Typisch Frankreich: Wie aus Walküre Weichkäse wurde

Sie sind unsere Nachbarn, doch wie gut kennen wir sie wirklich? Das ARTE Magazin erzählt die kuriose deutsch-französische Geschichte von „La Vache qui rit“.

Illustration: © Martin Haake

Illustration: © Martin Haake

Es ist ein Treppenwitz der deutsch-französischen Geschichte: Ohne Richard Wagner gäbe es den Weichkäse „La Vache qui rit“ – „Die Lachende Kuh“ – nicht. Und die Entstehungsgeschichte dieser Markenikone hat den gleichen faden Beigeschmack wie der Schmelzkäse selbst. Der abstrus klingende Zusammenhang reicht ein Jahrhundert zurück: 1914 versinkt der europäische Kontinent im Ersten Weltkrieg, Frankreich kämpft gegen den Erbfeind Deutschland. Die Einheiten des „Trains“ der französischen Armee sind für die Logistik zuständig. Sie versorgen die Soldaten mit Proviant. Ein Käsemacher aus dem Jura wird dieser Einheit zugeteilt: Léon Bel.Nach zermürbenden drei Jahren des Stellungskriegs will der Führungsstab die Truppenmoral für den weiteren Kampf gegen die Pickelhauben, die „Casques à pointe“, stärken – mit einem Maskottchen. Der bekannte Zeichner Benjamin Rabier gewinnt die Ausschreibung mit einer lachenden Kuh. So kommt das Tier, damals noch mit spitzen Hörnern und braunem Fell, auf die Lkw der Einheit, in der auch Käsemacher Bel dient. Neben der Kuh steht auf den Lastwagen die Wortschöpfung: „Wachkyrie“. Franzosen sprechen das „vache qui rit“ aus, also „lachende Kuh“. Doch natürlich versteht der französische Soldat damals die beleidigende Anspielung auf den verfeindeten – weil deutschen – Richard Wagner und seine „Walküre“. Die schreibt sich auf Französisch nämlich: „Valkyrie“. Die Kriegsrhetorik macht aus einer grandiosen Oper ein grinsendes Rindvieh.

Nach dem Krieg kreiert Léon Bel einen Schmelzkäse, der auch ungekühlt haltbar und in kleinen Stücken portioniert ist. Er kontaktiert Rabier, der seine Lkw-Kuh als knallrotes Markenzeichen neu belebt. Der Clou an der Kuh: Das Tier auf der runden Verpackung trägt eben diese Schachteln als Ohrringe. Diese „Mise en abyme“, dieses Endlosbild, beschäftigt seitdem Generationen von käseschleckenden Kindern.

Seit fast einem Jahrhundert hat die Kuh gut lachen: 95 Prozent der Franzosen kennen die Marke „La Vache qui rit“. Und nicht nur dort: Die lachende rote Kuh ist ein Exportschlager. Sie heißt „The Laughing Cow“ in England, „A vaca que ri“ in Portugal, „Den Leende Ko“ in Dänemark, sogar den vietnamesischen Käufer grinst das rote Rind als „Con bò cuòi“ an. Insgesamt gehen in 120 Ländern jeden Tag zehn Millionen Packungen über den Ladentisch.

Auch der Deutsche greift gerne zum Käse mit der Kuh. Vielleicht wegen der industriellen, geometrisch genauen Aufteilung in Dreiecke, die er sich dann auf sein Schwarzbrot schmiert. Und vielleicht hört er dabei Wagners „Ring der Nibelungen“. Kein Wunder, dass die „Wachkyrie“-Kuh da lacht.

Julien Wilkens

 

ARTE Programmhinweis

Karambolage

Sonntags um 19.30 Uhr und auf arte.tv/karambolage

DVD-TIPP: „Karambolage“ erscheint in der ARTE EDITION. Weitere Informationen unter arte.tv/edition

Kategorien: Januar 2016