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Auf Liebe und Tod

Küsse, Kämpfe, Konfusionen: Zur Doku „CinéKino“ erzählt das ARTE Magazin die leidenschaftliche Geschichte der deutsch-französischen Filmpaare.

Illustration: © SELMAN HOSGÖR; FOTOS: © Mary Evans Picture Libary, Laif © API, GETTY IMAGES © Brad Barket, GETTY IMAGES © Francois G. Durand

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„Ein Mann und eine Frau – was für ein Wahnsinn!“

Isabelle Hupperts Worte klingen in Werner Schroeters Film „Malina“ wie ein bitteres Resümee. Ihr leerer Blick streift hinüber zur Tür, durch die eben noch Ivan (Can Togay) gestürmt war und sie ungestüm liebte. Nebenan Malina (Mathieu Carrière), ihr sicherer Hafen: bieder, zuverlässig, deutsch. Schroeter hatte die furiose Dreiecksbeziehung mit der Französin, dem Ungarn und dem Deutschen besetzt, weil das Trio „eine starke natürliche Spannung versprach“, erinnerte sich der Regisseur in einem Interview. Aus der Zerrissenheit der Frau, der Tatenlosigkeit Malinas, der Naivität Ivans formte er ein reifes Arthaus-Werk, 1991 mehrfach ausgezeichnet und für die Goldene Palme in Cannes nominiert. Deutsch-französische Filmpaare – da trafen schon immer Extreme aufeinander. Sie küssten und schlugen sich, sparten kaum eine Todesart aus – und überschütteten sich gegenseitig mit innigster Zuwendung. Emotion pur. Seichte Stoffe liegen ihnen eher weniger. „Wenn deutsche Schauspieler in französischen Filmen mitwirken, haben sie meist ein Stück Geschichte im Gepäck“, sagt Volker Schlöndorff, Regisseur und intimer Kenner des französischen Kinos. In Kombination mit den dialogreichen, bisweilen melodramatischen Stoffen französischer Autoren erhalten die Filme erheblichen Tiefgang. Fürs Unterhaltungskino ist das meist ungeeignet. Kein Wunder, dass Deutsche und Franzosen in Komödien nur selten zusammen spielen – von wenigen Ausnahmen wie Christian Ditters „Französisch für Anfänger“ (2006) mit François Goeske und Paula Schramm einmal abgesehen. Bereits in den 1930er Jahren standen deutsche und französische Filmstars oft gemeinsam vor der Kamera. Zwischen den Ufa-Studios in Potsdam-Babelsberg und dem französischen Studioverbund Pathé-Natan liefen die Geschäfte gut. Die Franzosen profitierten von der moderneren Studiotechnik der Deutschen; die wiederum freuten sich über die Einnahmen, und hiesige Agenturen konnten ihre Stars in französischen Filmen spielen lassen: So gaben sich 1932 Brigitte Helm und Pierre Blanchar in „Die Herrin von Atlantis“ von Georg Wilhelm Pabst die Hand. Die Deutsche hatte ihren Durchbruch 1927 mit Fritz Langs „Metropolis“; der Franzose galt als Star seit seiner Rolle in Raymond Bernards „Der Schachspieler“ (1927).

Dem Vorbild folgten bald viele weitere deutsche Mimen. So spielte Dita Parlo 1934 die Ehefrau von Jean Dasté in Jean Vigos poetischem Drama „Atalante“. Drei Jahre später sah man sie an der Seite von Jean Gabin in Jean Renoirs „Die große Illusion“. Parlo hatte bald einen festen Platz im französischen Kino. Doch zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wiesen die Behörden sie nach Deutschland aus – das vorläufige Ende ihrer Karriere.

Einer anderen deutschen Film­diva konnte der Krieg weniger anhaben: Marlene Dietrich. Sie war 1930 in die USA emigriert, wurde 1939 US-Bürgerin und kehrte erst 1945 als Truppenbetreuerin mit den Amerikanern nach Deutschland zurück. Ein Jahr später spielte Dietrich mit Jean Gabin, ihrem Liebhaber, in Georges Lacombes „Martin Roumagnac“ – eines der wenigen Beispiele für deutsch-französische Paare, die nicht nur auf der Leinwand Tisch und Bett teilten.

Nach dem Krieg lag die Filmindustrie in beiden Ländern am Boden. Erst zu Beginn der 1950er Jahre standen deutschsprachige Stars wieder im Nachbarland vor der Kamera, darunter Hildegard Knef, Maria Schell, Curd Jürgens und Hardy Krüger – mit mäßigem Erfolg. Auch in Berlin und München bei Ufa und Bavaria wurde wieder gedreht: vorwiegend Heimatfilme und Remakes. Frischer Wind kam in die deutsch-französischen Filmbeziehungen, als Romy Schneider während der Dreharbeiten zu „Christine“, einer Schnitzler-Adaption von Pierre Gaspard-Huit, 1958 mit Alain Delon anbandelte. Wenig später zog sie nach Paris, verlobte sich mit dem Franzosen und spielte in den 1960er und 1970er Jahren in Dutzenden französischen Filmen an der Seite so bekannter Stars wie Jean-Louis Trintignant, Yves Montand und Michel Serrault. Mit Michel Piccoli stand sie sogar sechs Mal vor der Kamera: etwa in „Die Dinge des Lebens“ (1970), „Trio Infernal“ (1974) und „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ (1982). „Die Kombination Schneider und Piccoli war die Idealform des französischen Filmpaars der 1960er und 1970er Jahre“, sagt Claudia Dillmann, Direktorin des Deutschen Filminstituts in Frankfurt am Main. „Das Publikum nahm sie als Französin wahr. Schneider hatte ihre Herkunft abgestreift.“

