Eloquenter Traumtänzer

Er kann alles von Lady Macbeth bis zum Kommissar. In „Zeit der Kannibalen“ gibt sich Devid Striesow als skrupelloser Berater. Möglich macht das: seine Stimme.

Foto © Gene Glover

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Seine Art zu reden entspricht seiner Art zu spielen: Von einem Moment zum anderen springt er von ausgelassen zu verhalten, von Skepsis zum Plauderton. „Devid ist ein Chamäleon“, sagt Johannes Naber, Regisseur der Groteske „Zeit der Kannibalen“. Das Besondere sei, dass er nicht intellektualisiert, sondern aus dem Bauch heraus arbeitet. „Devid spielt wie ein Traumtänzer – und ist dabei exakt und sicher. Wie er das anstellt, ist mir ein Rätsel.“ Das Geheimnis dahinter sei, sich auf den Moment einzulassen, meint Devid Striesow. „Der Vorgang des Schauspielens ist ein sehr kindlicher und spontaner. Man muss den Kopf frei haben und sich fallen lassen. Dann erst wird es lebendig.“ So sei auch die Szene in „Zeit der Kannibalen“ entstanden, in dem ihm sein Filmpartner über den Tisch hinweg auf den Schoß springt. Spontane Eingebung – kein Drehbuch. „In Sebastian Blomberg und Katharina Schüttler habe ich zwei Kollegen gefunden, die genauso ticken wie ich. Das war herrlich.“

DIE MACHT DER SPRACHE

In „Zeit der Kannibalen“ mimt Devid Striesow Unternehmensberater Frank Öllers – einen Zyniker und enttäuschten Idealisten, der seine Sprache als Waffe benutzt, wie Johannes Naber es beschreibt. Mit seinen Kollegen jettet er um die Welt, um Firmen abzuwickeln – immer in der Hoffnung auf die nächste Sprosse der Karriereleiter. In ihrem Kammerspiel schaukeln sie sich in scharfzüngigen Dialogen hoch bis zum großen Finale. Devid Striesow habe intuitiv den richtigen Ton für die Figur getroffen, auch für den Humor der Rolle, so Johannes Naber.
Um dieses Talent zu entfalten, musste das heutige Sprachchamäleon erst in die Lehre gehen. Für sein Vorsprechen an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin hatte er einen Passus aus Heinrich von Kleists „Der zerbrochene Krug“ vorbereitet. „Das war, na ja so so …“, erinnert sich seine ehemalige Professorin für Sprecherziehung Viola Schmidt. Dann aber habe er in seinen Heimatdialekt gewechselt. „Das war sehr komisch und berührend.“ Für Devid Striesow war dieser Moment wie ein Hinweis darauf, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist.
Dass der 42-Jährige heute überhaupt auf Bildschirm und Bühne zu sehen ist, erscheint rückblickend wie die schicksalhafte Verkettung glücklicher Umstände. Wäre die Mauer nicht gefallen, würde der Schauspieler heute vermutlich als Goldschmied Trauringe formen. Und wäre seinem Musikstudium nicht der Zivildienst in die Quere gekommen, würde er vielleicht als Jazzgitarrist in einer Band durch die Lande ziehen.
So aber folgte Devid Striesow, der 1973 im rügischen Bergen auf die Welt kam und in Rostock aufwuchs, dem Ruf der Hauptstadt – zu einer Zeit, als, wie er meint, der Putz noch grau war und von den Wänden bröckelte. „Da wollte ich unbedingt hin.“ Die Bewerbung an der Hochschule für Schauspielkunst war so gesehen Mittel zum Zweck. Es sei jedoch keineswegs eine fixe Idee gewesen, sondern vielmehr der Versuch, „sinnvoll Fuß zu fassen.“ Die Liebe zum Schauspiel aber kam erst später, während des Studiums, das er 1999 abschloss.
Seitdem hat Devid Striesow die unterschiedlichsten Charaktere in Theater, Film und Fernsehen verkörpert. Sei es Lady Macbeth in der Inszenierung von Jürgen Gosch, Kommissar Jens Stellbrink im „Tatort“ des Saarländischen Rundfunks, den bisexuellen Stammzellenforscher Adam Born in Tom Tykwers „Drei“ – seine bisher liebste Filmrolle – oder den SS-Offizier Friedrich Herzog in Stefan Ruzowitzkys „Die Fälscher“, für den er 2007 den Deutschen Filmpreis für die beste Nebenrolle erhielt.
„Ich möchte dich mit den Ohren sehen“ – diesen Tipp hatte Viola Schmidt ihrem Ex-Zögling mit auf den Weg gegeben. Wer Striesows Filme hört, merkt schnell, wie gut ihm das gelingt. „Devid konnte eine ganz eigene Art zu sprechen bewahren“, findet Schmidt. Er schaffe auf einem hohen Niveau, zwischen Filmfigur und dem eigenen Ich zu differenzieren. Striesow weiß: „Eine gute Sprecherziehung macht sich das gesamte Schauspielerleben bemerkbar, vor allem auf der Bühne.“ Und deshalb lautet seine Devise: „Üben, üben, üben!“ Auch heute noch feilt er mit Viola Schmidt an seinem wichtigsten Werkzeug. Wo andere Schauspieler auf ein unverkennbares Rollenbild hinarbeiten, bleibt er lieber Chamäleon. „Die Möglichkeiten der Verwandlung möchte ich auf jeden Fall nutzen. Das ist ein Grund, warum ich den Beruf so sehr mag.“

MIT BRECHT DURCHS LEBEN

Generell gebe es nichts, was er momentan lieber machen würde. „Ich stehe morgens auf und freue mich auf den Tag.“ Und wenn es doch einmal zu turbulent wird, schafft er sich Orte der Ruhe. „Die können in der U-Bahn sein oder in der Uckermark.“ Dort wohnt der langjährige Wahlberliner seit geraumer Zeit mit seiner Frau Francine, den Kindern und Bulldogge Buddy. Langeweile gebe es in seinem Leben nicht. „Ich bin ihr noch nicht begegnet“, scherzt Devid Striesow. Was die Zukunft angeht, hält er es gern mit Bertolt Brecht: „Mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht! Und mach dann noch ʼnen zweiten Plan, geh’n tun sie beide nicht.“

Jessika Knauer

 

ARTE SCHWERPUNKT BERLINALE

Paare (Staffel 2, Folge 2 mit Devid Striesow)
Kurzfilmreihe
Dienstag, 9.2. | 19.05

Zeit der Kannibalen
Groteske
Freitag, 12.2. | 20.15

arte.tv/berlinale, cinema.arte.tv/paare

Kategorien: Februar 2016