es nicht doch noch böse ausgeht. Die Liebe ist nichts Beständiges, sondern etwas, das anfängt und sich verändert. Hollywoodstreifen, die damit aufhören, dass Mann und Frau endlich vereint sind, sind Märchen.

Foto © Andreas Jakwerth

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ARTE: Welche Art von Filmen schauen Sie denn gerne privat?

Ulrich Seidl: Mich interessieren Filme, die individuell sind; in denen etwas gezeigt wird, das ich so noch nie gesehen habe. In meinen Anfängen als Regisseur waren Filmemacher wie Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog oder John Cassavetes sehr wichtig für mich. Oder auch Dokumentarfilmer wie Raymond Depardonund Jean Rouch. So ausdrucksstarke Werke gibt es leider immer weniger.

ARTE: Warum?

Ulrich Seidl: Weil es heute viel zu viele Filme gibt. Und mal abgesehen vom Mainstreamkino, ist auch das Arthauskino zum Großteil verkommen. Es ist nicht mehr wagemutig, nicht innovativ, und die Geschichten sind brav, politisch korrekt und angepasst. Hauptsache nirgends anecken. Das ist nicht die Aufgabe des Arthauskinos. Das gibt es schon genug.

ARTE: Woher kommt diese Veränderung?

Ulrich Seidl: Das liegt an der Nachfrage der Zuschauer. Viele Menschen wollen nur noch Entertainment und Spaß. Sie wollen sich nicht auch noch in ihrer Freizeit mit Wahrheiten konfrontieren müssen. Bei meinen Filmen muss man bereit sein, sich damit zu beschäftigen. Das ist keine Berieselung.

ARTE: Auf welche Wahrheiten darf man sich in Zukunft von Ihnen freuen?

Ulrich Seidl: Als Nächstes kommt ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Safari“ heraus, der Jagdurlauber in Südafrika und Namibia thematisiert. Es geht um Menschen, die Spaß daran haben, in ihren Ferien Tiere totzuschießen.

ARTE: Wieder keine leichte Kost …

Ulrich Seidl: Natürlich nicht.

Lydia Evers

 

Zur Person

Ulrich Seidl

Der 1952 in Wien geborene Regisseur, Drehbuchautor und Produzent erhielt für seine Werke zahlreiche internationale Auszeichnungen. Vielen gilt er aufgrund seiner Themen und filmischen Stilmittel als Extremfilmer. Sein Film „Im Keller“ löste 2014 in Österreich einen politischen Skandal aus: Zwei Gemeinderäte der ÖVP mussten zurücktreten, weil sie in Seidls Film im sogenannten „Nazi-Keller“ zu sehen gewesen waren.

 

FILMOGRAFIE (AUSWAHL)

„Tierische Liebe“ (1995), „Hundstage“ (2000), „Import Export“ (2007), „Paradies: Liebe“ (2012), „Paradies: Glaube“ (2012), „Paradies: Hoffnung“ (2013), „Im Keller“ (2014)

 

ARTE SCHWERPUNKT BERLINALE / ULRICH SEIDL

Paradies: Liebe
Drama
Mittwoch, 3.2. | 22.40

Paradies: Glaube
Drama
Montag, 8.2. | 22.15

Ulrich Seidl und die bösen Buben
Porträt
Mittwoch, 10.2. | 22.30

Paradies: Hoffnung
Drama
Mittwoch, 10.2. | 23.20

arte.tv/ulrich-seidl

Kategorien: Februar 2016