magazin

Die Zeitreise der Töne

Von Bachs Orgelwerken bis zu Schönbergs Zwölftontechnik: Jede Epoche hat ihren Klang. Politik, Wissenschaft und Religion prägen die Geschichte der Musik.

 

Illustration: © Julia Pieper

Illustration: © Julia Pieper

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

POMP UND RATIO

Im Barock (ca. 1600–1750) komponieren Händel und Bach musikalische

Meisterwerke.

Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Epoche des Barocks als „absonderlich“ abgetan. Vielleicht wegen ihrer Vorliebe für Allongeperücken, ihrem Hang zum Überladenen. Dabei ist sie auch das Zeitalter der Ratio und Wissenschaft: Johannes Kepler entdeckt die Gesetze der Planetenbewegung, Isaac Newton das Gravitationsgesetz, Gottfried Wilhelm Leibniz das Dualsystem. Noch glaubt sich die barocke Ständegesellschaft in der Ordnung Gottes und wird durch absolutistische Fürsten dominiert. Von Krieg und Pest bedroht schwankt das Lebensgefühl zwischen Verschwendungssucht und Enthaltsamkeit, Lebensgier und Todesgewissheit – stets die Vergänglichkeit vor Augen. Inbegriff barocker Musik sind die Werke von Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel. An abgelegenen Provinzfürstenhöfen wie Weimar, Köthen und Leipzig wird Bach ein universelles, spirituell- visionäres Werk erschaffen. Eine Oper gehört nicht dazu, obwohl die 1607 von Claudio Monteverdi in Italien erfundene Gattung sehr in Mode ist. Etwa in Frankreich, wo Jean- Baptiste Lully am Hofe Ludwigs XIV. selbst wie ein Sonnengott der Oper auftritt. Oder in London, wo der Kosmopolit Händel als Impresario diverser Opernunternehmen in über 40 Opern dem frönt, was dem Barock auch wichtig ist: Pomp, Pathos und Kastraten-Bravourkunst.

WAHRE MUSIK

Die Epoche der Klassik (ca. 1750–1810) steht ganz im Zeichen der Aufklärung. Mozart und Beethoven streben nach dem Ideal.

Klassisch bedeutet so viel wie mustergültig, wahr, voll Ebenmaß, Symmetrie und Harmonie. So soll der Mensch sein, so die Musik, die ihr Zentrum in Wien findet. Die Epoche steht im Zeichen der Aufklärung und der Französischen Revolution 1789. Eine neue Vorstellung von der Würde des Menschen wird etabliert, auch vom Philosophen Immanuel Kant, der an den kritischen Verstand des Menschen appelliert. Alte Ständeordnungen zerbrechen, das Bürgertum erstarkt. „Meine Sprache versteht man in der ganzen Welt“, sagt Joseph Haydn, dessen Schädel kurz nach seiner Beerdigung entwendet wird, um hinter das Geheimnis seiner genialen Streichquartette und Symphonien zu kommen. Der idealistische Ludwig van Beethoven glaubt an die Verbrüderung der Menschheit und vertont Friedrich Schillers „Ode an die Freude“ in seiner 9. Symphonie. Und Wolfgang Amadeus Mozart? Der zeigt in seinen Opern Sympathie für seine Protagonisten, deren Abgründe und Schwächen er wahrhaftig darstellt. Vielleicht liegt darin der Grund, weshalb die Marke Mozart heute auf fünf Milliarden Euro geschätzt wird.

DIE ÄRA DER SEHNSUCHT

Schumanns Träumereien und Schuberts Liebeslieder prägen die Romantik (ca. 1810–1910).

Das Dunkle, Irrationale, Rauschhafte bestimmt das Fühlen und Denken des romantischen Menschen, ein Drang in die Ferne, die unerfüllte Sehnsucht nach der „blauen Blume“, dem Symbol der Romantik. Der Mensch ist zerrissen, der Künstler gefährdet, wie Robert Schumann, der nach einem Selbstmordversuch in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wird. Oder Franz Schubert, der über 600 Lieder komponiert, die von Einsamkeit und Sehnsucht sprechen. Zugleich ordnet sich Europa neu. Die zunehmende Demokratisierung etabliert die bürgerliche Musikkultur, die nicht mehr am Hof, sondern in Konzert- und Opernhäusern stattfindet.

Im Virtuosentum von Niccolò Paganini und Franz Liszt spiegelt sich das technische Denken der Zeit, die auch eine der Industrialisierung ist. Richard Wagner und Giuseppe Verdi prägen die Oper der Hochromantik ab 1850: Wagner mit mythischen Figuren und „unendlichen Melodien“, Verdi volksnah, mit Melodien, die man fast nachsingen kann. In Frankreich rücken Ende des 19. Jahrhunderts Musik und Malerei eng aneinander: Claude Monets Gemälde „Impression“ wird einem Musikstil seinen Namen geben, deren wichtigster Vertreter Claude Debussy ist.

SKANDALE UND NEUE TONALITÄT 

Strawinsky und Schönberg revolutionieren ab etwa 1910 die Musik der Moderne.

Was ist Musik, was soll sie sein? Das sind die Fragen des 20. Jahrhunderts. Radikal wird die Schönheit der Kunst geleugnet. Musik soll nicht mehr harmonisch sein, sondern vor allem wahr, auch hässlich. 1913 geht Igor Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du printemps“ über die Bühne, deren Wirkung mit der einer Bombe verglichen wird. Barbarisch bis zum Exzess getriebene Rhythmen schockieren das elegante Paris. Die Tonalität scheint endgültig zertrümmert, als Arnold Schönberg 1922 die Zwölftontechnik entwickelt. Das Publikum aber sehnt sich mehrheitlich nach der Schönheit der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts zurück und kommt auch in deren Genuss – dank eines zunehmend professionalisierten Musikbetriebs und einer technischen Verfeinerung der Klangreproduktion. Nach dem Zweiten Weltkrieg durchlebt die Musik eine rasante Entwicklung. Es gibt punktuelle, serielle, elektronische, aleatorische Musik. Komponisten wie Karlheinz Stock- hausen, Pierre Boulez oder György Ligeti entlehnen ihre Begriffe aus der Mathematik, Physik und Akustik. Ab den 1970ern gerät diese Avantgarde in die Krise. Eine neue Einfachheit ist gefragt, analog zu den „Neuen Wilden“ in der Kunst. Einige komponieren wieder im romantischen Stil. Andere nicht. Denn die musikalische Postmoderne ist bis heute von einem geprägt: hundert Persönlichkeiten, aber kein eindeutiger Stil.

Teresa Pieschacón Raphael

Kategorien: Januar 2016