Hiesige Kinogänger konnten den Wandel von „Sissi“ (1955) zur modernen französischen Frau, wie Claude Sautet und andere Filmemacher sie sahen, nie nachvollziehen. „Die Deutschen verübelten es ihr, dass sie nach Frankreich ging“, so Dillmann, „vor allem die Liaison mit Alain Delon stieß auf Ablehnung.“ Als sie 1968, längst von ihm getrennt, erneut mit Delon drehte, fanden deutsche Kinogänger an „Der Swimmingpool“ von Jacques Deray weit weniger Gefallen als französische. Wie beliebt sie im Nachbarland war, zeigte sich auch, als die Tageszeitung „Le Parisien“ Ende 1999 ihre Leser befragte, wer denn die größte Schauspielerin des Jahrhunderts sei: Schneider ließ alle Konkurrentinnen hinter sich, darunter Jeanne Moreau, Brigitte Bardot und Catherine Deneuve.

Inzwischen hatte sich – nicht nur in Frankreich – das Rollenverständnis gewandelt. Auch gleichgeschlechtliche Paare schafften es auf die Leinwand. So in Jacques Rivettes Verfilmung der Novelle „Die Nonne“ von Denis Diderot: Als der Film, in dem Liselotte Pulver und Anna Karina ein lesbisches Paar spielten, auf Betreiben der Kirche zunächst verboten wurde, protestierten Regisseure und Kritiker aufs Schärfste. 1967 kam „Die Nonne“ schließlich in die Kinos – und spielte Millionen ein. In den 1980er und 1990er Jahren stellten Schauspielerinnen wie Isabelle Huppert und Catherine Deneuve einen moderneren Frauentyp dar. An der Seite von Heinz Bennent spielte Deneuve in François Truffauts „Die letzte Métro“ (1980) die entschlossene Widerstands­kämpferin; in Jean-Luc Godards „Passion“ (1982) stritten Hanna Schygulla und Michel Piccoli darüber, wie sie ihre Ehekrise am besten überwinden könnten. Christoph Waltz schließlich erlag 2013 in Terry Gilliams „The Zero Theorem“ als Computerfreak Qohen den Reizen der Lustarbeiterin Bainsley (Mélanie Thierry), die ihm in dem grotesken Science-Fiction-Spektakel eine Auszeit von seinen seelischen Qualen verschafft – durch sinnliche Liebe.

In Mainstream-Filmen behaupteten sich derweil bekannte Klischees. Etwa in „Die Schöne und das Biest“ von Christophe Gans, einem in Babelsberg produzierten Märchenfilm mit Yvonne Catterfield, Vincent Cassel und Léa Seydoux. Gans setzte auf üppige Kostüme und überholte Rollenbilder – und hatte 2014 in beiden Ländern beachtlichen Erfolg an den Kinokassen. „Doch es sind nicht die Blockbuster, in denen deutsch-französische Filmpaare unvergesslich bleiben“, sagt Filmhistorikerin Claudia Dillmann mit Blick auf aktuelle Produktionen. „Viel stärker brennen sich die leisen Stücke ins Gedächtnis des Publikums ein.“

Frank Lassak

 

ARTE Schwerpunkt Berlinale

Schwerpunkt: Ulrich Seidl

Porträt und Filmreihe „Paradies“
ab Mittwoch, 3.2. | 22.40

arte.tv/ulrich-seidl

Filmreihe: Constantin Costa-Gavras

Die besten Filme des Meisterregisseurs
ab Sonntag, 7.2. | 20.40

arte.tv/costa-gavras

Schwerpunkt: Buster Keaton

Porträt und Kurzfilmreihe
ab Sonntag, 7.2. | 22.50

Paare (Staffel 2)
Kurzfilmreihe
ab Montag, 8.2. | 19.05

Zeit der Kannibalen
Groteske von Johannes Naber
Freitag, 12.2. | 20.15

Sinn und Sinnlichkeit
Literaturverfilmung nach Jane Austen
Sonntag, 14.2. | 20.15

Aus dem Leben eines Schrottsammlers
Drama aus Bosnien-Herzegowina
Sonntag, 14.2. | 22.25

Der müde Tod
Restaurierter Klassiker von Fritz Lang
Montag, 15.2. | 23.55

CinéKino (1+2)

Kulturdokumentationen
Mittwoch, 17.2. | 21.35 und
Mittwoch, 24.2. | 22.15

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Lehrstunden der Harmonie
Prämiertes Drama aus Kasachstan
Mittwoch, 17.2. | 22.30

Die langen hellen Tage
Preisgekröntes Drama aus Georgien
Donnerstag, 18.2. | 22.45

Kurzschluss: Sondersendung Berlinale
Kurzfilmmagazin
Freitag, 19.2. | 23.30

30 Jahre Teddy Award
Dokumentation von Rosa von Praunheim
Samstag, 20.2. | 23.45

Wie Hollywood Ceauşescu stürzte
Dokumentarfilm
Mittwoch, 24.2. | 23.10

Ab 12.2. Livestreams auf ARTE Cinema unter arte.tv/berlinale

Kategorien: Februar 2016